Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 26 (1.11.1893)
- Date
- 1893-11-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 26. Mesterreichisch-ungarische Lantoren-Aeitung. Seite 5. schon damals zu den Autoritäten ersten Rnnges gezählt wurde. Die Rabbinen gaben sich alle erdenkliche Mühe, um ihn von seinen Irrwegen abzulenken und dem Judenthume zu erhalten, ja sie ließen ihm sogar durch einen seiner Freunde eine jährliche Pension von 1000 Gulden anbieten, wenn er sich entschließen würde, dem traditionellen Judenthum treu anhänglich zu bleiben. Allein alle ihre Anstrengungen blieben ftuchtlos, denn Spinoza war um keinen Preis geneigt, seine!Überzeugungen und Ansichten zu verleugnen, obschon er dadurch als Skeptiker verrusen und von der Gesellschaft gemieden wurde. Als jedoch ein Fanatiker in Amsterdam Spinoza durch einen Messerstich den Garaus zu machen beabsichtigte, verließ er Amsterdam und verfiigte sich nach Rynsburg, wo er bei einem Freunde ein Asyl fand. Später übersiedelte er nach Voorburg und zuletzt nach dem Haag, wo er bis an sein Lebensende verweilte. Kaum hatte er Amsterdam verlassen, als das Rabbinatscollegium der Amsterdamer Gemeinde sich veranlasst sah, ihn mit dem großen Banne zu belegen. — Dieser schwere Bann (Cherem), der am 6. Ab 1656 in der Synagoge zu Amsterdam von den Rabbinen in portugiesischer Sprache von der Kanzel herab in feierlicher Weise verkündet wurde, wurde mit folgenden Worten eingeleitet: ״Die Herren des Maamad thun euch zu wissen, dass sie schon vor einiger Zeit Nachricht von den schlimmen Meinungen und Handlangen des Baruch de Espinoza hatten und sich durch verschiedene Wege und Versprechungen bemühten, ihn von seinen schlimmen Wegen abzuziehen. Da sie dem nicht abhelsen konnten, im Gegentheil erhielten sie täglich mehr Nachrichten von den entsetzlichen Ketzereien, die er übte und lehrte, und von den ungeheuerlichen Handlungen, die er begieng, und sie hatten davon viele glaubwürdige Zeugen, welche sie ablegten und bezeugten, alles in Gegenwart des besagten Espinoza, dessen er überführt wurde. Da dieses alles in Gegenwart der Herren Chachamim geprüft wurde, beschlossen sie mit deren Zustimmung, dass besagter Espinoza sei gebannt und von Israels Nation getrennt, wir ihn gegenwärtig in Cherem legen mit folgendem Cherem ot. (Gr. Gesch. 10. B. Note 1) Spinoza, fern von Amsterdam, kümmerte sich sehr wenig um die dortigen Vorgänge und widmete seine ganze Kraft und Fähigkeiten ausschließlich seinen philosophischen Forschungen. Durch Schleifen opüscher Gläser, das er nebenbei erlernte, erwarb er sich so viel, dass er seine nöthigsten materiellen Bedürfniße befriedigen konnte, ohne auf die Munificeuz Anderer angewiesen sein zu müssen. So oft seine Freunde es versuchten, seine Lage durch Subventtonen verbessern zu wollen, verweigerte er hartnäckig die Annahme derselben. Der Umstand, dass er selbst dem ehrenvollen Rufe als Universitäts-Professor nach Heidelberg Folge zu leisten Anstand nahm, weil er hiedurch in die unangenehme Lage versetzt worden wäre, ein ״religiöses Wechselgeschäft" zu machen, beweist zur Genüge, dass er, trotz seiner destruktiven Ansichten in religiöser Beziehung, ein äußerst biederer Charakter gewesen ist. Unter seinen trefflichen, äußerst gediegenen, gedankenreichen Schriften war der ״theologisch-politische Traktat", in welchem er für die Denksteiheit im Interesse der Religion und des Friedens plaidirte, am meisten epochemachend. Spinoza starb am 21. Februar 1677 an einem Brustübel und wurde von seinen Freunden und Verehren: austs Tiefste betrauert. Kleine Chronik. Wien. Anstoßend an die nunmehr vergrößerte Bibliothek der Wiener Cultusgemeinde befindet sich ein kleines Zimmer, das in ein Gemeinde-Museum umgewandelt werden soll. Wir hatten jüngst Gelegenheit, einzelne Objecte der hochinteressanten, noch