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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1893-10-21 · Heft 25 (21.10.1893) · p. Seite 6

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
13 (1893)
Issue
Heft 25 (21.10.1893)
Date
1893-10-21
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Aeitung. Nr. 25. bewussten Stadt zu, stellte sich mit diesem Zeugniße als ihren Verwandten vor und erhielt von Allen eine bedeutende Unterstütznng. Auf dem Rückwege traf erst der Betrogene den Betrüger an. Er weinte und jammerte über den Verlust seines Zengnißes, über den frechen Diebstahl, den er an ihm verübt hat. Doch der Unverschämte suchte ihn zu beruhigen, indem er ihm das gestohlene Document zurückgab. Was nützt nur das jetzt mehr, klagte der Unglückliche, nachdem Du Dich bereits bei meinen Verwandten als meine Person vorgcstellt hast. Hättest Du ihnen Deinen wahren Namen gesagt, so wärest Du auch nicht unterstützt worden. Käme ich jetzt mit dem Zeugniße zu ihnen, so würden sie mich abweisen und als Betrüger betrachten, da sie mich doch nicht persönlich kennen. Dieses Moschol ist ähnlich der Geschichte Jakobs und Esaus, und die Anfangs angeführte Bibelstelle ist so zu deuten: Hätte er dem Vater seinen wahre!׳. Namen als Jakob genannt, so hätte er ihm den Segen nicht ertheilt; aber er nannte sich mit meinem Namen, Esan, dem blinden Vater gegenüber, und darin liegt der Betrug. W.r. (Fortsetzung folgt.) Kleine Chronik. Wir». Der 100. Geburtstag des seligen Predigers Mannheimer wurde Dienstag, den 17. October durch eine großartige Feier im Scitcnstettentempel festlich begangen. Unter den Anwesenden bemerkte man den Bicc-Präscs der Cultusgemeinde, Gemeinderath Simon, mit sämmtlichen Vorstandsmitgliedern, den Bice-Präses der türk. Gemeinde Herrn Licco Adutt, die Gemeinderäthe Ritter v. Goldschmidt, Dr. Stern und Baurath Stiaßny, Baurath Taussig, Abgeordneter Dr. Byk, Abgeordneter Dr, Bloch, Schriftsteller Emauuel Baumgarten, Oberrabbiuer Dr. Güdemaun und zahlreiche Rabbinen, Cantorm undReligionslehrer re. Die Feier begann mit der Absingung des Sulzer'schen (O-äur), woraus die seinerzeit zum 70. Geburtstage Mannheimers von Julius Sulzer componirte Festhymne Ps. 314 aufgeführt wurde. Die cantorale Function des Herrn Obercantor Singer, der ganz außerordentlich gut disponirt, mit seiner mächtigen Baryton-Stimme überraschende Effecte erzielte, sowie die trefflichen Leistungen des Chores unter der Leitung des Chor- Meisters Josef Sulzer gaben der Feier einen würdevollen Charakter und bereiteten eine andächtige Stimmung vor für die nachfolgende Gedenkrede des Meister der Kanzelberedtsamkeit Dr. Jellinek. Nach einer allgemeinen Würdigung der ausgezeichneten Geistes- und Herzenseigenschaften Maiinheimer's, seines regen Sinnes für Freiheit, Humanität und Gerechtigkeit, erwähnte der Redner die Thätigkeit, die Mannheimer in der ersten gesetzgebenden Versammlung, in der er Sitz und Stimme hatte, entfaltete und in welcher er mit Berufung auf die Lehren des Judeuthums für die Aufhebung der Todesstrafe sprach. Dr. Jelinek hob auch hervor, wie Mannheimer, als sich acht Jahre vor der Verjüngung Oesterreichs eine Stimme für die Beschränkung der medicinischen Studien gegen die jüdischen Aerzte erhob, von Menschenliebe und Schonung sprach und Anklagen widerlegte. Dr. Jellinek schloss ,mit dem Wunsche, dass Mannheimer's Name ein Segen für seine Gemeinde, für das Judenthum sein möge. — Mit der Aufführung des großen Hallelujah von Sulzer wurde die schöne und erhebende Feier beendet. — Der Vorstand der Wiener Cultusgemeinde hat beschlossen, das Andenken. Mannheimer's durch einen ״Mannheimer-Fond" sowie durch" Anbringung einer Gedenktafel im Seitenstettentempel zu ehren. Außerdem wird das lebensgroße Bild des unvergesslichen Predigers und Organisators im Sitzungssaale der Wiener Cultusgemeinde angebracht werden. Wien. Sonntag, den 15. October, 11 Uhr Vormittags wurde die hiesige israel.