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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1893-11-01 · Heft 26 (1.11.1893) · p. Seite 4

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
13 (1893)
Issue
Heft 26 (1.11.1893)
Date
1893-11-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. Nr. 26. Ariel ita Costa und Spinoza. Eine biographische Skizze von Dr. M. H. Fricdländer. Uriel da Costa, oder wie sein christlicher Name lautete, Gabriel da Costa wurde ungefähr 1590 in Oporto in Portugal von christlichen Eltern geboren, die einer Marannenfamilie entstammten. Seine Eltern, die schon fromme Katholiken waren, haben chm eine streng katholische Erziehung angedeihen lassen. Er studierte mit heißem Bemühen juridische und theologische Wissenschaften und erhielt in seinem 25. Lebensjahre in seiner Vaterstadt das wichtige Amt eines Schatzmeisters an der Kirche. Allein durch fleißiges Bibellesen wurde in ihm der Wunsch rege, zum Glauben der Väter zurückzukehren. Er resignirte auf sein kirchliches Amt, verkaufte sein schönes von seinem bereits verstorbenen Vater ererbtes Haus und flüchtete sich heimlich mit seiner Mutter und seinen Brüdern, die er ebenfalls zum Uebertritte zum Judenthume anregte, nach Amsterdam, wo sie öffentlich zum Judenthume übertraten. Hier sah sich jedoch Uriel da Costa bald in seinen Er- Wartungen getäuscht. Für das rabbinische Judenthum mit seinen unzähligenCeremonien, Observanzen und Bräuchen konnte er, der geborene Christ, sich durchaus nicht begeistern. Er leugnete die Tradition, wollte außer der Bibel keine Autorität auf religiösem Gebiete anerkennen und setzte sich öffentlich über wichtige religiöse Bräuche hinweg, wodurch er mit der Amsterdamer Gemeinde in Conslict gerieth. Die Nabbinen bedrohten ihn mit dem Banne, so er nicht von seinen, öffentliches Aergernis erregenden irreligiösen Handlungen Nachlassen sollte. Allein da Costa wurde hierdurch noch mehr erbittert und fuhr fort, die wichtigsten religiösen Satzungen öffentlich zu verletzen. Infolge dessen wurde er von dem Rabbinate in den Bann gelegt. Alles in der Stadt wich ihm, dem verrufenen Ketzer, aus, selbst seine nächsten Verwandten, die mit Liebe di^Uligiösen Satzungen beobachteten, mieden seine Gesellschaft, und soMnd er einsam und verlassen da in seiner neuen Heimat. In dieseUtraurigen Situaüon arbeitete er eine Schrift aus, in der er d^ Behauptung aufstellte, dass das Judenthmn die Lehre der Ansterblichkeit der Seele nicht kenne. Bevor jedoch diese Schrift das Tageslicht erblickte, veröffentlichte der Arzt Sanmel da Silva, der wohl von dem Vorhaben des da Costa erfahren haben musste, eine Schrift unter dem Titel: ״Abhandlungen über die Unsterblichkeit der Seele", in der er die Unwissenheit eines gewissen Ketzers geißelte. Diese Schrift regte da Costa noch mehr auf und er beeilte sich sofort, seine ketzerische Schrift nebst einer Entgegnung gegen den Arzt da Silva der Oeffentlichkeit zu übergeben. Diese Schmähschrift veranlasste den Amsterdamer Gemeinde- Vorstand chn beim Magistrate anzuklagen, dass er durch das Verleugnen der Unsterblichkeit der Seele nicht blos die Lehre des Judenthums, sondern auch die des Christenthums öffentlich verletzt und ketzerische Lehren in der Welt verbreitet habe. Infolge dessen wurde da Costa verhaftet, musste mehrere Tage im Kerker schmachten und wurde endlich zu einer Geldstrafe von 300 Gulden verurthellt. Ungefähr fünfzehn Jahre lang lebte er im Banne, allein diese traurige Situaüon wirkte deprimirend auf sein Gemüth und er entschloss sich endlich auf Anregung seines Neffen, sich mit der Gemeinde auszusöhnen und seine Reue, wenigstens mit den Lippen, öffentlich zu üeümden. Kaum aber hatte er sein Sündengestädnis abgelegt, als er heimlich in gewohnter Weise