Mannheim
Compact Memory

Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1893-11-01 · Heft 26 (1.11.1893) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
13 (1893)
Issue
Heft 26 (1.11.1893)
Date
1893-11-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/1304829-3453273-3453299--3850-3458250
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Nr. 26. Gesterreichisch-ungarische (Lantoren-Zeitung. Seite 3. Zeichen" beglückwünscht, und der Dank für diesen Glückwunsch wird mit den Worten cbajim towim ״Gutes Leben" erwidert. Die Zettelchen, die über dem Haupt der Wöchnerin und an allen 4 Wänden befestigt werden, sind viel einfacher als bei den Aschkenasim, aber auch voll von Kabbala; sie beginnen mit den Worten: Adam w’cbawa Chawa w’adam cbuz mililith und enthält überdies den Namen Scbaddaj ״Allmächtiger" oder vielmehr wörtlich der Sichselbstbegnügende,und Permutationen und TranscriPtionen des göttlichen Namens, wie er in den kabbalistischen Schriften zu finden ist. Dass die Beschneidungsfeier feierlich zugeht, ist selbstverstündlich; die Mezizab ist noch hier in voller Kraft. Der Platz, auf dem der Pathe sitzt, wird mit reichgeschmückten Polstern belegt und in der Regel gehören diese Polster mit in das Ausstattnngsgnt der Frau. Dieser religiöse Act wird in der Regel in der Synagoge vorgenommen und werden nach Schluss Bonbon s, die mit dein ״Magen-David" geziert sind, unter die Anwesenden vertheilt. Die Sitte, Süßigkeiten in der Synagoge zu vertheilen, ist eine allgemeine, so werden auch nach den Trauungen 1)01663, Süßes vertheilt. Trauungsreden werden fast gar nicht gehalten, trotzdem versuche ich es dieselben einzuführen, ohne dafür honorirt zu werden. Denn die Sephardim als gute Kenner der Gemara sagen im Namen Gottes, dass der Rabbiner auf jedes Honorar verzichten müsse: mah ani be’cbinom af atto be’cbinom. ״Wie ich, spricht Gott der Herr, ohne Lohn zu erwarten und zu empfangen, die Welt erschaffen habe, und sie noch immer erhalte, musst du Mensch das Wort Gottes künden und verbreiten ohne Lohn zu erwarten. Es soll dies durchaus. keine Ironie oder Anekdote sein; denn in meiner Eigenschaft als Aw betbdin (Vater des Gerichtshofes) kam vor 3 Wochen ein Lehrer, der den Sohn eines begüterten Mannes zur Barmizwa vorbereitet und ihm auch eine hübsche Derascba einstudiert hatte, sich beklagen, dass dieser gute Mann ihn nicht bezahlen wolle, obwohl der Lehrer von Vornherein eine Bezahlung gefordert hatte. Herr wurde vor das Beth-Din citirt, und auf meine Frage, mit welchem Rechte er denn wortbrüchig werde, sagte er kaltblütig die von uns angeftihrten Worte: mab ani be’cbinom af atto be’cbinom. Ich erwiderte ihm hierauf, dass Gott als Herr der Welt diesen Ausspruch wohl thun konnte, dass er aber zu zahlen verpflichtet sei, weil der Lehrer sich die Bezahlung von Vornherein ausbedungen hatte, da er seinen Pappenheimer kannte. Zur Ehre dieses Herrn sei der Wahrheit gemäß mitgetheilt, dass er dann doch den Lehrer seines Sohnes bezahlte. Eine weitere sicherlich nachahmenswerthe Sitte ist, dass beim Verlesen der Thora die Kinder und Verehrer einer Person, selbst wenn dieselben schon verheiratet sind und Kinder haben, wenn dieselbe zur Thora gerufen wird, sich von ihrem Sitze erheben und, so lange die Parescba verlesen wird, stehen bleiben. Es ist diese Art der Verehrung eine erhebende und schärft die Pflicht kindlicher Dankbarkeit stets von Neuen! ein. Wenn Jemand einen Knaben bekommt, so wird ihm das se’cbus letbora, ״das Verdienst zur Thora rufen zu lassen", das gewöhnlich licitirt wird, verehrt. Doch spanische Höflichkeit verbietet, dies anznnehmen, und man muß seinerseits immer anderen Personen verehren, die