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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1893-09-01 · Heft 21 (1.9.1893) · p. Seite 3

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
13 (1893)
Issue
Heft 21 (1.9.1893)
Date
1893-09-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 21. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Aeitung. Seite 3. lässt, erfüllt uns bei seinen Arbeiten mit Unbehagen. Es schwebt uns noch manch' ähnlicher Einwurf auf den Lippen — allein es drängt sich uns die bedeutsame Frage auf, ob wir mit unseren Anschauungen nicht auf Abwegen gerathen und Meister Grünzweig mit seiner consequent modernen Harmonisirung traditioneller Melodien nicht etwa der muthige Vorkämpfer einer neuen Epoche sei. Vielleicht entwickelt sich auf diesem Wege die Zukunftsmusik der Synagoge. — Wir wünschen und hoffen dies nicht. Obercantor Singer, Wien. Musik und Natur. Von A. Dunajewsky, Chordirigent in Odessa. I Die Musik, deren Benennung aus dein Alterthume von den Griechen abstammt, bildete bei denselben eine der schönen Künste, welche die Musen repräsentirten. Gegenwärtig wird unter dieser vielsagenden Benennung ausschließlich nur die musikalische Kunst verstanden. Der bekannte Kritiker, Professor Hanslik, äußert sich in seinem Werke ״Vom Musikalisch-Schönen", dass jede Kunst, darunter auch die Musik, in zweifacher Beziehung zu der umgebenden Natur sich befindet: Erstens in Folge des unvermeidlichen Materiales, welches sie zur Schaffung des künstlerischen Zwecks benöthigt, und zweitens durch den zu ihrer weiteren Entwicklung in der Natur schon fertig vorhandenen künstlerischen Inhalt. Vor Allem ist es klar, dass die Natur der Musik ihren physischen Stoff gibt, ohne welchen Musik überhaupt nicht denkbar ist. Aber worin besteht dieser Stoff, und von welcher Beschaffenheit ist er? Stummes Erz aus dem Gebirge, der Wald, das Thal, das Fell vom Thiere und dessen Därme: dies ist alles, was wir der Natur entnehmen, um den reinen Ton hervorzurufen, welch' letzterer für sich wieder nur als Material zur stufenweisen Entwickelung der Musik dient. Dieser materielle Stoff, mittelst welchen wir die Töne Hervorrufen, ist die erste, unvermeidliche Bedingung einer jeden Musik. Was wir eigentlich Melodie benennen, ist in der Natur nicht vorhanden. Die Melodie, als erste künstlerische Form, ist als Lebenswurzel der Musik zu betrachten, welche jedoch ein Product des menschlichen Geistes ist. Ebenso loie die Melodie, existirt nicht die Harmonie in der Natur, selbst nicht in ihrer primitivsten Erscheinung. Bekam jemand von der Natur einen Dreiklang, Sext-Accord oder Sept-Accord zu Ohr? In der Musik ist also sowohl die Melodie, als auch die Harmonie — wenn auch später — eine Schöpfung des menschlichen Geistes. Dies bestätigt auch die Geschichte der Musik. Die alten Griechen z. B. wussten nichts von einer Harmonie, sangen in unisono und fast ohne Takt (a la tempo ribato), wie es noch jetzt manche asiatische Völker thun. Der Gebrauch der Dissonanzen entwickelte sich erst langsam, seit dem zwölften Jahrhundert, und erst in späterer Zeit gelangten wir zu derjenigen theoretischen Basis, auf welcher die gegenwärtige Musik beruht. Wenn aber auch Melodie und Harmonie in der Natur nicht zu finden sind, so existirt in derselben dennoch ein drittes, nicht minder wichtiges Element der Musik, der Rhythmus, welchem die ersten zwei ihren Ursprung verdanken. Zwar kann dem Naturrhythmus keine außerordentliche Vollkommenheit nachgesagt werden, jedenfalls aber findet sich dieser in der Natur im keimenden Zustande vor. Die Toneinheiten im Galopp des Pferdes, im Rufe der Wachtel, in der Brandung der Meereswogen bilden