Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 21 (1.9.1893)
- Date
- 1893-09-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Aeitung. dir. 21. hatte. Der Poet findet sein Material in der diatur, auch in der historischen Erzählung; der Tonkünstler hat nur einen einfachen, unmittelbaren poetischen Trieb zu seinem Schaffeil, und nichts mehr. ״Peter Schlrmihl." In Nummer 19 dieser geschätzten Zeitung vom 1. d. M. bringt Herr Religionslehrer L. Buxb aum eine neue Erklärung dieses Ausdruckes, nachdem er mit Recht das, was Löw (Die Lebensalter S. 54) hierüber sagt, für weit hergeholt hält. Das Ereignis, wodurch ein gewisser Sch'lumiel in Enns irach Löw's Ansicht zum Vater des Schlemihl geworden, dürfte wohl schon früher auch andere Personen getroffen haben, ohne dass deren Name zum Spotte geworden wäre. Die gewöhnliche Erklärung, die auf der Verwechslung des Sch'lumiel ben Zurischaddai mit Simri beruht, bezeichnet schon Löw als Volkswitz, ״der die Quelle des Spottnamens nicht entdeckte, sondern die talmudische Pagoda (Synhedrin 82, d) ironisiert". Denn, wäre Sch'lumiel wirklich mit Simri identisch, so wäre er kein Pechvogel, sondern ein Verbrecher, der die verdiente Strafe erhielt. Es ließe sich also nur sagen, er sei deshalb das Prototyp der Pechvögel geworden, weil er das Unglück hatte, von R. Jochanan mit Simri identificiert zu werden. Gegen die Erklärung des Herrn Buxbaum, so fein sie ausgedacht ist, lässt sich einwenden, dass Sch'lumiel als Fürst des Stammes Simeon durchaus nicht zurückgesetzt war. Da der Stamm Simeon der Geburtsfolge gemäß seinen Platz nach dem Stamme Reuben hatte, dieser aber dem Dynastte-Stamme Juda und seinem Anhänge den Vorrang überlassen musste, und sein Fürst Elizur deshalb erst am vierten Tage an die Reihe kam, lag sür Sch'lumiel keineswegs eine Zurücksetzung darin, dass er seine Gaben am fiinsten Tage darbrachte. Wäre er dadurch verletzt, so wäre es Elizur in noch höherem Grade, und dieser hätte dann typisch werden müssen. Ich erlaube mir nun, meine schon vor langer Zeit hierüber gefasste Ansicht Zugleich als Antwort aus meine Frage in Nummer 14 der ״Neuzeit", vom 3. April 1891, zu veröffentlichen. Bekanntlich wird der Abschnitt von der Darbringung der Einweihungsopfer (Numeri Cap. 7) am Chanukkafeste derart vorgelesen, dass für jeden Tag der Absatz mit der Bezeichnung dieses Tages und des betreffenden Stammesfiirsten als Lection gilt, wovon allerdings nur bei den ersten acht die Rede sein kann. Unter diesen acht bildet jedoch der fünfte Tag, der des Sch'lumiel, eine ganz besondere Ausnahme. Der jüdische Kalender zeigt nämlich die Eigenthümlichkeit, dass in allen vierzehn verschiedenen Formen, die das Synagogenjahr überhaupt haben kann (K'bhi'uth), der fünfte Tag Chanukka der einzi ge ist, der niemals auf einen Sabbath fallen kann. Jeder Cantor, der sich für den Sabbath-Chanukka vorbereitet, weiß, dass der ״Sch'lumiel" ausgeschlossen ist. Ja, Sch'lumiel ist noch ärger daran, als selbst die vier letzten Stammesfürsten, deren Tage, allerdings cumulattv, dann am Sabbathe verlesen werden, wenn dieser der letzte Tag Chanukka ist. Diese unverdiente synagogale Zurücksetzung stempelte, wie ich glaube, den Sch'lumiel zum ״Schlemihl". Dr. S. Pollak, Trebitsch, 20. August 1893. Rabbiner. Die Orthodoxie und das Heine- Denkmal. Berlin, im August 1895. Eine seltsame Verbrüderung! Die