Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 24 (11.10.1893)
- Date
- 1893-10-11
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Nr. 24. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Aeitung. grüßen, die die Knechtschaft des Mittelalters an sich nicht erfahren haben. Man ftihlt es, dass sie nicht von Ausnahmegesetzen geplagt und gedrückt wurden, und es zeigt von dem feinen ästetischen Geschmack der heutigen Sephardim, dass sie hebräische Dichtungen von spanischen Dichtem, die nach 1492 geblüht haben, in das Machsor nicht ausgenommen haben. Von 6 Uhr Morgens bis 7 Uhr Abends dauert.der Gottesdienst ununterbrochen, und die Recitative, mit welchen alle Gebete, Wort für Wort vorgetragen werden, empfehlen sich umsomehr, als die meisten Frauen o h n e G e b e t b u ch in die K e 11 i 1 l]a 11 — denn so wird hier jede Synagoge benannt — kommen, wahrscheinlich aus dem einfachen Grunde, weil sie Analphabeten, d. h. des Lesens unkundig find. Dass es in dieser Hinsicht mit der göttlichen Hilfe besser werden wird, dafür habe ich bereits Sorge getragen, und ist' der Lerneifer der Mädchen ein sehr großer. Auch ist für tüchtige Lehrkräfte, besonders in Bezug auf hebräische Sprache gesorgt worden. Auch das Gotteshaus ist leider hauptsächlich für die Männer berechnet; in den Synagogen ist für Frauen entweder gar kein Platz oder ein sehr bescheidener und beschränkter. Es ist auch . dies der Einfluß des Mohamedanismus, der die Frauen in den" Harem verweist, während das Jüdenthum schon von der Zeit des Talmud angesangen, die religiöse Belehrung und "Erbauung ' in erster Reihe den Frauen und Mädchen ertheili wissen'^ will. Zu den Worten der heiligen Schrift: ״So sollst du sprechen , zu dem Hause Jakob" bemerkt Rabbi Salomo ben Jizchak de Troyes, gewöhnlich Naschi genannt, im Namen des Talmud und Midrasch: du hanoschim, das sind die Frauen, d. h. die Weiblichen Personen des jüdischen Volkes. Das Sukkotsest, als das Fest der Freude par excellenc^ wie es ja auch in der Liturgie Se'inan snnchbssenu heißt^ wirdu, im Oriente, wo das allgemeine Gesetz der Trägheit ganz besonders ׳,!: zum Vorschein kommt,sehr gefeiert. Zur Steuer derWahrheitmüsseu. wir jedoch bekennen, dass sowohl die orthodoxe Staatskirche wie der Mohamedanismus noch viel mehr derartige Feiertage besitzen.. Nicht nur, dass am Chol hamöed sowohl Sukkoth wie Pessach die Geschäfte nicht geöffnet und die Gebetriemen, Tefillin, nicht angelegt werden, auch die Zeit zum Beginne des Morgengebetes wird einem Festtage entsprechend anberaumt. Während an gewöhnlichen Tagen das einfache Wort Schalom (Friede) als Gruß und Gegengruß gilt, und am Sabbat der Gruß Schabbat schalom ״Sabbat Frieden" mit Schabbat schalom meworach, ״der Sabbat-Frieden |[ei gesegnet" erwidert wird, wird während des ganzen Möed (also acht Tage Sukkoth, acht Tage Pessach und zwei Tage Schabuoth) der Gruß Moadim le’simcha (die Festtage seien zur Freude) durch den Gegengruß Chagim us’manim le’ssasson, ״die Feste und Zeiten seien zur Wonne" abgelöst. Am Rosch-haschanah und Jom- Kippur wird nicht wie bei uns der Gruß Leschonoh tauwoh tikossew wetichossem, ״in einem guten Jahre mögest du eingeschrieben und besiegelt werden" gebraucht, sondern der Gruß lautet tiskeh leschanim raboth, ״du mögest (vor Gott) rein erscheinen für viele Jahre" und als Gegengruß wird gebraucht tiskeh wetichjeh wetaarich jamim we’schanim ״du mögest , (vor Gott) rein erscheinen und lange Tage und Jahre leben" Beim Abschiede eines Besuches aus der Sukkah wird das Schlußwort wehejitah ach someach ״du mögest nur fröhlich . sein" angewendet. (V. Buch Mosis, Cap. 16, Vers. 15). Beim Abendgebete wird nicht wie bei den Aschkenasim der Bibel- ־ satz waj’dabber Moscheh eth moad’e adonaj etc. , ״und Moses verkündete die Festtage des Ewigen den Söhnen Israels", sondern gleichfalls der dem Pentateuch entnommene Satz, eleh , moade adonaj ascher tikrou etc., ״das sind die Festtage i des Ewigen, die ihr verkünden sollet zur festgesetzten Zeit". Psalm 42 und 43 wird vor Beginn des Abendgebetes, Mincha;15ש• Arwit, ־ während der acht Tage des Sukkoth-Festes ge- :Zungen, und dieselben Psalmen nach Schluß des Mußafgebetes. s : . Abweichend von dem Minhag-Aschkenasi wird an den ״Feiertagen, selbst.wenn dieselben nicht auf einen Samstag fallen, ^Hakol joducha, ״Alles wird dich (lobend) bekennen" uub El erzogen würden dazu bei, den religiösen Charakter desselben in. Verruf zu bringen, zogen die Klagen von Vollfleisch über Brust, und Zunge noch andere Unzuftiedene nach sich, die für..die vielen Knochen, die sie bei ihren Fleischtheilen erhielten, den Beamten verantwortlich machten. . Das Letztere musste doch dem Vorstande am meisten zw Herzen gegangen sein, denn er fühlte sich in Folge dieses zu . ihm gedrungenen Uebelstandes veranlasst, Harold zu sich zu bescheiden und chm eine Beseitigung desselben als dringendes Bedürfnis vor Augen zu führen. Das Selbstbewusstsein Harolds erhielt hiedurch einen empfindlichen Stoß. Jedenfalls entschuldigte er sich mit der Unkenntnis der Fleischzerlegung und meinte, dass er niemals ein besonderes Interesse stir das Studium dieses Theiles seiner amtlichen Befugnis besessen. ״Aber es gehört doch einmal zu ihrem Fache," ward chm hierauf erwidert, ״und sie werden schon gut daran thun, daftir zu sorgen, dass die Leute mit den Fleischtheilen, die sie erhalten, auch zufrieden sind." Mit dieser freundlichen Aufgabe beladen, kehrte Harold in seine Wohnung zurück. Seine Frau las ihm die Verstimmung. vom Gesichte. ״Was ist geschehen", fragte sie besorgt. Er theilte ihr die Belehrung, die chm geworden, mit. ״Das hattest Du in V. nicht auf Dir," seufzte sie. ״Dafür gab es genug anderes," seufzte er zurück. Ein Gutes hatte diese fatale Angelegenheit doch für Harold; er wusste, dass er bereits Gegner in der Gemeinde habe und dass an der Spitze derselben der rücksichtslose Vollfleisch stehe. Er beschloss, es auf einen Kampf mit denselben ankommen zu lassen. — Eines schönen Tages trat Jone Zadik in seine Wohnung- Er hatte die Mütze abzunehmen vergessen, oder that es aus Frömmigkeit nicht ״Wie kommt es," redete er in einem barschen Tone Harold an — ״wie kommt es, dass meine Jungen nichts davon .wissen, dass Haman 100 Söhne gehabt, und Sie zu ihnen immer von zehn sprechen?" ״Hundert Söhne Haman?" stagte überrascht Harold und überflog in Gedanken den Kindersegen des alten Antisemiten von Parschandosso bis Wajsosso. — ״Hundert Söhne? ich weiß nichts davon, und ihr, von wo habt ihr es erfahren? ״Du. mein Gott — es steht im deutschen Chumisch — steht dort schwarz auf weiß". ״Steht's dort, nun, so ist es nicht wahr!" ״Nicht wahr?" fuhr Jone entsetzt auf — ״nicht wahr, was im deutschen Ohuinisch steht?" und er wandte sich ohne Gruß zum Gehen. Von der Treppe aus drang noch-der Ausruf des Unwissenden Frömmlers zu Harold: — ״Ein Apikaures heißt ein Apikaures!" . Jone Zadik hatte neuen Stoff, um die Unreligiösität des Lehrers in der Gemeinde zu verbreiten. Feiwel Vollfleisch und Jone Zadik waren die Schreckbilder, mit welchen Harold sich jetzt zu beschäftigen hatte. Sie verließen ihn nicht am Tage bei seiner amtlichen Thätigkeit und erschienen ihm in den Träumen der Nacht. Die Freude an der Stellung in B. war um ein Bedeutendes in ihrem Höhengrade gesunken. Inzwischen hatte auch Josef Schreier noch so viele weitere Fehler an dem V.orbeten des Cantors herausgefnnden, dass er