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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1893-09-01 · Heft 21 (1.9.1893) · p. Seite 2

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
13 (1893)
Issue
Heft 21 (1.9.1893)
Date
1893-09-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. Nr. 21. kehrte er zurück, wurde in den Anklagestand versetzt und fiel der Strafe anheim. Der Herr ist Gott, er sandte den Menschen auf Erden, sich geistig, sittlich, religiös zu vervollkommne und stattete chn reichlich dazu aus. Doch der Mensch vergisst seine Bestinunung, lebt sinnlich, sammelt Schätze, bis er endlich Schiffbruch leidet, er stirbt, lässt Alles zurück und wird vor das Gottesgericht gestellt. So spricht der weise Kohelet (Kap. 12, 13): ״Fürchte Gott, beobachte seine Gebote, denn das ist der Zweck des Menschen". Ein weiser König. Im 2. Theil Nr. 245 erörtert der Verfasser, wie es kommt, dass Gott einen Frevler vom Glucke begünstigen lässt, dass er oft reich, groß und mächtig wird, durch folgendes Moschol: Es kam dem König zu Ohren, dass ein Jndividium mit dem Plane mngehe, den König meuchlerisch zu überfallen und zu tödten, er warte nur eine passende Gelegenheit dazu ab. Nachdem die Beweise dafür erbracht worden, ließ der König den Mann, der auch Alles nicht eingestanden, verhaften. Der König aber, nicht allein dass er den Mordgesellen nicht gebührend bestrafte, gab ihm vielmehr reichliche Geschenke und ein hohes Amt dazu, zmn Erstaunen Aller, die es hörten. Erst nach einer Zeit, als der Mann einen Ruf sich erworben, sich groß und glücklich fühlte, ließ der König ihm aufs Neue den Prozeß machen und chn zum Tode verurtheilen. Als der König über diese Behandlungsweise beftagt wurde, gab er folgende Erklärung darüber: Für den unbedeutenden, niedrigen Menschen, der des Lebens Freuden nie gekannt, dem an seinem Leben selbst nicht viel gelegen war, wäre die Strafe gar nicht so hart gewesen. Er sollte erst groß, reich und angesehen werden, ein Wohlleben führen, jetzt erst wird chn die Srafe hart treffen. So lässt Gott oft Barbaren groß uud mächtig werden, und dann erst vernichtet er sie, damit sie der Sturz uni so härter treffe. Das ist der Sinn des Bibelverses (Hiob 12, 23): ״Masgi Lagojim ־wajeabdem, Gott erhebt die barbarischen Völker, und dann erst vernichtet er sie". (Und damit lässt sich auch ein Ausspruch des Talmud erklären (Gritin 56): ״Kol hamezar l’Jisroel nasse Roscli, wer das Volk Israel bedrückt, wird eine hochgestellte Person", damit er dann den Sturz schmerzlicher fühle. — d. V.) W.r. ׳ (Fortsetzung folgt.) Mateh Aharon. 40 Chor- und liturgische Gesänge für die hohen Feiertage, componirt und herausgegeben von Adolf Grünzwcig, Chordirigent am isr. Cultustempel zu Arad. Gelegentlich der Besprechung der frühen: Grünzweig sichen Synagogen-Compositionen machten wir auf die liebenswürdige Eigenart derselben auftnerksam, einer Eigenschaft, die bekanntlich nicht durch große Machtentfaltung, sondern gewissermaßerr durch AnmuLH und Freundlichkeit den Hörer zu gewinnen trachtet. In diesem neuesten Werke jedoch erscheint der Componist als überaus muthiger Kämpe auf dem Plane, von einem Muthe beseelt, der nach einer Richtung unserer Sympathie sicher sein kann. In einer Epoche, wo Cantoren und Nichtcantoren mit einer beklagenswerthen Zähigkeit bestrebt sind, die jüdisch-cantoralen Errungenschaften vergangener Jahrzehnte zu vernichten, kann doch sicherlich demjenigen das Zugeständnis der Herzhaftigkeit nicht vorenthalten werden, der es unternimmt, die synagogalgesanglichen, somit die jüdisch-cantoralen Interessen durch die Herausgabe ausschließlich synagogaler Gesänge zu unterstützen. Die Verleger lehnen es ab, ein Synagogengesangswerk