Werkleute des Classen- und Raffen-Haffes, die der Lessing'schen Frage: ״War Christ und Jude eher Christ und Jude, als Mensch?" nur die blöde Miene des äußersten Unverstandes entgegen zu setzen wissen, sie finden sich in der Verwerfung eines Denkmals für Heinrich Heine zusammen mit den Schwarzen in Juda. Erst haben die von der Pfaffheit ״erleuchteten" Stadt- Väter von Düsseldorf dem großen Sohne dieser rheinischen Stadt die Errichtung eines Denkmals an der Stätte seiner Geburt versagt. Jetzt will sich die Stadt Mainz damit ehren, dass sie den armen Liebling der Grazien nach dem Tode ehrt, indem sie seinem Denkmal einen Platz am Ufer des Rheines gewähren will. Er war ein Sohn der Rheinlande, sein Rheinsang Lorelei wird gesungen werden, so lange deutsche Lieder erschallen; die Rheinlande hat der Zauber seines Genius dichterisch verklärt, — dort vor Allem ist der Ort für sein Denkmal. Die Frömmler aber find über den Entschluss der Mainzer entrüstet, das hasstrunkene Gesindel des Antisemitismus schmäht imb schmält, — Spinoza.*) Als eine Welt für sich liegt in einem Winkel der Stadt Amsterdam das von mehr. als 20.000 Menschen bewohnte Judenviertel, das einen eigenen Charakter dadurch erhält, dass man hier eine jüdische Bevölkerung in allen möglichen Berufsarten thättg sieht: Die Verkäuferinne): auf der Straße, die Gemüsehändlerinnen auf dem Markte, die Metzgerbursche und Hausknechte so gut wie die Kaufläute und Trödler, alle sind Juden. Mit seinem lärmenden Sttaßenleben zur Sommerszeit erinnert dieser Theil der Stadt an das alte Gheto in Rom, das jedoch im Vergleiche klein und bedeutungslos ist. Hier wurde 1845 Sarah Bernhard geboren. Es gibt in Amsterdam viele Leute, die sie und ihre Eltern kannten. Der französische Edelmann mit der langen, bis zu den Kreuzzügen reichenden Ahnenreihe, der ihr Vater sein soll, dürfte aller Wahrscheinlichkeit nach in das Gebiet der Sage zu verweisen sein. Hier lebte in seiner frühen Jugend Baruch Spinoza. Hier, am äußersten Rande des Quartiers, in der Jodebrsestraat wohnte 1640 bis 1663 der Mann, dessen Namen *) Von dem berühmten Litterarhistoriker Georg Brandes in der N. Fr. Pr. vom 11. August. der Niederlande größter in der Kunst, wie der Spinoza's deren größter in der Philosophie — Rembrandt van Rhyin. Hier hatte er täglich die Modelle zu der überraschenden Menge von jüdischen Physiognomien und Radierungen vor Augen. Auf diesem engen Raume begegnen sich denn jene zwei gewaltigen Namen Spinoza und Rembrandt, der Mann, der den menschlichen Gedanken befreite, indem er ihn aus der Mittelalterlichkeit erlöste, und der Mann, der die Wiedergeburt der Malerkunst herbeigeführt oder richtiger, sie auf nordischem Grunde von neuem geschaffen. Spinoza — eine gewisse Wärme durchströmt die Brust, so oft man seiner gedenkt und sich in ihn versenkt. Wer ihn in seiner Jugend gelesen, dessen Geist hat eine zündende, läuternde Feuertaufe empfangen. Spinoza ist der Heilige des Denkens, wie Shelley jener der Poesie. Holland, das Cartesius Schutz gewährte und im Angesichte des wahnwitzigen Fanatismus seiner Stammesgenossen Spinoza eine Freistätte bot, verdient als das alte, ttotzig stolze Vaterland der Freiheit im Norden den Glanz, mit dem dieser Name es umgibt. Und dennoch kostete es in unser): Tagen einen Kainpf, als es galt, Spinoza auf der Pavillongracht in Haag ein Denkmal zu errichten.