Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 24 (11.10.1893)
- Date
- 1893-10-11
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 24. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeikung. Seite 3. Familie, und daher auch ihr Mistrauen gegen die Aschkenasim, die im Orient in der That meistens die Religion von sich weisen und alle Ceremonien außer Acht lassen. Am Erew Jom Kippur werden schon um drei Uhr Morgens die Selichoth gesagt und gesungen, nachdem vorher bereits der Tikkun Chazzoth gemacht wurde. Und unmittelbar daraus wird von dem Chasan und Mesamer das Umschlagen der Kapporss, das nur am Erew Jom Kippur stattfinden darf, vorgenommen. Noch während des Selichothsagens wird in die verschiedenen Lampen Oel gegossen und dafür eine freiwillige Spende entgegengenommen. Eine fernere Eigenthümlichkeit der Juden im Orient, die sie wahrscheinlich mit den Türken theilen, ist das Beerdigen alter Bücher und Manuscripte, die nicht vollständig sind. Schon der Talmud berichtet allerdings von der Beerdigung von Büchern und ganz besonders unbrauchbaren Rollen; und auch in Europa war es bei den Juden Sitte, gelehrten Männern bei deren Beerdigung ihre Schriften mitzugeben, die Zeugnis ablegen sollten, dass derselbe ein treuer Jünger der Wissenschaft gewesen und Fürsprecher bei Gott seien. Doch das Beerdigen loser Blätter oder durch ihr Alter unbrauchbarer Bücher ist hier in Sofia ein Volksfest eigener Art. Alle zwei Jahre werden die während dieses Zeitraumes angehäuften Blätter an einem hiefür besonders bestimmten Platz auf dem Gottesacker in feierlicher Procession unter Anführung eines oder mehrerer Chaahamiin würdig beerdigt. Ein oder mehrere Chacliamiin tragen bei dieser Gelegenheit auf dem Friedhofe Ni861uaazot11 oder den hier sehr in Achtung stehenden Lollar vor, um dann eine Suda sollol mizwah. ״eine Mahlzeit, die an und für sich verdienstlich ist" in großem Styl auf dem Gottesacker abznhalten. Da nach echtjüdischer Ansicht Lollrdollan danrnoll 1smi8ll6aoll ״der Tisch dem Altar gleich ist" d. h.dass der Jsraelite stets bedenken möge, sein Lebe!: sei nicht des Essens und Trinkens wegen, sondern sei dem Forschen in der göttlichen Lehre, die Wohlthun als erstes und heiligstes Gebot hinstellt, gewidmet, ist es selbstredend, dass es auch bei diesem religiösen Festessen an berufenen und unberufenen Festrednern nicht fehlt. Vielleicht ist auch die Rücksicht auf die neue Litteratur schuld, dass man der alten und veralteten den Garaus macht; 16 roi 63t ruort vive 16 roi. Dass jedoch manche werthvolle Schätze in dieser Weise zu Grunde gehen, das kümmert den mit der Wissenschaft des Occident unbekannten Orientalen nicht; er huldigt eben dem Grundsätze, dass alles Bestehende werth ist, dass es vergehe. So wurde, wie mir der hiesige Lehrer und Buchhändler, Herr Abraham Danon, berichtet, vor zwei Jahren u. A. ein Fragment einer mit jüdischen Typen gedruckten griechischen Bibelübersetzung beerdigt. Die Würmer haben inzwischen das Ihrige gethan, um jedes Forschen zu vereiteln. Der dorn Kippur hat auf mich hier einen viel freundlicheren Eindruck gemacht, als ich vermuthete. Schon der Umstand, dass am Vorabend (llol nidre) sieben Thorarollen der heiligen Lade entnommen werden, und man sich mit der Thora freut und dadurch den Glauben an dieselbe bekundet, sümmt heiter und ernst. Die große Rolle, welche die Seelengedächtnisfeier bei den Aschkenasim am Jom Kippur spielt, fließt bei den Sephardim in ein Erwähnen der verdienstlichen Männer und Derjenigen, die im verflossenen Jahre das Zeitliche gesegnet haben, zusammen