durch regelmäßige Wiederholung in bestimmten Zeitpansen ein klar erkennbares Ganzes. Nicht alle, aber viele Laute in der Natur sind rhythmisch; der Unterschied zwischen den Rhythmen der Natur und denen der Musiktöne ist leicht und deutlich erkennbar. In der Musik existirt kein ifolirter Rhythmus. Es ist nur die Melodie und Harmonie, die sich rhythmisch offenbaren. In der Natur ist es gerade entgegengesetzt. Der Rhythmus in derselben ist weder von Melodie noch von Harmonie umgeben. Er erscheint isolirt in der Luftschwirrung. Der Rhythmus ist das einzige ursprüngliche Musikelement in der Natur, gleichzeitig aber auch dasjenige, welches zuerst im Menschen, im Kinde und im Wilden erwachte. Der Gesang des Kindes oder der des Wilden ist aber noch lange keine Musik, )venu er auch rhythmisch ist. Wenn wir auf diese Weise die Musikelemente betrachten, gelangen wir zur Ueberzeugung, dass der Mensch aus der umgebenden Natur die Musik nicht erlernen kann. Die Natur gibt den! Menschen nur die Organe und die Neigung zum Gesang, wozu sich noch der Trieb und die Fähigkeit gesellt, die durch zufällige Manipulationen aus verschiedenen Stoffen entdeckten Töne systematisch zu ordnen. Auf diesem Tonsysteme eben basirt unsere Musikeultur. Die Musik in der Natur und die, welche der menschliche Geist producirt, ist jede für sich verschieden. Viele Theoretiker (darunter auch Hand) bestreiten zwar dies, indem sie behaupten, dass die Musik der Natur direct entnommen ist. Ungeachtet dessen ist es doch eigenthümlich, dass Hand in seiner Abhandlung über Naturmusik zu commentiren nöthig findet, dass die in der Natur sich knndgebenden Töne in mancher Form Musik sind. Ziehen wir alles genau in Betracht, so kommen wir zur Schlussfolgerung, dass die Natur, im Bereiche des Tonsystems, uns bei Weitem kein künstlerisch verfertigtes Material bietet, sondern blos einen Rohstoff, den wir dann fiir die Musik präpariren. Nicht die Stimmen der Thiere, sondern deren Darme dienen uns als Material für die Musik, so dass deren Existenz weniger der Nachtigall als dem Hammel zuzuschreiben ist. Im selben Verhältnis wie Erz und Holz zum Tone sich befinden, muß auch der Ton in seiner Weise als Material zur Musik betrachtet werden. Dadurch gelangen wir zu einem höheren Verständnis vom musikalischen Materiale, einem Materiale, welches zur Bildung einer Musiksprache stihrte, einer Idee zum Ausdrucke verhalf und ein Thema schuf. Die Malerkunst und Sculptur haben ein unerschöpstiches Material in der sie umgebenden Natur; der Maler und Bildhauer kann nur das produciren, was eben in der Natur vorzufinden oder zu beobachten ist, sei es eine Landschaft, eine Scene aus dem Leben, und wie weit diese auch in ihrer Phantasie gehen und die Gruppirung gestalten, so müssen sie doch einen jeden Theil einem Vorbilde der Natur, welche sie genau beobachteten, entnehmen. Ein viel weiteres Feld besitzt allerdings die Poesie. Wenn wir jedoch diese Mnste mit der Musik vergleichen, so kommen wir zu dem Schlüsse, dass erstere stets nur die in der Natur vorhandenen oder als solche denkbaren Gegenstände mehr oder welliger direct Wiedergebell können, während dies bei der Musik nicht der Fall ist. Die Natur hat keine Sonate, keine Ouvertüre, keine Requieme oder Symphonie, welche dem Tonkünstler als Vorbild zum weiteren Schaffen dienen könnten, er muß dies alles in ben geheimsten Tiefen feines Geistes bearbeiten und aus sich selbst schaffen. Nicht im dramatischen, aber im musikalischen Sinne kann niemand behaupten, dass Mozart zu seinem ״Requiem", Beethoven zu seiner ״Neunten Symphonie", Mendelfohn zum ״Paulus" irgend welches Vorbild

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