Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 20 (15.8.1893)
- Date
- 1893-08-15
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 20. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Aeitung. Seite 5. Das Moschol. Nach seiner Bedeutung und Anwendung in biblischen und nachbiblischen Schriften. Rabbi Jonathan Eibeschitz in seinem Werke ״Jaros Dewasch (1 Theil, Blatt 14) will begründen, woher es kommt, dass die Vorschriften der Rabbinen mehr beachtet werden, als die Gebote der Thora, darauf erzählt er Folgendes: ״Die Rabbinen als Schitdwache. Als ich in Wien einem hochgestellten Hofbeamten meine Aufwartung machte, fragte er mich im Laufe des Gespräches: Wie kommt es, dass die Israeliten die Vorschriften ihrer Weisen, die doch längst im Staube ruhen, strenger beobachten, als das Wort des ewig lebenden Gottes? Worauf ich ihm mit folgendem Gleichnis antwortete: Entscheide du selbst, Herr! du nimmst eine hohe Stellung bei Hof ein, bist dem Kaiser selbst nahestehend. Wenn du über mich verhängen würdest, dass ich dich allsogleich verlassen müsse, ich aber mich deinem Befehle widersetzte, hättest du die Macht, mich zu tobten? Gewiss nicht, das Gesetz würde das als einen Mord betrachten und ahnden. Wenn hingegen die Schildwache vor deinem Palaste mir den Eingang verweigert, und ich nicht achtend darauf trotzdem mich vordränge, siemich hierauf niederschießt, würde sie eine Schuld treffen? ImGegentheile, sie würde noch belobt werden, ihres Amtes muthig und entschlossen gewaltet zu haben. So bilden auch die Rabbinen die Schitdwachen der Gotteslehre, die ein Bollwerk aufgefichrt haben, durch verfchiedene Zusätze und sogar vom Banne Gebrauch machten, wenn leichtsinnige Menschen unberufen das Wort Gottes verletzen wollten; daher muß auch das Wort der Weisen strenge gehandhabt werden". Diese Notiz ist auch von Bedeutung in historischer Beziehung, denn sie liefert uns den Beweis, wie angesehen dieser berühmte Gelehrte auch in Regierungskreisen war. Der einzige Soh n. Andererseits muntert wieder der Verfasser seine Zuhörer ans (das. Blatt 28), die Thora zu schützen und zu lieben durch folgendes Gleichnis: Ein Vater hatte mehrere Söhne, alle wohlerzogen und sein gebildet, hatte aber das Unglück, dass sie in den besten Jahren vom Tode unerbittlich weggerafft wurden, bis auf einen Einzigen, der am Leben geblieben ist. Wer würde sich darüber wundern, dass er seine ganze Liebe dem einzigen Sprößliug zngewendet, ihn tote sein Augapfel gehütet, von ihm nicht wich, selbst im Schlafe ihn bewachte. So hat Israel alle seine Herrlichkeiten verloren, das gelobte Land, das Heiligthum, und alles was damit in Verbindung stand, nur das einzige Kleinod ist ihm geblieben, die Thora, darum sollen wir sie auch treu bewachen, schätzen und lieben. Das Gute n n d das B ö s e. Darüber führt uns der Magid folgendes Moschol an zur Erörterung dieser beiden Begriffe (daselbst Blatt 36 b.). Beide, das Gute und das Böse, unternahmen zusammen eine Reise durch die Welt. Das Gute, uni Gutes zu stiften und zu veranlassen, die Menschen zu guten Thaten aufzumuntern; das Böse hingegen, das Gegentheil zu bewirken, zur Bosheit auszureizen und Böses zu stiften. Das Gute gieng anständig gekleidet, führte eine sanfte, gefällige Ansprache; das Böse hingegen war in Lumpen gekleidet, führte eine rohe und abstoßende