u. z. am Kol uidro-Abend von Seite des (Jhasan. Und da das Judenthum eine Religion des Lebens und Strebens ist und der Jom Kippur selbst dem Israeliten zuruft ״Lebet", verliert es viel vorr seiner Düsterkeit, der Todten nicht allzusehr zu gedenken. Allerdings lässt sich nicht leugnen, dass die Seelengedüchtnisfeier der: Menschen zur Andacht zu stimmen geeignet ist, und bei den sogenannten gebildeten Aschkenasim das einzige Moment ist, das sie mit dem Judenthum verbindet — diese aufgeklärten Juden sind eben welke Blätter am Baume des Judenthums. Der Mangel an Zuthaten zum Gebete wird reichlich durch Pismonim des Salomo Jbn Gabirol, Jehuda Halevi, Abraham und Mosche Jbn Esra ersetzt, also durch solche jüdische Geistes- Stellenwechsel. Aus dem Leben eines Cultusbeamten im Osten. Von R . . . . r. (Fortsetzung). Ein halbes Jahr darauf finden wir unseren Harold in seiner neuen Gemeinde. Der Abschied aus seiner früheren Stellung war ihm nicht schwer geworden und zwar aus Gründen, welche wir bereits angedeutet haben. Seine Aufnahme in B. war eine über alle Erwartung ehrenvolle. Er fand den Vorstand auf dem Bahnhofe zu seinem Empfang bereit, seine Wohnung bekränzt und Aufmerksamkeit in allen Ecken und Enden; er kam aus den Freuden, Ueberraschungen gar nicht heraus. Seine Frau war entzückt über das Entgegenkommen, das sie überall antraf, von der Achtung, mit welcher man von ihrem Manne sprach und von den Aussichten, welche sich hier für ihren gesellschaftlichen Verkehr bis in die feinsten Kreise hinein erschlossen. Letzteres kam ihr so recht zur Wahrnehmung bei den Antrittsvisiten, die sie mit ihrem Manne abstattete; überall Herzlicher Empfang, begleitet von der Einladung nur recht oft wiederzukommen. Kurz die Vorzüge der jetzigen Stellung gegen die in V. waren gar zu augenfällig, Und es war auch gar nicht in Abrede zu stellen, dass Harold und seine Frau in der ersten Zeit in B. sich recht behaglich fühlten und ihnen in der That nichts zu wünschen übrig blieb. Das Urtheil über das Vorbeten des neuen Cantors war noch immer höchst günstig, die Pünktlichkeit und der Fleiß, womit er sich dem Unterrichte widmete, fand überall die gebührende Anerkennung und selbst der unvermeidliche Verkehr mit den Fleischern gestaltete sich leidlich.iDer Vorstand bewahrte unserem Harold dauernd noch sein Wohlwollen, und die Gemeinde zeigte sich als eine durchaus friedliebende. Noch waren die drei Widersacher Harolds nicht bei der Arbeit, aber sie trafen die Vorbereitung dazu. Josef Schreier hatte herausgefunden, dass der ״Nigun", den der Cantor bei der Sefira-Jauzer gebraucht, ein durchaus falscher gewesen, ein Nigun der nicht Hand und Fuß gehabt, und den man höchstens beim Umschlagen der Kaporos verwenden könnte. Jone Zadik hatte durch das Fenster der Schulstube bemerkt, dass die Kinder jüdisch geschrieben haben ohne Kopfbedeckung, was er als einen wahren OMhii haschem ausschrie. Und Feiwel Vollfleisch war schon bei den drei Vorstehern mit der Klage gewesen, dass er schon drei Wochen ohne Brust sei und von einer Zunge nicht das geringste verspüre. Freilich andere destomehr. — Von diesen Wühlereien wussteHarold selbstverständlich nichts. Ihm zeigte sich der Himmel seines jetzigen Wirkungskreises so hell und heiter wie zu Anfang. Aber in der Gemeinde sieng es bereits an, sich gegen ihn zu regen. In eben der Weise wie Josef Schreier Anhänger bei der Entdeckung des falschen Nigun fand und dadurch das cantorale Wissen Harolds in Verdacht brachte, trug auch Jone Zadik durch das Geschrei, dass die Kinder von dem neuen Lehrer zu Heiden