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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1893-09-01 · Heft 21 (1.9.1893) · p. Seite 5

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
13 (1893)
Issue
Heft 21 (1.9.1893)
Date
1893-09-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 21. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. Seite 5. das ist nichts Neues. Neu ist nur, dass das in Mainz an das unverdiente Licht des Tages gelangende jüdische Wochenblatt ״Der Israelit" sich dem Chorus zugesellt und gegen die Errichtung des Heine-Denkmals in Mainz eifert. Das Gestammel dieser schönen Seele will uns glauben machen, sie habe ernstliche und anerkennenswerthe Gründe gegen eine des deutschen Volkes würdige Ehrung Heinrich Heiners vorzubringen. Wir wissen, woran wir sind. Es ist neben armseliger Furcht vor einer Ansreizung der Antisemiten der allem Dunkelthum, mag es mehr im Alten oder im Neuen Testament heimisch sein, eigene Hass gegen die Flügelschläge freier Seelen, der dem ״Israelit" die Feder führt. Freilich wird dieser Hass fürsichtig zurückgestellt und die opportunistische Frage, ob :licht die Juden Schaden haben könnten, in den Vordergrurld gerückt. Die Richtschnur für die Haltllng der Hildesheimer, Lehmann und Genossen, der jüdischen Ducker Mld Mucker, ist immer die rechnerische Frage! ״Cui prodest?" Wie steht's mit dem Nutze::? Was Hab i ch davon? Das ist des Pudels Kern; sie fürchten, der Antisemitismus könnte aus der Errichtung des Denkmals weitere Nahrung ziehen, und dämm gesellen sie sich den Antisemiten in dieser Frage einfach zu. Sie lassen ihre bleiche Furcht vor dem :noderuen Rowdythum als Grund auftreten zur Ablehnung eines Actes der Pietät, der dem deutschen Volke als heilige Pflicht vorgesetzt ist. Ist doch selbst in New-Iork die Errichtung eines prächtigen Heine-Denkmals an einem der schönsten Plätze der Stadt eine beschlossene Sache und in des Dichters Vaterlande wird dieser Idee inuner neuer Widerstand bereitet. Die Leute vom ״Israelit" haben nicht das geringste Recht, sich mit ihren Sorgen und Klagen herzuzudrängen zu der nationalen That, dass in einer dentschei: Kernbürgerstadt dem um das deutsche Bürgerthun: verdienten Führer des ״jungen Deutschland" ein Denkmal errichtet wird. Sie wollen, um ״Gründe" zu markiren, den Großen verkleinern. Sie sagen, die Eigenart Heinäs, die näheren Umstände seines Lebens, die gänzliche Unbekanntschaft des Volkes mit seinen: Wesen und mit seiner Bedeutung, das Alles spreche gegen den Plan der Denkmals-Errichtung. Ja, soll man׳ sich solcher Bornirtheit nähen mit lehrhaften Erzählungen über Heine, sein Leben, seine Werke? Hieße das nicht dem todten Dichter der herrlichsten Lieder deutscher Zunge, dem Schöpfer des Atta Troll, der Reisebilder, des Wintermärchens bittereres Unrecht thun. Mein erster Gang in Haag war zu Hollands größtem lebenden Maler, mein zweiter zu Hollands größten: Todten, zur Bildsäule Spinozas in der Spinozagasse. Ich suchte die abgelegene Gasse mit ihrem schmalen Canal und ihren Bäumen in der Morgenfrühe eines trüben Julitages auf und fand daselbst fern vom Gewoge der Stadt, auf rothem Granitsockel, bescheiden, fast nur in natürlicher Größe, die sitzende Broncegestalt, ein Werk Hexamers. Ein Meisterwerk ist dieselbe nicht, doch ein ernstes, bedeutungsvolles Kunstwerk. Ja, so hat er ausgesehen, so gedankenvoll und grübelnd, mit diesem erhabenen Zuge in: Antlitze, dieser nachlässigen Haltung, er, der schlichteste Denker und der tiefste. Und ich dachte an sein Lebenswerk, an die Originalausgabe seiner nachgelassener Schriften in ihrem Pergamentbande, daheim auf meinen: Bücherbrette, an den tiefen unauslöfchlicheu Eindruck, den ich bei der ersten Lectüre dieses Buches enlpfangen. Ethika stand vor mir und aus diesem Werke besonders wieder der dritte Theil, die Erklärung der menschlichen Leidenschäften, die