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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1893-09-15 · Heft 22 (15.9.1893) · p. Seite 5

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
13 (1893)
Issue
Heft 22 (15.9.1893)
Date
1893-09-15
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 22. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. Seite 5. Sprache vorgetragen werden, um das Verständnis des Hebräischen zu ermöglichen. Diess geschieht sogar mit vielen Gebeten am Rosch haschanah und Jom Kippur und findet seine Analogie in den: in Griechenland noch heute üblichen Brauche das Prophetenbuch Jona, das bekanntlich beim Minchagebete als Haphtora verlesen wird, in griechischer Sprache vorzutragen. Die Selichottage beginnen übrigens, nicht wie bei den deutschen Juden, eine Woche oder respective einige Tage vor dem neuen Jahre (Rosch haschanah), sondern mit dem 2. Tage des Monats Ellul, der hier innig und sinnig Nachamim (Monat des Erbarmens) genannt wird, und finden ihren Abschluß mit dem großen Tage, wie der Talmud so schön den Versöhnungstag nennt. Nach moderner Art wird die Thora an jedem Montag und Donnerstag und an sonstigen Tagen, an welchen ein Thoraabschnitt verlesen wird (wie Rosch chodesch, Chol-hamoed, Purim, Chanukah) vor den! Verlesen feierlich in die Höhe gehoben; Auge und Herz und Hand sind in Verzückung und mit beit Schaufäden werden Augen und Mund bedeckt, um die Heiligkeit dieser Thora zu bekunden und zu bezeugen. Noch vor dem Oeffnen der heiligen Lade (Petichath Sch'arim, Oessnen der Thora genannt) steht der Schamaß (Tempeldiener) mit einer brennenden Wachskerze und geht mit ihr der Thora voran, die eine ewige Leuchte für Israel war, ist, sein und bleiben muß. Wenn die Thora wieder in den Hechal (wie man im Orient statt der heiligen Lade sagt) gebracht wird, geht der Tempeldiener mit der noch immer brennenden Wachskerze der Thora voran. Der Bräutigam, und schon der Talmud sagt ja חתן הימה למלך dass der Bräutigam einem Könige gleich sei, genießt nicht nur an! Tage der Hochzeit, sondern die ganze Woche hindurch besondere Ehren, die ganz besonders am Sabbat beim Morgengottesdienste — denn hier wird Schachrith und Mnßaf immer zusammen gebetet — zu Tage treten. Er erhält zunächst den Ehrenplatz in der Synagoge, ein Sessel mit Polstersitz steht für ihn bereit, und eine besondere Thorarolle wird der heiligen Lade entnommen, und in dieser wird für ihn ans dem 1. Buch Mosis, Cap. 24 gelesen. Die betreffenden Verse werden auch in Targum Onkeles recitirt. Ein besonderer Pismon wird nach Verlesung des Thoraabschnittes vorgetragen. Der zur Thora Gerufene ruft mit den Worten des Gründers der davidischen Dynastie, aus den Worten des Boas (בעי) und die Thora selbst wird?ע Macht und Sieg genannt (אין עי אלא תורה wirkliche Macht ist nur die Wissenschaft) der versammelten Gemeinde zu: ״ 71 עמכםGott sei mit Euch" und der Chasan als ״Schliach Zibbur" als ״Abgesandter der Gemeinde" antwortet ihm in deren Namen mit den Worten der Schnitter des Boas: 'ימי'2ך ה es segne dich der Ewige. Es mag nicht überslüssig sein, hier nachdrücklich zu betonen, dass dieses Wort des Boas ״der Ewige sei mit Euch" in sämmtliche Kirchen übergegaugen und das lateinische ״Dominus vobis cum“ (der Herr sei mit Euch) noch heute in allen katholischen Kirchen zu hören ist. Aber auch Boas und dessen Gattin Ruth sind in die Kirche als Heilige übergegangen. Die heilige Maria wird Ruth, die liebliche genannt, und dies insofern mit Recht, als Christus angeblich Davidischer Abstammung war. Die Antwort ״Es segne Dich der Ewige," bildet bekanntlich die Ansangsworte des Priestersegens, im 4. Buche Mosis, Cap. 6 Ver. 24—26, und soll den vor die