der Öffentlichkeit zu übergeben, und die Cantoren vernichten ja durch ihre Kauftmlust jedes derartige Unternehmen, Auch bezüglich der qualitativ neuen Richtung müssen wir Grünzweig unsere Anerkennung zollen, indem er, wie bereits angedeutet, bei den meisten der vorliegenden, größeren Compositionen den ihm so geläufigen Pfad des Lyrischen verlässt und es versuchte, dem Heroischen seine Aufmerksamkeit zuzuwenden. Nicht desto weniger athmen sämmtliche CoMpositionen eine Fülle von Melodien, welche Meister Grünzweig als fteundliche Naturspende besitzt und auch trefflich zu verwerthen versteht. Wir wollen es nicht versuchen, auf die einzelnen Schönheilen der vorliegenden Compositionen einzugehen, da der Raum dieses Aufsatzes es nicht gestattet; im Rahmen unserer fortlaufenden Arbeit jedoch werden wir das Nöthige erschöpfend nachholen. Sämmtliche Stimmen des Werkes erweisen sich bei ihrem gewissermaßen monumentalen Aufbau doch überaus sangbar und sind bei rigoroser Behandlung einer großen Wirkung sicher. Nur nach einer Richtung müssen wir dem muthigen Auftreten Grünzweigs unsere Sympathie vorenthalten, u. zw. bezüglich der Behandlung der traditionellen Melodie. Wohl vermeint der Conrponist, mit der Bezeichnung: ״Nach alter Weise" allen etwaigen Angriffen bezüglich der traditionellen Melodie glücklich entronnen zu sein, indem einer alten Weise nicht so leicht die historische Entstehungsperiode nachgewiesen werden kann, und selbst dort, wo dies wirklich der Fall sein könnte, verschanzt sich der Componist unter dem Wörtchen ״nach" d. h. er bekundet lediglich, eine alte Weise benützt zu haben. Grünzweig ist euch dieser seiner feinfühlig gewählten Bezeichnung ״nach alter Weise" vollständig gerecht geworden, denn er verwendet nirgends die alte Weise voll und ganz, sondern benützt dieselbe nur gewissermaßen ,als interessantes Ferment für seine musikalischen Produkte. Meister Grünzweig diente von Picke an und schwang sich zu sieghafter Höhe empor im Reiche des Traditionsgesanges. Ihm ist es gleich uns bekannt, dass die traditionellen Melodien keine contrapunktischen Rechenexempel, am allerwenigsten jedoch eine moderne Harmonisirung verlangen und bei gewaltsamer Bekleidung mit dieser modernen Gewandung ihres eigenen originellen Werthes entkleidet werden müssen. Das jedem gläubigen Juden geläufige Melodie-Fragment Hapores 910. 2, Seite 4, wird dem Musiker im Allgemeinen sicherlich correkt gearbeitet, gewissermaßen auch interessant erscheinen; vor dem Ohre des Eingeweihten jedoch winden sich die alten Töne im Banne der modernen Harmonie mit den immer wiederkehrenden Versetzungs- und Auflösungszeichen, wie eine sündhafte Seele im Fegfeuer, und in •w’a-ni se-filosi No. 7, S. 19, klingt die reizende Sabbath -Nachmittags-Melodie nur visionartig hindurch, wird aber von der überaus selbstbewusst auftretenden Harmonie nebst Orgelbegleitung vollständig erdrückt. Geradezu unerklärlich erscheint der gewaltsame Übergang von A-moll nach dur in den letzten drei Takten des Orgelnachspiels: cs hat den Anschein, als ob der Conrponist sichtlich bestrebt wäre, selbst das leiseste Nachfühlen eines noch etwa haften gebliebenen traditionellen Anklanges endgiltig vernichten zu wollen*) Alle übrigen Nummern, die mit ״rrach alter Weise" bezeichnet sind, erscheinen in konsequenter Weise überaus modern bearbeitet, mrd diese Consequenz von Seite Meister Grünzweigs, die, wie bereits erwähnt, eine gewisse Absichtlichkeit errathen *) Wir gestehen, bei einer Aufführung dieser Nummer diese letzten vier Orgeltakte in LloN ausführen zu lassen, und vermeinen hiemit den einzig richtigen Weg für die Wirkungsfähigkeit derselben gezeichnet zu haben.

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