Sprache, darum traute ihm Niemand und es wurde allgemein verachtet. Da wendete sich das schlaue Böse mit heuchlerischer Verstellung an das gute aufrichtige Herz des Guten, auf eine kurze Zeit nur die Kleidung zu vertauschen, damit das Böse doch etwas gefälliger aussehe, und das gute Herz des Guten gieng darauf ein. Jetzt wechseltet! die Rotten. Das Böse gieng stolz in schöner Kleidung umher, die es nicht mehr ablegen wollte, führte eine betrügerische, verlockende Sprache, brütete aber im Innern Unheil. Das unverständige Volk ließ sich täuschen, gieng in die Falle, und seitdem ist das In einer kahlen Stube, deren Kellerluft das Blut erstarren machte, auf einem ärmlichen Bette lag unter einem Bündel Decken das winzige Männchen. Vor der Kälte ins Bett geflüchtet und obwohl fiebernd vor Unbehagen, besteht^er darauf, sich vom Lager zu erheben, um mir seine geheimen L-chätze zu zeigen. Ein Kohlenbecken wird hereingebracht, die starren Glieder zu wärmen, dann öffnet er die Thür des Nebenzimmers und wir stehen in einer—Synagoge, in Croccolo's Familien-Synagoge. Ein Heller großer Raum, in der Mitte ein rundes Empor, von welchem herab die Thora verlesen wird, umgeben von Gitterwerk in prächtiger, alter Holzschnitzerei, schöne Betpulte, alterthümliche Messingleuchter uund endlich im Osten das Allerheiligste, der Schrank mit den Thorarollen, verhüllt durch eine Decke von kostbaren Stoffen. Im selben Gegensätze wie der künstlerisch vornehme Raum zu dem armseligen Wohnhause stand der Croccolo der Synagoge zu dem kleinen, zitternden Geschöpfe von vorhin. Hohe Genugthuung und Stolz verklärten sein runzeliges Gesicht, als er mir alle Gold- und Silbergefäße zeigte, die Hände, Schilder und Thürinchen, welche an hohen Festtagen die Thorarollen zieren, die kunstvollen Sückereien, mit denen die Schränke und Pulte bedeckt werden. In seliger Demuth kiisst er jedes heilige Geräth, mit Inbrunst die Thora; schwelgend in Errinnerung an die Zeit, da seine Familie zu den vornehmsten der Gemeinde gehörte, scheint er ganz entrückt der armseligen Gegenwart. Mein weltlicher Sinn schreckte ihn aus feiner Verzückung. ״Verzeiht, Ihr seid krank, leidet Noth und besitzet solche Schätze. Machet sie doch zu Geld!" ״Wo denkt Ihr hin, Herr? Das Meiste und Kostbarste ist Widmung befreundeter Familien, und eher will ich sterben, als dieses kostbare Erbe meiner Voreltern dein Antiquar überliefern. . ״Diese Schätze reizen!!!ich nicht, das Nebel ist blvs, dass ich die Miethe für diesen Raum aufbringen mutz — das richtet mich vollends zu Grunde. Oft bat ich die Gemeindevorstehung, mir diese Bürde abzunehmen, aber sie haben kein Geld. Dann verkleinert sich die Zahl der Mitglieder, dass selbst die große Synagoge nie voll wird. ״O, wenn ich diese Last nicht hätte, Alles wäre besser!" Ein tiefer Husten, der im Anhören schmerzt, folgt diesen Worten. ״Na. c’e per l’onore clella 09,33,." ״Aber es geschieht ״für die Ehre des Hauses." * * * Und als ich dann Abschied nahm von Croccolo und seiner Synagoge, Abschied wohl für immer, da sah ich mir es fest au, das kleine Persönchen, welches Bücher verkauft in den Straßen von Livorno — ״fiir die Ehre des Hauses." Mir war's, als Hütte ich in ihm den Geist des Judenthums gesehen. Der Eine geht zu Grunde an seiner eigenen Synagoge — die Anderen an ihrem besonderen Herrgott. Aus dem ״Wr. Tagblatt."