die Religionsgesetze verletzte. Er wurde verrathen und infolge dessen auf's Neue in den Bann gelegt und von der Gesellschaft ausgeschlossen. In dieser traurigen, höchst unerquicklichen Lage lebte er sieben Jahre lang. Länger aber konnte er die Qualen des Bannes nicht ertragen, daher fasste ec - den Entschluss, sich den Anordnungen des Rabbinates mit aller Unterwürfigkeit zu fügen. Er wurde auf Befehl des Rabbinates in die Synagoge gefiihrt, wo er öffentlich in Gegenwart zahlreicher Männer und Frauen feine ketzerischen Ansichten widerrufen und die demüthigste Geißelung an sich vollziehen lassen musste. Dieser schauerliche Akt der öffentlichen Demüthigung wirkte niederschmetternd auf sein Gemüth und in seiner erregten und erhitzten Phantasie sann er auf Rache. Er schrieb nämlich in seinem aufgeregten Zustande seine Leidensgeschichte, in der er Juden und Judenthum auf die schmählichste Weise herabwürdigte und verunglimpfte. Dieselbe hatte den Titel: ״Ein Beispiel des menschlichen Lebens". Nachdem er diese Schmähschrift (April 1640) vollendet hatte, nahm er sich durch einen Pistolenschuss das Leben. Auch eine andere, weit größere und hervorragendere Persönlichkeit als da Costa wurde in Folge der strengen, an Intoleranz grenzenden Verführungsweise des Amsterdamer Rabbinates aus dieser Gemeinde verdrängt. Es war dies der berühmte Philosoph Spinoza. Benedict (Baruch) Spinoza wurde am 24. November 1632 in Amsterdam geboren. Er bekündete ftühzeiüg schon einen großen Geist und überragte in der Amsterdamer Lehranstalt ״Talmud Thorau, die er fleißig frequenürte, alle seine Mitschüler. Infolge dessen erwarb er sich die Liebe feines Lehrers Saul Morteira in solch' hohem Maße, dass jener ihn bei jeder Gelegenheit auszeichnete. Spinoza's großer Wissensdurst aber war von dem Talmudstudium allein noch nicht befriedigt, sein Streben gieng vielmehr dahin, sich auch auf dem Gebiete profaner Wissenschaften reiche Kenntniße anzueignen. Er hörte fleißig die Vorlesungen des als Philologen damals berühmten Arztes Franz van der Emden und brachte es bald in der Kenntnis der lateinischen, spanischen, portugiesischen, holländischen, französischen, italienischen und deutschen Sprache zu eurer staunenswerthen Fertigkeit. Mit besonderer Vorliebe aber betrieb er das Studium der Philosophie. Er studierte mit heißem Bemühen sowohl die Schriften Maimonides, Gersonides und Creskos als die des Cartesius. Durch die philosophischen Grundsätze des Letzteren gerieth er auf Ab- Wege, die ihn zum Skepticismus leiteten. Trotz seines sittlich reinen, tugendhaften Lebenswandels, trotz seines biederen Characters wendete Spinoza dem Glauben seiner Väter den Rücken, besuchte nie die Synagoge und verletzte die Speisegesetze und sonsüge religiöse Bräuche und Ceremonien. Selbst die missbegierigen Jünger, die sich um ihn schaarten, suchte er mit seinen Ansichten und Anschauungen vertraut zu machen. Infolge dieser Verfahrungsweise, die allgemein öffentliches Aergernis erregte, wurde er vor das Rabbinatscollegium geladen und ernstlich ermahnt, die einmal betretene Bahn der Irreligiosität zu verlasse:!. Allein Spinoza war nicht im entferntesten geneigt, die Ermahnungen seiner Lehrer zu beherzigen und perhorrescirte nach wie vor die wichügsten religiösen Satzungen und Lehren. Dieser Starrsinn veranlasste die Rabbinen und Vorsteher der Amsterdamer Gemeinde, ihn anfangs mit dem leichten Banne zu belegen. Mit allzugroßer .Strenge wollte man anfangs gegen ihn nicht verfahren, weil man der Befürchtung Raum geben zu müssen glaubte, dass er zum Christenthum übertreten und dann dem Judenthume umso gefährlicher werden könnte, - als er infolge seiner ungewöhnlichen Geistesgaben und üefen Gelehrsamkeit

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