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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1893-09-15 · Heft 22 (15.9.1893) · p. Seite 4

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
13 (1893)
Issue
Heft 22 (15.9.1893)
Date
1893-09-15
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Nr. 22. Seite 4. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. den Kaiser, in welches das Publicum begeistert einstimrnte. Von besonderer Wirkung war die Rede des Herrn Dr. Felix H ö n i g s m a n n, welcher betonte dass die Juden trotz aller Anfeindungen überall, wo sie das Heimatsrecht besitzen, ein warmes Gefühl für das Vaterland empfinden und bethätigen. Die neue Synagoge möge auch den Beweis liefern, dass der polnische Jude bei allem Festhalten an geheiligte Tradition und Sitte dennoch einen Gottesdienst verrichte, der dem Judenthume zur Ehre gereichen könne. Redner dankte hierauf dem Finanzminister Dr. Steiubach und dem Statthalter Grasen Kielmannsegg für die freundliche Gestattung der Lotterie zu Gunsten des Tempelbaues, worauf die Versammlung in stürmische Hochrufe auf diese beiden Functionäre ausbrach. Nach Verlesung der Schlusssteinurkuude erfolgte die Ver- Mauerung desselben durch zwei altdeutsch bekleidete Maurer. Der geistige Schöpfer des Tempels und Ehrenpräsident Baurath S t i a ß n y that sodann die drei üblichen Hammerschlüge und hob in der die Ceremonie begleitenden Ansprache hervor, dass an diesem Baue Künstler und Handwerker ohne Unterschied der Nationalität und Confession im brüderlichen Vereine mitgewirkt haben, uni ihn zu so schnellem Abschlüße zu bringen. Nach geistvoller Ausführung über den Wert der Arbeit und des Handwerkes, namentlich des Bauhandwerkes, schloß der Redner mit folgenden Worten: Form und Farben dieses Baues erinnern an eilte längst vergangene Zeit, in welcher die Glaubensgenossen mit anderen Bürgern gleichwerthig und in vollster Harmonie lebten, da sie als nützliche und angescheue Staatsbürger, als Streiter auf dem Felde der Wissenschast und Kunst unbefangen geschätzt wurden. Die Erinnerung an diese Zeit mag in uns die Hoffnung auf die Zukunft neu beleben auf schönere, bessere Tage. Wir können hoffen, wenn wir aufblickeu zu unserem Monarchen, der — wie ein Vater seine Kinder — alle seine Unterthanen mit gleicher Liebe umschließt." Hieraus lud Baurath S t i a ß n y die Ehrengäste zur Ceremonie der Hammerschläge ein. Freiherr v. M a r x sagte hiebei: ״Der Ehre Gottes sei dieses Gebäude geweiht!" Dr. G r ü b l bemerkte in seiner Ansprache: ״Die Vollendung des Baues in so kurzer Zeit ist nur der Opserwilligkeit Ihrer Glaubensgenossen und der Thätigkeit und Rührigkeit des Stellenwechsel. Aus dem Leben eines Cultusbeantten im Osten. Von R . . . . r. Er hatte einen durchschlagenden Erfolg erzielt, der Cantor Jakob Harold, der von der Gemeinde B. zu einer Probeleistung eingeladen worden war. Der gesangliche Vortrag war genau, die Lection in der Religionsschule allgemein beftiedigend und seine Zeugniße brillant. Harold hatte eine Glücksnummer gezogen; unter 20 Bewerbern, von denen 6 Probevorträge abgehalten, war er der Gewählte. Die Gemeinde B. war als coulant bekannt, das Einkommen gut und die Stellung überhaupt als eine angenehme geschildert. Heute Abend sollte er den Contract erhalten. Er telegraphirte Alles an seine Frau. 808800. und Simcho in dem Herzen Harolds. Dieser Freudenrausch konnte ein ungetrübter sein, denn der Cantor hatte bei seiner Anwesenheit in der Synagoge nicht jene drei schiefen Gesichter bemerkt, ans denen die Missgunst