Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 28 (1.12.1893)
- Date
- 1893-12-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/1304829-3453273-3453301--3867-3458269- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 2. Gesterreichisch-ungarWe Lantoren-Zeitung. Nr. 28. Der jüdische Gottesdienst. In einer mehrere Jahrgänge dieses geschätzten Blattes durchlaufenden und vor nicht gar langer Zeit beendeten Arükelserie hat Schreiber dieses die jüdisch-traditionellen Tonarten und den auf dieselben gegründeten Synagogengesang in seiner ganzen Eigenheit und Selbstständigkeit einer ausführlichen Erläuterung unterzogen. Gleicherweise ist er nun gesonnen, mit Gegenwärtigem mich dem jüdischen Gottesdienst nebst allen dazugehörigen Cereuwnien und Gebräuchen eine eingehende Bettachtung zu widmen, auf seine-Fehler und Gebrechen hinzuweisen, und hieraus die Erkenntnis zu schöpfen, auf welche Weise ihm geholfen und sein Gesunden herbeigeführt werden könnte. Möge die nöthige göttliche Hilfe dem zagenden Autor zu diesem schwierigen und wenig dankbaren Thema nicht fehlen. Der Wische Gottesdienst! Passt wirklich diese Be- Zeichnung .auf den winzigen Cultus, den wir in der jüdischen Synagoge eine kurze Weile ausüben? Die hebräische Terminologie kennt׳ diesen an Ueberschwänglichkeit grenzenden Ausdruck nicht, wie ihr auch manche ähnliche, scheinbar sehr gottgefällige, aber nichts weniger als der Wirklichkeit entsprechende Redensart völlig fremd ist. Die hebräische Sprache ist bei all ihrer wahrhaften Helligkeit sehr realistisch und nennt solche gottselige, aber ganz inhaltslose Worte bei chrem rechten Namen. So heißt das »Gotteshaus" ״Beth-häk’neses“, Versammlungsort; der ״Gottesacker" ״Beth-hakworausy, Begräbnisplatz, und in gleicher Weise ״Gottesdienst" entweder einfach ״T’phillo“, Gebet oder in poetischer Ausdrucksweise ^vauäok" Dienst. Auch das Wisch-deutsche Idiom, dem doch gewiss keine große Sprachgewandtheit vorzuwerfen und das in seinen Ausdrücken nicht gar wählerisch ist, will durchaus von solchen, Gott immer im Munde führenden Worten nichts wissen und bezeichnet die Handlung des Gebetterrichtens viel sachlicher und tteffender. In der norddeutsch-jüdischen Mundart wird der Act des Betens chaldäisch ״D’awiien“, d. h. ״von unseren Vätern" — im Sinne nämlich^ dass unsere Urahnen, nach talmudischer Sage, die drei Gebetszellen, Schacharis, Mincho und Maariw eingeführt haben, — und in süddeutsch-jüdischer Mundart lateinisch: ״Oreir‘, Beten genannt. Daraus ist also zu ersehen, dass das so hochttabende, von großer Frömmigkeit zeigende Wort ״Gottesdienst" sicherlich nicht dem Wischen Boden entsprossen und nicht an der Mutterbrust der Wischen Religion genährt worden ist. Und in der That, der Jude, dem von Religionswegen sein ganzes Leben und Treiben, sein ganzes Thun und Lassen, vom frühen Morgen bis zum späten Abend, von der Wiege bis zum Grabe haarklein vorgezeichnet und angeordnet ist, dient, wenn er all' dies tteulich befolgt, allerdings insofern Gott, als er dann in Gottes Wegen und Lehren wandelt und in seinen Geboten lebt und sttebt; aber vor allen Dingen dient er damit sich selbst, zur Vervollkommnung und Veredlung seiner geistigen und seelischen Fähigkeiten und Eigenschaften und in zweller Reche auch der ganzen Menschheit, zum leuchtenden Vorbild des gesitteten Lebenswandels, das zum Nachthun und Nachfolgen aneifern soll. Wie nun und mit welcher Berechtigung soll das bischen Beten, und wenn es auch in noch so großen Quantttäten und noch so anhaltend geschieht, der alleinige und einzige Gottesdienst sein können? ' Welcher Schaden daraus erwächst, ob wir den Synagogencuittls Gottesdienst oder anderstwie