Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 27 (11.11.1893)
- Date
- 1893-11-11
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 27. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. Seite 5. Tage sind da schon ziemlich lang, es ist weder kalt noch sehr warm, und von Sonntag bis Donnerstag lässt sich sehr viel bezwecken, ohne dass jemand viel versäumt. Ich zeichne in gewohnter Hochachtung Jak. P o s a m e n t i e r. Antisemitisnms und Sozistdenwkratie. Antisemitismus und Sozialdemokratie heißen die beiden Schlagworte, denen die große Masse des Volkes gegenwärtig, namentlich in Deutschland, Gefolgschaft leistet und ist es darum gewiss von großem Interesse, das Verhältnis dieser Bewegungen zu einander zu prüfen. Von diesem Gesichtspunkte aus dürste der nachfolgende Vortrag des Sozialistenführers und Reichs-. raths-Abgeordneten Bebel, gehalten am letzten sozialdemokrarischen Parteitage in Köln, unseren Lesern willkommen sein. Abgeordneter Bebet sagte: ״Der Antisemitismus hat eine gewisse Bedeutung erlangt, so dass sich der Parteitag damit befassen zu müssen glaubte. Eine solche Bedeutung, wie die Herren Antisemiten sich denken, messen wir der Frage nicht bei. Wir beschäftigen 1ms mit dem Antisemitismus als einer neuen Tag es frage, insofern, als eine politische Partei sich dieser Frage ausschließlich annimmt. Ueber die Bedeutung der Bewegung herrscht noch eine gewisse Unklarheit, so dass eine Erörterung derselben wohl angebracht ist. Wäre die Thätigkeit des Antisemitisnms nur ein Product gewisser Schlagworte, das Product agitatorischer Thätigkeit, dann würden wir uns . nicht damit. zu befassen, haben. Wir haben zu untersuchen, was diese Bewegung ins Leben gerufen hat und wie sie verschwinden zu machen wäre. Die Bewegung wird verschwinden, sobald die Ursachen derselben verschwinden, und diese letzteren werden beseitigt werden in dem Augenblicke, als die sozialen Uebel aus der Welt geschafft werden. Der Antisemitismus als Hass gegen die Juden ist uralt, wir finden dies bereits im Tacitns. Ursprünglich waren die Juden ein Ackerbau treibendes Volk. Erst als sie von einander gesprengt wurden, wandten sie sich dem Handel zu. Sie mussten sich einem Gewerbe zuwenden, welches dort noch keine große Bedeutung hatte, aber doch den Mann nährte: das war der Handel. Wo heute die Juden noch in großen Massen zusammen wohnen, beschäftigen sich auch heute die Inden nicht ausschließlich mit Handel, wir finden dort Handwerker genug. Wir sehen dort, dass die Kapital besitzenden Inden den arbeitenden Juden ebenso ansbenten, wie der christliche Kapitalist mit dem christlichen Arbeiter es thnt. Der Handel der Inden hat sich langsam, aber stetig ausgedehnt. Das Jndenthnm ist dw Religion, ans der das Christenthnm hervorgieng: bald aber stellte sich ein großer Hass zwischen beiden Religionen ein. Dazu trug bei, dass unter den niederen Classen eine Abneigung zwischen verschiedenen Racen 60 1x30 herrscht. Mann sagt, wenn die Inden nicht in Allem verschieden von uns wären, würde» sie sich heute nicht noch vollkommen separire». Aber die Gesetzgebung des Mittelalters nöthigte die Juden dazu, durch den ansgeübten Druck. Wenn eine Nation lange Zeit verfolgt wird und dadurch genötigt ist, sich ans sich selbst zurückzuziehen, so ist es natürlich, dass diese Separation sich in hohem Grade ausdehnt. Vom 12. bis 15. Jahrhundert haben in Deutschland eine Reihe von Judenverfolgungen stattgefnnden, welche das Volk nöthigten, sich erst recht zu separiren. Auch Köln, besonders aber Frankfurt a. M., waren Schauplatz von Judenverfolgungen. Diese Verfolgungen forderten tausende von Opfern. Man kann eine gewisse Bewunderung vor einem Volke kaum unterdrücken, welches