im Werden begriffenen Sammlung in Augenschein zu nehmen, und wir müsse:: gestehen, die Idee, die Erinnerung an verdiente Männer der Wiener Cultusgemeinde aus diese Weise zu Pflegen und zu ehren, muß als eine glückliche, den Gemeinsinn anregende bezeichnet werden. Vorläufig enthält das Museum folgende bemerkenswert^ Stücke: 1. Ein vergoldeter, silberner Lorbeerkranz, welcher von der Cultusgemeinde in: Jahre 1879 dem damaligen Vorsteher, Herrn Jos. Ritter v. Wert heim er, anlässlich seiner goldenen Hochzeit gewidmet wurde. Auf den einzelnen Blättern sind Daten aus den: Familienleben und die Namen der unter dem Regime Wertheimer's gegründeten Wohl-- thätigkeits-Jnstitute eingravirt. 2. Die Originalstanze der Medaille,, welche zum 70. Geburtstage Mannheimers geprägt wurde. 3. Der Schreibtisch, welchen der Beamtenkörper der Cultusgemeinde dem verewigten Professor Sulzer zu seinem 70. Geburtstage im Jahre 1874 gewidmet hat. Er bietet ein um so größeres Interesse, als sich auf demselben sännntliche Photographien der damaligen Beamten befinden. 4. Der Entwurf des Mannheimer- Grabmales von Wasserburger. 5. Eine Medaille, geprägt anlässlich des Todes von Dr. Fischof. 6. Eine Büste Sulzers und außerdem mehrere Oelgemälde, Bilder in Kupferstich und Holzschnitt rc. rc. Es wäre wünscheuswerth, wenn dieses Museuni durch andere Objecte, welche sich in Privatbesitz befinden und an verdienstvolle Männer der Wiener Cultusgemeinde erinnern, vermehrt würde. Wir::. Der neue Kriegsminister hat angeordnet, dass die Recruten vor ihrer Beeidigung in ihren betreffende:: Gotteshäusern׳ erscheinen sollen, um über die Heiligkeit des Eides und die opferfreudige Hingebung an Kaiser und Reich belehrt zu werden. In Folge dessen wird Mittwoch den 1. November, u:n 1/4 9 Uhr Morgens ein feierlicher Gottesdienst für die jüdischen Recruten im israelitischen Bethause der inneren Stadt stattfinden. Wien. Wir erhalten folgende Zuschrift: Geehrte Redac-, tion! In der letzten Nummer Ihres geschätzten Blattes ist im Berichte über die Mannheimer-Feier irriger Weise :nein seliger Bruder Julius als Componist des Psalm 134 angegeben. Ich. bitte nun diesen Jrrthum dahin zu berichtigen, dass die erwähnte Piece von meinen: verewigten Vater componirt und in:. Schir-Zion H. Th. enthalten ist. Hochachtungsvoll Josef Sulzer,, Wien. Sonntag den 29. Oktober fand in: Seitenstetten-.! tempel die Trauung des Fräulein Marianne Heller, Tochterj des Blindeniustitut-Directors Heller, mit Herrn Sigmund Rosenbäum statt. Den: ^rauungsacte, welchen Oberrabbiner Tr. Jellinek und Obercantor Singer vollzogen, wohnte ein zahlreiches, disttnguirtes Publikum bei. Man bemerkte unter den Hochzeitsgüsten das Curatorinn: des Blindeninstitntes und zahlreiche Vorstandsmitglieder der Cultusgemeinde. Wien. Herr Jur. Dr. Eduard Thaler, in Kanzlei, des Dr. Herrmann Beer, Wien I., Schulerstraße 1, ist zum. beeideten Gerichtsdotmetsch der ungarischen Sprache für den Sprengel des Wiener Oberlandesgerichtes bestellt worden. Dr. Thaler, ein Sohn des Obercantors Thaler in Oedenburg, ist gleichzeitig auch Secretär der türk. isr. Gemeinde in Wien. Wien. (Vorlesungen in: Bet Ha-Midrasch während des Wintersemesters 1893/94.) Herr Rabbiner Dr. G e l b h a u s: Montag von 6—7 Uhr: jüdische Geschichte, Mittwoch von 6—7 Uhr: Religionsphilosophie. Herr Lector M. Friedman::: Sonntag von 6—7 Uhr: II. Könige von Cap. 8, Dienstag und Donnerstag von 6-7 Uhr: Breschit Rabba, Cap. 84. Herr Lector I. H. Weiß: Sonntag und Montag von 1/*9—10 Uhr: Talmud, Tractat Maccot, Dienstag und Mittwoch von 9—10 Uhr: Maimomdes, Mischna Thora, Hilcliot Maaahalot assurot. Herr Lector Friedmann wird die erste Classe der Gymnasialschüler Samstag von 7a4—726 Uhr und Dienstag Abends nach 7 Uhr, und die zweite Classe Samstag von 7a6—V28 Uhr und Donnerstag nach 7 Uhr in Bibel, Mischna