herausschaute von dem Augenblicke an, wo er das Betpult betrat, bis zur Zeit, wo er es verließ. Zuetft das Gemeindemitglied Josef Schreier, der sich für einen geborenen Chase» hielt, was er auch bei allen möglichen Comites und seines Präsidenten zu danken. Nun ist das Werk vollendet und wird einer Gruppe von gläubigen Bürgern zur Stätte dienen, wo sie sich zum Gottesdienste versammeln. Es bedeutet so einen wesentlichen Fortschritt auf dem Gebiete der Kultur. Ich wünsche, dass dieser Bau deu Unglücklichen und Schwachen jederzeit eine Stätte des Trostes, der Ermunterung und Aufrichtung, den Starken und Klugen eine Stätte der Sammlung, Erkenntnis und Selbstbeherrschung, Allen aber eine Stätte der Erbauung und des Friedens sei." — Der Vicepräsident der Wiener Cultusgemeinde, Gemeinderath Gustav S i 11t 011 betonte, dass der Cultusgemeindevorstand dem Conservatismus, der durch den Verein ״Bett) Israel" und dessen nunmehr eingeweihte Synagoge repräsentirt werde, keineswegs feindlich gegenüberstehe, da es sein Prinzip sei, jedermann nach seiner Facon selig werden zu lassen. Und im Allgemeinen müsse der Vorstand einer jeden Cultusgemeinde conservativ sein, da das Publicum ohnehin sich selbst genug refornnre. — Nachdem noch Bezirksvorstand M u 11t b, Polizeirath Wachte r, der Präsidentder türk. GemeindejMarcus M. Rufs o,und der Obmann des Baukomites die üblichen Hammerschläge vorgenommen hatten, dankte Herr B r o d im Namen der am Baue betheiligten Gewerbetreibenden dem Baurath Stiaßny ftir dessen thatkräftige Unterstützung. Nunmehr wurde das ewige Licht angezündet und unter Absingung des Psalm 24 erfolgte der Einzug der Prächtig geschmückten Thorarollen sowie das Einheben derselben in den Oraun-Hakaudesch. Hierauf hielt Herr Oberrabbiner Schnur aus Oswiecim eine Festpredigt über die Bedeutung des Gebetes und sprach ein Gebet für den K a i s e r, die K a i s e r i n und die Kronprinzessin-Witw e, sowie die Mitglieder des Herrscherhauses. Der Tempelchor sang dann die Bolkshymne, zu deren Schluß brausende Hochrufe ertönten. Sitten und Bräuche der Juden im Orient. Von Dr. M. G r ü n w a l d, Großrabbiner von Bulgarien. (Fortsetzung.) Dass das Spaniolische (Ladino) als eine zweite heilige Sprache betrachtet wird, erhellt auch daraus, dass an den Selichottagen die wichtigsten Selichot zuerst in spaniolischer Gelegenheiten Alle fühlen ließ, die ein unglücklicher Zufall in den Bereich seiner gesanglichen Productionen geführt hatte. Er war ftüher einmal ״Meschorer'•‘ gewesen und durfte sich wohl mit Recht als maßgebende Autorität auf diesem Gebiete betrachten. An dem aufzunehmenden Cantor seine Kritik zu übeu, musste ihm daher unter allen Umständen zugestanden werden. Und er übte sie dem Anscheine nach nicht zu Gunsten Harolds. Ein zweites Gesicht gehörte dem, wegen seiner fanatischen, Frömmigkeit verschrieenen Jone Zadik an. Warum schaute er so unfreundlich auf Harold hin? Nun, weil ihm der neu anzustellende Cantor und Lehrer als viel zu ״deutsch" erschien. Für die religiöse Erziehung seiner drei Jungen gehörte nach seiner Ansicht, ein ganz anderer Mann, als wie derjenige, deu er hier vor sich sah. Es gehörte dazu ein langer Rock in der Bekleidung, ein spitzer Bart am Kinn und ein ausgesprochen jüdischer Zug im Gesichte. Wie aber dieser hier mit den ersten Anfängen eines Bartes, mit dem Zwicker auf der Nase und dem halbausgewachsenen, kurzen Rock seine Jungen Chiimisch und Rasche, sowie die Kenntniße des ״chaje odom“ beibringen sollte — davon

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