eine so merkwürdige psychologische Einsicht verräth und hie und da auch einen Einblick in das persönliche Leben des Denkers eröffnet. Er muß selbst von Eifersucht in der Liebe gelitten haben, um sie mit so starken nackten Worten beschreiben zu können. -Doch frühe drängte das Gedcmkenleben als ihm diese Sünder gegen die Ehre deutschen Geisteslebens überhaupt zuzusügen im Stande sind? Der bedeutsame Zusammen- Hang des Schaffens Heinäs mit den bewegenden Ideen des Jahrhunderts der Zerstörung der Despotie, der großen Culturvorschritte, der Einigung Deutschlands ist allen Gebildeten im Volke sehr wohl verständlich; eben darum braucht sie dem ״Israelit" nicht verständlich zu fein. Der Mann, dessen Bedeutung angeblich dem Volke nicht bekannt ist, hat zu den großen Baumeistern der Litteratur gehört, die in der von Lessing bis Heine reichenden Epoche die Erweckung und Nährung des nationalen Gedankens neben der Pflege echter, herrlicher Poesie zu ihrer vornehmsten Aufgabe erkoren haben. Dem jüngsten der Sprossen, dem letzten in der Reihe allein soll das Denkmal verweigert werden, weil die Raben gar zu laut dagegen krächzen? Er hat in seinen Gedichten, als ob er die Kleinheit des heutigen Geschlechts geahnt, lachend auf ein Denkmal verzichtet. Und dennoch wird es ihm erstehen. Ob auch den Pamphleten Julian Schmidt's und Treitschke's und all' dem zornigen Lärmen der Hetzer und Duckinäuser jetzt das mißtönende Gerede des orthodoxen jüdischen Blattes sich beigesellt, — Heine wird sein Denkmal haben, denn das deutsche Vaterland kann und darf sich der Erfüllung dieser Ehrenpflicht nicht entziehen. Die innere Verwandtschaft zwischen Pfaff und Rabbi, über die man in Heine's Gedicht ״Disputation" Näheres Nachlesen mag, kommt bei dem gemeinsamen Angriffe gegen das Gedenken und den Gedenkstein des entschlafenen Dichters zur vollen Geltung. Stärker als alle pfäffische Unduldsamkeit und als alle klügelnde Nützlichkeitsrechnung schätzen wir die Macht des Idealismus in: deutschen Volke; sie wird siegreich sein trotz alledem. B. T. Kleine Chronik. Wien. Anlässlich des Geburtsfestes Sr. Majestät des Kaisers fanden am 18. August in sämmtlichen Wiener Synagogen feierliche Festgottesdienste statt. Auch in sämmtlichen Provinzgemeinden wurden, wie die zahlreich vorliegenden Berichte beweisen, aus diesem Anlässe Festgottesdienste abgehalten, die überall von der Gesammtheit der Gemeindemitglieder und den Orts- und Bezirks-Honoratioren besucht waren. Wien, 31. August. Das Herrenhausmitglied, Moriz Freiherr von Königswarter, ist gestern auf der Heimreise das des Gefühls in ihm zurück, und er lebte, mit dem Dasein vollkommen ausgesöhnt, getragen von seiner philosophischen Gottesidee, gemeiner Sorge nimmer erliegend, unbeeinflusst von Bannfluch und Hass, unendlich geduldig einfälügen Schülern gegenüber, die ihn nicht verstanden und, statt danach zu streben in seine Ideen einzudringen, nur bestrebt waren, ihn zu ihrem Mirakelglauben zu bekehren. Wo wenige Schritte von der Stattle entfernt jenes Haus, das zweistöckige, schmale, steht, in der Sttlbe oben unter dem Dache, hat er gelebt, von hier ist er täglich hinausgewandelt, am stillen Canal dieses abgelegenen Stadttheils dahin, von hier anch haben sie ihn, mit den Füßen voran, hinausgettagen, ::::: in fromnwr Unschuld und Unwissenheit ihn nach d6 nieuve kerk zu bringen, als ob er ein Gläubiger und ein Christ wäre. Vielleicht wird die Zeit kommen, in der diejenigen, die in Spinoza ihren geisttgen Stammvater sehen, den ersten Entdecker oder Ahner jener Grundanschauungen und Wahrheiten, welche die des modernen Geisteslebens, der modernen Wissenschaft sind, zahlreich sein werden, zahlreich, wie es heute jene, denen sein Geist fremd ist. Dann, dereinst in fernen Jahrhunderten, werden diese Stätten, wo er starb, das Mekka der freien Geister sein.

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