Thora Gerufenen stets in s Herz rufen, dass nur der göttliche Segen allein wahres Glück und dauernden Reichthum gewährt, ברבת ה׳ היא ״ תעשיר ולא יוסיף עצב עמוder göttliche Segen allein macht reich und führt keinerlei Beschwerde mit sich." Der von dem Almemor sich Entfernende wird von den Versammelten mit den Worten חיק וברוך (chasak ubaruch) ״sei stark und werde gesegnet" angesprochen und nach türkischer Art wird ihm gedankt, den er in eben derselben Weise erwidert. (Fortsetzung folgt.) Kleine Chronik. Wien. Freitag, am 2. Septeniber fand im israelitischen Tempel des 9. Bezirkes die Einführung des Rabbiners Dr. Gelbhaus aus Prag als Prediger des Vereinstempels in Gegenwart eines erlesenen Publicums statt. Sämmtliche Vereinsoorsteher und zahlreiche Gäste nahmen an der Feier theil. Wien. Der von der Administrations-Commission unter Zuziehung der zu Folge Erlasses des hohen k. k. Ministeriums für Cultus und Unterricht vom 12. Juli 1892 delegirten Vertrauensmänner in zweiter Lesung genehmigte und soeben erschienene Statuten-Eutwurs der Wiener Cultusgemeiude stellt hatte er nicht den geringsten Begriff. Konnte er da wohl Vertrauen zu ihm haben und sich mit ihm freuen? Darum das griesgrämige Gesicht. Endlich lugten noch aus einer Ecke der Synagoge unseren Cantor ein Paar Augen an, denen man alles Mögliche in der Welt, nur nicht das Wohlwollen ansehen konnte. Es gehörten diese Augen dem Productenhändler Feiwel Vollsleisch. Wie sein Namen, so sein Wesen. Mehr von diesem Artikel, als wie sich auf dem kurzen Körper befand, war sicherlich nicht unterzubringen. Und diese Anhäufung hatte weder der Wind noch das öftere Fasten herbeigeführt. Dieses alles hätte freilich der Anstellung Harold's noch kein Hindernis entgegengesetzt, allein der Mann glaubte ein unbestrittenes Recht aus die besten Fleischtheile des vom Schochet geschlachteten Viehes — und dieses Amt hatte eben auch Harold zu versehen — zu besitzen. Zungen und Brüste waren ihm förmlich verschrieben, und wehe dem Beamten, der ihm dabei hindernd entgegentrat. Wie nun Feiwel sich den Bewerber um die Cantorstelle ansah, glaubte er auf den ersten Blick schon in ihm einen Gegner gegen seine Ernährungsmethode zu erkennen; es lag so etwas wie Energie und Ungefiigigkeit auf dessen Gesicht, Grund genug zu der Äeußerung, die er zu seinem Nachbar that: ״Das ist kein Beamter für uns, Alles an ihm gefällt mir nicht". Jndess wusste Harold von dem Allen, was sich in seinem Auditorium zutrug. Nichts. Er hörte nur aus die Beifallsäußerungen, die ihm von allen Seiten zufloßen. Er war glücklich, auch ein wenig stolz, in einen Wirkungskreis zu gelangen, der allem Anscheine nach alle Segnungen des Beamtenftandes erschließen werde. Er wurde noch vor seiner Abreise von sämmtlichen Vorstehern als der Mann bezeichnet, der einzig und allein für die Gemeinde B. passe. Man begreife, was das sagen will. ״Endlich einmal eine Stellung nach meinem Wunsche; vor Allem bin ich der Schreiereien und Kränkungen, die ich bis jetzt zu ertragen hatte, los", sprach Harold vor sich her, als er auf seiner Heimfahrt, im Coups allein sitzend, über das ihm gewordene Engagement nachdachte. Er wurde von seiner Frau mit einer herzlichen Gratulation empfangen und hatte die Freude und die stolze Genugthunng, derselben mittheilen zu können, dass die erworbene Stelle allen nur möglichen Ansprüchen im höchsten Maaße entspreche. ״Ganz andere Menschen", rief er mit einer gewissen Begeisterung aus, ״ganz andere Sitten und Gepflogenheiten dem Beamten gegenüber. Wir werden es mit einer Gemeinde zu thun haben, die ein volles Verständnis für die Verdienste ihres Beamten hat." (Schluß folgt.)

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