ihrerseits dieses Ehrenamt für den Samstag übernehmen. In der Nacht vom 7. auf den 8. Tag, also den Abend vor der Beschneidung, wird die sogenannte Wach nacht gehalten, die thatsächlich hier, genau so wie die Pessachnacht in der Thora, 161 scbimurim genannt wird. Es kommen 10 Cbacbamim zusammen und lernen Thora, Mischnah, Gemarah und la8t not least — den Sobar. Es wird dann bald nach Na’rib eine Mahlzeit arrangirt und in heiterem Gesprüch, aber nach dem talmudischen Princip siobatban scbel talmide cbacbamim z’ricba limmud vorgegangen. Es besteht übrigens auch ein eigenes Büchelchen für diese Wachnacht. Bei der Beschneidung lässt die Prijab viel zu wünschen übrig, trotz des talmudischen mo'l velo para’ ke’illu lo mol. Die Mezizab ״das Aufsäugen des Blutes", das für den Mohel lebensgefährlich werden kann, steht in voller Kraft; allerdings nimmt der Mohel Wein in den Mund und mit unglaublicher Schnelligkeit gibt er das aufgesaugte Blut heraus. Dass der Mohel die Operation der Circumcision als Mizwab betrachtet und sich in keiner Weise bezahlen lässt, mag nur aus dem Grunde hervorgehoben werden, weil in Europa diese Sitte von Tag zu Tag seltener wird. Uebrigens sind hier sämmtliche S ch o ch t i m auch Mohelim. Wie bereits erwähnt, wird der Act der Circumcision in feierlicher Weise vorgenommen und der Thronsessel des Propheten Elijahu ist reich geschmückt mit goldgestickten Pölstern, die einen Theil der Ausstattung der Braut bildeten. Diese Pölster und Decken, die einen Werth von Hunderten von Gulden repräsentiren, sind 8 Tage hindurch auf dem Bette der Wöchnerin, die im Kindbette liegt, zu sehen, denn im Oriente gilt noch immer das Psalmisten-Wort binneb nacbalatb adonaj bonim se’cbor pri baboten. ״Siehe, ein Erb theil Gottes find Söhne, ein Lohn die Leibesfrucht" (Psalm 127 Vers 3). Darauf weist auch der Umstand hin, dass am Tage des Britb-milab in der Synagoge nebst dem scbir scbel jom vom Psalm 127 mit dem 3. .Vers binneb nacbalatb adonaj begonnen, und der Schluss dieses Psalmes und der ganze 128. Psalm recitirt werden. Dem Britb-milab folgt natürlich die Suda scbel mizwab, die Mahlzeit, der anzuwohnen ein Verdienst ist; es wird daselbst natürlich vom Rabbiner eine kleine verascbab, von den Spagnolen derascbit» genannt, gehalten und auf das Wohl des jungen Weltbürgers bo socbor boob simcbob 16010m kommt ein Knabe, kommt Freude in die Welt — getrunken n. z. wird dem Vater des Kindes der Wunsch be’siman tow ״unter gutem Glücksstern" und dem Gevatter und Mohel die Worte etb kol bamizwotb zugerufen. Der Vater antwortet mit den Worten lecbajim towim, und Gevatter und Mohel entweder mit dem spanischen otro tanto d. h. ״wir wünschen dir das Gleiche" oder hebräisch gam atto tiskeb ״auch du mögest rein sein, um die göttlichen Gebote zu erfüllen." Dass der Bräutigam die ganze Woche ein großer H e r r ist, haben wir bereits erwähnt, in der Synagoge der Kehilla-Aschkenasim, die heute ebenso eifrige Spagnolen sind, wie die geborenen Sephardim, sitzt der Bräutigam, umgeben rechts und links von den Unterführern während des ganzen Schachrith und Mußafgebetes auf den Treppen, die zur heiligen Lade führen. So groß ist die Hochachtung, die dem Bräutigam gezollt wird, dass das tadelnde Prophetenwort acberebem 61 becbal adonaj (Jechezkel, Cap. 8, Vers 16) unbeachtet bleibt. Ob wohl dieser Minbag auch Thora ist? In Miinbag-Aschkenasi der Sephardim ist auch ein besonderer Jozer für den Bräutigam, ja sogar in der Kedusebab zum Mußafgebete bei den Worten ani adonaj elobecbem, ״Ich der Ewige, Euer Gott" wird ein Segen für den Bräutigam eingeschaltet. (Fortsetzung folgt.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.