Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 23 (1.10.1893)
- Date
- 1893-10-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
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Serie 7 Nr. 23. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. Cultusgemeinden bis aus weiter Ferne hatten, um ihre Theil-! nähme zu bekunden, Vertreter entsendet, unter denen Se. Ehr-! würden Herr Rabbiner Dr. Bi ach und der Obercantor Lamm aus Brüx besonders hervorgehoben werden mögen. Aus Pilsen selbst waren zahlreiche Honoratioren und Vertreter sämmtlicher Staatsbehörden und Vereine erschienen, von denen genannt sein mögen: Bürgermeister und Landtagsabgeordneter I. U. Dr. Petäk mit mehreren Stadträthen, k. k. Bezirkscommissär Schapka, k. k. Finanzrath Basler, k. k. Telegraphen-Oberdirector Baron Landenberg, k. k. Staatsanwalt 6astek, Landesgerichtsrath Kern, k. k. Gendarmerierittmeister Kilian, Reichsrathsabgeordneter Franz S ch w arz, k. k. Major Funke, das k. k. Stationscommando, Handelskammerpräsident Helm, die Directoren Gottlob und K o st er, Schulinspector Marek, Senior Molnar mit dem Presbyterium, Bahninspector Krazdira, Vorstands- Mitglieder des Turnvereins ״Aar", der Turnverbindung ״Jahn",! des Lese- und Unterhaltungsvereines, des Vereines deutscher Kausleute und Industriellen, des deutschen Kriegervereines, Ausschussmitglieder der beiden Bräuhäuser, ferner Vertreter des k. u. k. Osficierscorps, der k. k. Staatsbahnen, der Lehrerschaft, der k. k. Finanzbehörde und sonstiger Vereine und Corp oratio neu. In dem festlich decorirten, mit den Kaiserbüsten geschmückten Vestibüle wurden die Gäste von dem Vorstande der hiesigen Cultusgemeinde, den Vorstehern H. Sab at und 1.11. Dr. Rud. Duschner an der. Spitze, empfangen und zu den Plätzen geleitet. Pünktlich um 11 Uhr begann mit einem Orgelpräludium die Feier der Einweihung in dem herrlich ausgestatteten Tempel, der mit seiner einzig schönen malerischen, ornamentalen und plastischen Ausschmückung, dem nach mehreren Hundert zählenden, festlich gekleideten Publicum, das die weiten Räume bis auf's letzte Plätzchen füllte, und den unzähligen Lichtern, die ein wahres Flammenmeer ausstrahlten, einen wahrhaft überwältigenden, unvergesslichen Eindruck machte. Nachdem die letzten Töne des Präludiums verklungen waren, übergaben die Herren Baumeister Klotze und Stech mit einer kurzen Ansprache die Schlüssel dem CultusgemeindeVorsteherH. Sabat, der sich hierauf nach einer Begrüßung der erschienenen Gäste an den Bürgermeister wendete und von demselben den Schutz der Gemeinde erbat, was dieser auch zusagte. Nachdem der Chor das Na Towu (mit Cantor und Sopransolo) von Wilh. Neubauer mit Schwung und Kraft vorgeträgen hatte, entzündete der Rabbiner Dr. Posnansky mit passender Ansprache das ewige Licht, worauf er das Weihegebet, das auf die Festversammlung einen tiefen Eindruck machte, sprach. Dann folgte das Ausheben und der Umzug mit den Thorarollen mit Sulzer'schen Chören, worauf der Männerchor das Haschlrw־eira von A. G rünzweig mit Präzision vortrug. Darauf hielt der Herr Rabbiner die Festpredigt, die länger als eine halbe Stunde während, in Form und Inhalt meisterhaft, mächtig auf die andächtig lauschenden Zuhörer wirkte. Der daraufsolgende Psalm 100 mit Cantor-Solo und Chor von Naumburg erquickte das Ohr sowohl durch seinen melodischen Gehalt als durch die fein nuancirte Wiedergabe, wobei das Cantotorsolo ganz besonders gerühmt zu werden verdient. Mit dem Kaisergebet und der Volkshymne schloss die würdevolle Feier, und unter den machtvollen Klängen eines Orgel-Postludiums entfernten sich die Anwesenden in gehobener Stimmung. Ein hervorragendes Verdienst um das glänzende Gelingen der Feier, über das auch unter den Andersgläubigen nur eine Stimme des vollsten Lobes zu hören war, erwarb sich Herr Obercantor Armin Freisinger, der einerseits das Arrangement des Programmes so geschmackvoll besorgt und die anstrengenden Proben zu den Chorgesängen geleitet hatte, andererseits die Gebete und Soli in herzerhebender, mustergiltiger Weise gesungen hatte. Während seiner mehr als 20jährigen Wirksamkeit in der Pilsener Gemeinde hat seine schöne kräftige Stimme nicht nur nicht getiten, sondern ist erst jetzt in den Prachträumen des neuen Tempels mit seiner vorzüglichen Akustik so recht zur Geltung gekommen. Die Chöre wurden von dem aus mehr als 70 stimmbegabten Damen und Herren bestehenden Chorgesangsvereine