Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 20 (15.8.1893)
- Date
- 1893-08-15
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 20. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Aeitung. Seite 3. Haben wir dort eine durch die Eigeuthümlichkeiteu der verschiedenen Instrumente sich ergänzende und vermöge des Tonsatzes sich stützende Klangmasse, so ist hier allein die menschliche Stimme mit ihrem schwankenden Wesen maßgebend. Der Singende, unmittelbarer wie der Jnstrumentalist seine inneren Regungen, sein Empfinden preisgebend, ist dadurch auch leichter geneigt, sich freier zu bewegen und sich gehen zu lassen. Das Bestreben, zu schleppen, in schwelgendem Entzückeil auf jedem festhaltbaren Ton liegen zu bleiben, ist daher nur zu sehr an der Tagesordnnng. Es ist deshalb nothwendig, durch öfteres, sorgsames Markiere!: der Unterabtheilungen der Taktzeiteu das Tempo im Fluß zu erhalten, selbst durch direkte Winke zum Loslassen eines Tones, zum Atemhohlenund zum Weitergehen zu zwingen. Umden Stimmenklang zu veredeln, lasse man oft mit hälberKraft unb Piano singen. Das Einstudieren einer Oper mit ihren: großen Apparat erfordert bezüglich der drei Hauptfaktoreu (Solisten, Chor l:nd Orchester) gesonderte Vorproben. Als Mithelfer tritt dem Kapell-! meister hier der Chordirector zur Seite. Nach vorheriger Berständigung mit dem die Oper leitenden Kapellmeister übernimmt derselbe das Einstudieren der Chöre, oft eine wenig dankbare Aufgabe. Mit dem Orchester und mit Solisten zu studieren, ist Sache des Kapellmeisters. Bein: Studieren des Orchesters ist besonders darauf zu achten, ob das Orchester begleitend oder selbstständig wirkend auftritt. Nach dieser Hillsicht ist der Vortrag mit allen seinen Schattierungen möglichst feinfühlig auszuarbeiten. Die Solisten studieren je nach ihrer musikalischen Begabung ihre Partiell theils selbstthätig, nachdem natürlich die nöthigen allgemeinen Andeutungen von Seite des Kapellmeisters vorausgegangen sind, theils müsse:: ihnen dieselben Toi: für Toll am Klavier ״eingepaukt" werden. Sobald das Einstudieren der Partien weit genug vorgeschritten ist, beginnen die E1:scmbleproben zunächst für die Solisten allein, in welchen sehr ans gleichmäßige Ausführung der dynamischen Zeichen zu achten ist, dann für die Solisten mit dem Chor. Hieraus folgen Arrangierproben mit Clavier aus de: Bühne und dann die Gesammtproben mit dem Orchester. Um jedoch die Sotistell mit dem Orchesterklang noch vor den Gesamintprvben bekannt zu machen, indem ihre Aufmerksamkeit doch mehr oder weniger durch das Spiel abgeleitet .wird, arrangiert lnan oft sogenannte Sitzproben mit Orchester. Die Sänger sitzen im Vordergrund der Bühne und singen ohne zu spielen ihre Partien mit Orchesterbegleitung. Bei neuen und namentlich bei schwierigen Werken ist dieses Verfahren durchaus nothwendig. In den Gesammtproben ist mm das Ganze zusammenznsassen, sind die Steigerungen, die Höhepunkte re. auszuarbeiten. So berechtigt es ist, dem Sänger gewisse Freiheiten im Vortrag zu gestatten, um so energischer sollte jedoch jeder gewissenhafte Dirigent willkürlichen Aenderungen namentlich in der Mnsik, als da sind das Hiuzufügen geschmackloser Verzierungen oder hoher Töne des äußern Beifalls wegen, entgegentreten. Sind Aenderungen, Striche durchaus nöthig, so mache man solche nach reiflicher Ueberlegnng, die Intentionen des Komponisten liebevoll berücksichtigend. Den Abschluß der Gesammtproben bildet die Generalprobe, der Prüfstein für die Aufführung. Die öffentliche A u f f ü h r u 1t g ist das Ziel aller bisherigen Vorbereitungen und Bestrebungen. Ter Dirigent tritt jetzt als der eigentliche Vortragende dem Publikum, der