nennen? Unseres Erachtens esp sehr großer und bedeutender! Abgesehen davon, dass es der obenan stehenden Wahrheit vollständig widerspricht, indem man doch unmöglich mit etwas dienstbar sein kann, was zum eigenen Nutzen und zum eigenen Bedürfnis dient, ist dies auch geeignet, uns vom rechten, wahrhaft jüdischen Wege gänzlich abzulenken und uns auf ftemde, falsche Bahnen zu führen. Denn, wenn Beten gleichbedeutend ist mit Gottdienen, wer möchte dann nicht um so billigen Kauf und mit so geringer Mühe sich Gott gefällig zeigen und ihm recht fleißig und unaufhörlich so dienen? Oder wer würde der so vielversprechenden Verlockung widerstehen, dort, wo man Gott speciell dient, irgend eine Beschäfügung, ein Amt zu erhaschen, um diesen Gottesdienst dann ganz an sich zu bringen und mit ihm — nach dem Muster anderer Bekennttiße — die Religion und das Volk zu beherrschen? Die jüdische Religion ist nämlich keine Religion des müßigen Mundwerks und des blinden Glaubens, sie ist vielmehr die Religion der ttäfttgen, flohen That, des redlichen Sttebens und Wirkens, des ernsten Wissens und Lernens. Sie ist folglich keine Religion im gewöhnlichen Sinne, sie ist — eine Wissenschaft. Glauben heißt bei ihr: unausgesetztes Forschen und wissenschaftliche Ueberzeugung. Wenn nun aber das Gebet als hauptsächlicher Gottesdienst betrachtet wird, so wird dadurch die ganze Religion mit allem, was sie Er- Habenes und Schönes enthält,Ws ihn verschoben, und das ganze Judenthum mit seinem unermesslichen Reichthum an Wissen und Thaten, mit allen seinen 613 Geboten und Verboten muß dann, wie es auch in Wirklichlichkeit nicht anders bei uns mehr ist, vor demzvornehmen Gottesdienste bescheiden zuri'lcktreten und ihm vollständig das Feld räumen. Alle Frömmigkeit, alle Gottesfurcht, alle Religiosität wird ihmallein zugewendet-und ans ihn beschränkt, und hier ist auch der beste, fruchtbarste Boden, wo Frömmigkeit in Heuchelei, Gottesfurcht in Verstellung, und die zur Schau gettagene Religiosität in Herrschsucht sich verwandeln. Anderseits wieder wird alles Heil und aller Segen für die ״Förderung des religiösen Sinnes" in Israel nur vom Gottesdienste allein erwartet, und sind dann auch alle Reformpläne und Neuerungen — aber nicht Verbesserungen — zur Erreichung dieses hohen Zieles darauf gerichtet, den Gottesdienst mit allem Comfort der Neuzeit einzurichten und ihn so ״erbaulich" wie möglich zu gestalten. Da man aber nicht weiß, wie selbst damit anzufangen, so wird Um- und Nachschau beim Nachbarn gehalten, und wie es dort geschieht, muß es ebenso bei uns gemacht werden. Ganz wie die heilige Schrift uns davor warnend sagt: "״איבה יעבדו הגרים האלה את אלהיהם ואשד. כן גם אני Ein solches Gebühren kann unmöglich Gott gefallen und wir wissen es ja, dass der יושב בשםים über Dinge, die ihm missfallen, auch lachen und sich lustig machen kann. Das Wunderbarste dabei ist, dass der Cultus, in dem wir die Concenttaüon des ganzen Judenthums jetzt erblicken,micht einmal biblisch ist, indem wir in der ganzen Thora kein besümmtes Gebot vorsinden, das uns das Beten zur Pflicht macht. Nur der Talmud findet eine Andeutung darüber in Deuteron. 11, 13, und thut darauf den Ausspruch: «איזו עבודה שהיא בלב הוי אומר זו תפלה" darauf allein gründet sich das ganze Gebot unserer Betpflicht. Nun ist hier, aber doppeltes zu beachten, indem sowohl, auf עבודה wie auf בלב Nachdruck gelegt werden muß, und zwar: Erstens — wie es gewöhnlich verstanden wird —״ ־welcher Dienst ists, der mit dem Herzen (und nicht mit den Händen) vollbracht wird, im Gegensatz nämlich zum Opferdienst, der eine Werkthätigkeit war, man muß sagen, das ist das Gebet". Ferner: ״Welcher Dienst ists, dessen Sitz im