-theologische Lehranstalt eröffnet. Die Feier hatte in Folge Erkrankung des Präsidenten des Curatoriums, Baron König sw arter, sowie wegen der beschränkten Räumlichkeiten, einen schlichten Charakter, darf aber trotzdem in ihrer Bedeutung nicht unterschätzt werden. Man bemerkte unter den Anwesenden die Mitglieder des Rabbinates, die Lektoren des Bethamidrasch, die Herren David und Wilhelm Ritter von Gutmann, den Vicepräsidenteu und mehrere Vorstandsmitglieder der Cultusgemeinde, Reichsrathsabgeordueteu Dr. Bloch, Dr. Beudieuer als Delegirter der Prager Cultusgemeinde, mehrere Cantoren und Religionstehrcr rc. Ober-Rabbiner Dr. Güdemaun begrüßte zunächst die erschienenen Festgäste, den Lehr-Körper und die Studierenden der Anstalt und kennzeichnete in seinem Vortrage das Gebiet der jüdischen Wissenschaft, Bibel, Talmud, jüdische Geschichte und hebräische Sprache, indem er hiermit die Organisation und die Ziele der theol. Lehranstalt darlegte. Herr Cnltusgemeindevorsteher K a r p e l e s, dankte hierauf, als Präses- Stellvertreter des Cnratvriums, der hohen Negierung, sowie den Förderern und Gründern der Anstalt und erklärte nach einem dreiifachen Hoch auf Se. Majestät den Kaiser, welches die Versammlung begeistert ausbrachte, die jüdisch-theologische Lehranstalt eröffnet. Nunmehr hielt der Rector Dr. S ch lv a r z eine freie Rede, in welcher er ״Lernen und Lehren" als Ziel und Zweck eines jeden Lehrhauses in Israel erörterte. Das Schlusswort hatte Herr Dr. B e n d i n er, welcher die Grüße der Prager Gemeinde übermittelte und Wünsche für ein segensreiches Gedeihen der Anstalt aussprach. Wien. Bei der Fundamentansgrabnng für die neuen Häuser auf dein Grunde des Schwarzenberg-Palais wurde kürzlich ein interessanter Fund gemacht. Die Erdarbeiter förderten nämlich einen geborstenen Grabstein zu Tage, welcher eine hebräische Inschrift aufwies. Der Stein wurde der israelitischen Cuttnsgemeinde .übermittelt, und wenn die Inschrift desselben auch noch nicht euträthselt wurde, so bestätigt sich durch den Fund doch die Annahme älterer Historiker, dass sich um das Jahr 1000 an der Stätte des alten Kärnthnerthor-Theaters, wo jetzt das ״Hotel Sacher" steht, der älteste Wiener Inden-Friedhof befand, von dem aus offenbar der Stein einst auf seinen gegenwärtigen Fundort verschleppt wurde. Budapest, 10. October. Die Miskolczer israelitische Religionsgemeinde konnte es bis jetzt nicht durchsetzen, dass ein ungarischer Prediger angestellt und somit der ungarischen Sprache in der Synagoge Einlass verschafft werde, trotzdem die Mehrzahl der Mitglieder es!vünschten. Ihre diesbezüglichen Bestrebungen scheiterten an dem Widerstand der orthodoxen Minorität, die auch beim Cnltnsminister gegen den Vorstand Klage erhob. Da entschloss sich die Gemeinde zu einem entscheidenden Schritt. Die gesammte Repräsentanz kam heute unter Führung des Präses Grünseld nach Budapest, um beim Cultusminister vorzusprechen. Der Minister, Graf Csaky, übernahm das umfangreiche Memorandum und versicherte die Deputation, dass er die Angelegenheit Persönlich untersuchen und dann sein Urtheil mit vollster Objektivität fällen werde. ~ Verocze. Eine besondere Ehre wurde in den letzten Tagen der hiesigen Cultusgemeinde zu Theil. Am 14. d. M. besuchte der Banns von Croatien-Slavouien und Dalmatien Graf Khueu H e d e r lv a r Y, anlässlich seiner Reise in Stavonien, unsere Ltadt und beehrte bei dieser Gelegenheit auch die jüdische Synagoge mit seiner Anwesenheit. Der Tempel war innen und außen festlich geschmückt, und vor dem Eingänge desselben hielt der Geineinde-Borsteher, Herr Julins Lacke n b a ch er, eine schwungvolle Begrüßungs-Ansprache, welche der Banns sehr gnädig beantwortete. Unter Örgelklang wurde hierauf der Banns in das Innere des Gotteshauses geleitet, und als er mit den hohen Staatswürdenträgern ans seinem Ehren-Sitze Platz genommen hatte, stimmte der Tempelchor einen Psalm mit Orgelbegleitung an, wobei die Soli von unserem Ober-Cantor, Herrn Emauuel R o t h, sehr wirksam zu Gehör gebracht wurden. Mit dem Absingen eines patriotischen Hymnus fand die Feier einen würdigen Abschluss. Beim Empfange der Deputationen wurde die Cultusgemeinde in den Reihen der Confessionen empfangen, und ward nnserm Ober-Cantor die hohe Ehre zu Theil, dass sich der Banns über ihn in der lobenswerthesten Weise aussprach, indem er unter Anderem sagte: Der Empfang im Tempel war sehr schön,

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