unter der tüchtigen, energischen Leitung des Cautors Herrn Kornfeld und des Organisten Hrn. Ant. K l em en t frisch und exact vorgetragen, während das Sopran-Solo bei Frau Sch echter, einer Sängerin von höchst angenehmer Stimme und guter Schulung, auf's beste aufgehoben war. Ihnen allen, sowie auch den Mitgliedern des Chors, die sich in selbstloser Weise in den Dienst der guten Sache gestellt und mit wahrem Feuereifer ihre Aufgabe bewältigt haben, gebührt Dank und Anerkennung; der wahrhaft glänzende Verlauf, den die Feier genommen hatte, sei ihnen Lohn, ״der reichlich lohnet!" Dr. A. Guns. Unter den Ansprachen, welche Se. Majestät heute an die Deputationen richtete, erregten besonderes Aufsehen die königlichen Worte an den katholischen Klerus wegen der besonderen Betonung der Nothwendigkeit des konfessionellen Friedens und der kaum verkennbare Tadel, der in der an die israelitische Deputation gerichteten Ansprache lag. Man schreibt hier die königlichen Mahnworte dem Umstande zu, dass der König Kenntnis erhielt von den Differenzen, welche es vor dem Empfang wegen der gemeinsamen Aufwartung zwischen den Orthodoxen und Neologen gegeben. Einer anderen Version zufolge wäre die Ursache die, dass in Boros-Sebes die Deputation der israelitischen Gemeinde nicht zur Aufwartung erschien. GroH-Kani;ftr. 17. September. Inmitten der bußvollen Tage, die den gleichgiltigsten Alltagsmenschen, wie den treuen Anhänger seiner Religion reuig zu seinem Gotte führen, im Gewühle der Andachtsübungen, erhebender Gesänge und salbungsvoller Gebete, feierten wir hier ein Familienfest, das schon seiner Innigkeit halber, der zu Folge zwei liebende Personen sich ewig verbanden, der Veröffentlichung würdig scheint. Fräulein Iren, Tochter des hiesigen Kaufmannes Herrn I a c q u e s W e i ß, wurde heute mit Herrn Salomon Weiß aus Fiume unter Theilnähme unzähliger Verehrer und Gönner dem Traualtäre zugeführt. In Abwesenheit des Rabbiners, welcher als Mitglied einer Districts-Deputation zum Empfange unseres erlauchten Königs in Güns weilte, vollzog der Ober-Cantor Herr Leon K ar t schmaroff in gewohnter würdiger Weise die Trauung. Das Mahl, das sich unter Leitung der liebenswürdigen Brautmutier zu einem elegant regalirten zweifachen Festessen Mittags und Abends gestaltete, war mit einem geschmackvollen Menu von geistreichen Toasten gewürzt, denen wir noch an dieser Stelle auch unsern Wunsch hinzufügen: O, dass die Glückssonne dieser wertheu und lieben Familie immer und immer ungetrübt scheinen möge 212 מ«ל G. Paks. Die beiden Bassisten, Josef Fünf e r aus Liska in Galizien und Schwarz aus Nyireghaza, Ungarn, sind, nachdem sie am Jom Kippur dem hiesigen Cantor, Herrn E i s e n b e r g, assistirt hatten, am Ausgange des heiligen Festtages, 10 Uhr Nachts von hier plötzlich abgereist, wobei sie aber nicht vergaßen 100 Gulden, welche das Eigenthum des Cantors bildeten, mitzunehmen; zu diesen Noten packten sie noch Werthsachen und 2 Gesangs-Notenbücher mit, die wahrscheinlich auch verwerthbar sind. Fünfer war früher Schneidergehilfe, ist 22 Jahre alt, schlank, mager, hat schwarzes Haar, und Schwarz kam unlängst hieher aus Krakau vom Cantor der Popper'scheu Synagoge. Wünsch enswerth wäre, wenn einer der College!: der Nachtvögel habhaft werden könnte. L. Läufer, Secretär. Kowno. Wer gegenvärtig in den Grenzorten'und überhaupt im Rayon der Grenze zu thun hat, der trifft dort ein trauriges Bild. Alle Dörfer und alle Gasthäuser an der Landstraße stecken voll von jüdischen Auswanderern, die aus dem Innern des Reiches ihren Weg zur Grenze genommen haben, in der Hoffnung, sie überschreiten zu können. Die ohnehin geringen Mittel dieser Leute sind jetzt vollständig erschöpft, so dass sie auch die Hoffnung aufgeben müssen, Libau oder einen anderen Hafenort zu erreichen und von dort aus zu Schiff weiterzukommen. Arbeit für sie alle findet sich hier natürlich nicht, und die einheimischen Juden sind fett st viel zu arm, um eine so große Zahl ungebetener Gäste zu beherbergen und zu fiittern. Die Kinder und die Greise unter den unglücklichen Auswanderern sind natürlich am schlimmsten daran, da sich für die Erwachsenen und Arbeitsfähigen doch noch hie und da ein kleiner Erwerb finden möchte. Schaarenweise werfen sich die Auswanderer in den Gasthäusern Jedem zu Füßen, der einen anständigen Rock trägt, und betteln um ein Stück Brot. Dabei rückt der Herbst und Winter immer näher. Es