gestrengen Kritik gegenüber, diese sollen nun richten, nicht nur über das aufzuführende Werk allen:, sondern auch über die A u s f ü h r u n g. Wird diese gelingen? Je sorgfältiger geübt und studiert wurde, llin so weniger wird das Gelingen derselben in Frage gestellt sein. Und doch sind noch mancherlei Hinderniße z:l überwinden. Die Oeffentlichkeit der Aufführung bringt naturgemäß eine gesteigerte innere Erregung mit sich. Diese kann nun allerdings fördernd für die Aufführung sein, indem sie das Jnterresse aller betheiligten Kräfte noch hebt und reger macht, anderseits kann sie aber auch hindernd ans die Auffi'lhrung einwirken. Crorcollo's Synagoge. Eii: Kardinal als Gründer einer jüdischen Gemeinde! Wer erschrickt da? Ach diese Eminenz ruht längst im Grabe und ihr Geist, deß bin ich sicher, weilt im Kreise der Seligen, nahe, ganz nahe den! Throne des Allerhöchsten, der die Liebe bedeutet. Ferdinand, aus dem fürstlichen Geschlechte der Mediceer, erhielt im Jahre 1962 den Kardinalshut und galt als ein einflußreiches Mitglied des püpstlichei: Hofes. Fünftindzwanzig Jahre später starb sein Bruder Franz ohne Thronerben, was ihn veranlasste, die hohe geistliche Würde niederzulegen, um die Regierung des Großherzogthums Toscana zu übernehmen. Das war um die Zeit der Renaissance, als Kunst und Wissenschaft ihre Wiedergeburt feierten und ein Völkersrühling über die Welt kam, dessen Blüthen noch hellte die Menscheit erquicken. In Spanien aber sträubte man sich gegen die Regungen des neun: Geistes, und wessen Knochengerüst zu fest war, um sich der Inquisition zu beugen, der musste anderwärts seine Heimat suchen. So kam es, dass Ferdinand I. von Toscana beit vertriebenen spanischen Juden in den: neu entstehenden Livorno eine Zufluchtsstätte bot. Die neuen Bürger des Kardinal- Großherzogs lohnten seine Menschenfreundlichkeit, indem sie den kleinen Landungsort, der im Jahre 1951 nur 749 Einwohner zählte, alsbald zur wichtigsten Handelsstadt erhoben, dessen Hafen von allen Flaggen der Welt begrüßt wurde. Im zehnten Jahre seiner glorreichen Regierlurg wurde der Israelitische Hilfsverein gegründet, der numnehr auf eine dreihundertjährige Thütigkeit zurückblickt und im Jahre 1606 war die vom Kardinal begründete Gemeinde groß und reich genug, um die herrliche Synagoge aus cararischem Marmor anfzubauen. Die Stadt zählte bis 60,000 jüdischer Einwohner, darunter sehr viele reiche und angesehene Familien, zu denen auch die Croccolo zählte:!. Wie viele Inden es heute in Livorno gibt, ich konnte es nicht erfahren. Sie behaupten dort: ein Mensch sei wie der andere, und der Staat, welcher Geld-und Blutsteuer von allen Unterthanen gleichmäßig einhole, hätte kein Recht, nach ihrer Confessio:: zu fragen. Sie sind eben noch weit zurück dort unten in der — Statistik. So viel ist sicher: Livorno verlor sehr viel an Genua, und die Judengemeinde wird alljährlich kleiner und armer. Mit dem Reichthum und der Größe der Gemeinde schwand auch die der Croccolo, und ihr letztes Mitglied ist klein — so klein und arm, ach, so arm — doch das will ordnungsgemäß erzählt sein. Ein kleines Menschenkind schiebt einen langen bücherbeladenen Karren vor sich her durch die Straßen von Livorno. Der Gestalt nach scheint's ein halbwüchsiger Knabe; das faltige Angesicht jedoch und die müden Angen, die von schwerem Leid erzählen, sie belehren mich, dass die Jahre und der Kummer über seinen Körper hinausgewachsen sind. Ich durchsuche die Litteratnrschätze, welche den Karren bedecken, und versuche ein Gespräch anzuknüpfen, dem der kleine — Mann ausweicht—soweit es nicht seine Bücher betrifft. Indes nähert sich ein junger Mann, der unschwer als Deutscher zu erkennen.