trotz der großen Verfolgung und Zersplitterung nach Jahrtausenden noch wackern Schneiderleius eine mächtige Revolution hervor, die Gefahr, welche über seine Glaubensgenossen schwebte, ließ ihn nicht ruhen, und all sein Sinnen war darauf gerichtet, ein Mittel zur Rettung seiner Brüder ausfindig zu machen. Umsonst, dem braven Manne wollte nichts einfallen, und schon war er im Begriffe, gleich den' anderen, sich in Resignation zu ergeben und mit süllem Gebet den Dingen entgegenzuharren, die da kommen werden. Da plötzlich kam unserem Reb'Simche ein Gedanke, der ihn mit fteudigem Schrecken erfüllte. ״Bietet sich mir hier nicht die Gelegenheit dar, den Namen Gottes zu heiligen und den schönsten Tod zu sterben, den Tod für das Wohl meines Volkes?" So fragte er sich und er fasste den muthigen Entschluss, sein Leben zur Rettung -seiner Brüder zu opfern. Der sechste Tag der verhängnisvollen Frist war bereits verflossen, der Rabbiner versammelte den Gemeindevorstaud zu großem Rathe, aber Niemand wusste zu rathen. Da öffnete sich die Thür und herein tritt Reb'Simche Schileider, welcher der Versammlung seinen kühnen Entschluss kundgibt. ״Ich wollte — sagte der Schneider zum Schluss seines Vortrages — Niemandem meinen Entschluss verrathen und mich ohneweiters der Behörde als der gesuchte ״Attentäter" stelleil. Damit ihr mich aber denn doch nicht für einen ״Verbrecher" haltet, mich zu Kowed Jisroel bringet lind für meill Seelenheil lernen lasset, gebe ich euch meinen Entschluss bekannt, von dem Niemaild mich abzubringen im Stcnlde ist. Nun gehe ich nur nach Hause, um meine Familie zu umarmen, und dann stelle ich mich dem Gerichte." Noch bevor die Versammelten Zeit gewinnen konnten, um sich von ihrem Staunen nl'.d Schrecken zu erholen, verließ Reb'Simche das Haus des Rabbiners, er eilte nach Hause, nahm Abschied voll den Seiuigen und meldete sich als der gesuchte Verbrecher. Man machte mit ihm kurzen Prozess und vernrtheilte ihn — unter Berücksichtigung seines freiwilligen Ge ständnißes — zum Tode durch Pulver und Blei. Bevor Reb'Simche auf den Richtplatz geführt wurde, fragte man ihn ״von Amtswegen" nach seinem letzten Wunsche. ״Mein letzter Wunsch — sagte der biedere Schneider — ist, auf meinem letzten Wege die Gasse passiren zll dürfen, in welcher die Synagoge steht". Dieser Wunsch wurde ihm gewährt. Die gesammte Judenschaft, mit dein Rabbiner an der Spitze, erwartete den traurigen Zug vor der Synagoge, und als dieser vorbeikam, erlheilte der Rabbiner dem ״Delignenten" mit von Schluchzen unterdrückter Stimme den letzten Segen. Freudeverklärten Angesichts rief Reb'Simche: ״Lebt wohl, meine Brüder! Ich gehe unerschrocken in den Tod, sterbe ich doch al kidiisah haschem! ״ . . . Eine halbe Stunde darauf fiel Reb'Simche unter den Kugeln der Justizsoldaten. Seine letzten Worte waren: ״Schema Jisroel1‘! Die Gemeinde versorgte natürlich die Hinterbliebene Familie des frommen Schneiders, und alljährlich wird die ״Jahrzeit" des in Gott ruhenden Reb'Simche in Ehren gehalten. Zwei Jahre nach obiger Begebenheit wurde der Bischof von Prag zu einem L kerbenden gerufen, um ihm die Beichte abzunehmen. Der in den letzten Zügen liegende Mann, obwohl Christ, erbat sich auch den Besuch des Rabbiners. In Gegenwart dieser beiden Religionsoberhäupter legte der Sterbende ein reumüthiges Geständnis ab, dass er derjenige sei, welcher am jüdischen Pfingstseste den Ziegelstein gegen den Kaiser geworfen habe, da er wusste, dass die Schuld nur den Juden zugeschoben werden würde. Er bat den Rabbiner nm Verzeihung und vermachte sein nicht unbedeutendes Vermögen der Familie des redlichen Schneiders, der, uni seine Glaubensgenossen zu retten, sein eigenes Leben geopfert hatte.