Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 20 (15.8.1893)
- Date
- 1893-08-15
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. Gesterreichisch-nngarische Lantoren-Zeitung. Nr. 20. Die Gerneinden sind in den meisten Fällen nicht in der Lage, . den kärglich bezahlten Beamten eine Pension zu gewähren und da ist es ja in ihrem eigensten Interesse gelegen und ein Act der Gerechtigkeit und Billigkeit, wenn sie die Selbsthilfe des Cantorenverebtes fördern und, ohne dem Gemeindesäckel wehe zu thnn, im - Kreise ihrer Mitglieder die Samlungen für den Pensionsfond desselben möglichst befürworten. Nun denn, die Sammelbögen werden wieder in der nächsten Tagen versendet werden, und da möge jeder Vereinsgenosse, und überhaupt jeder College — denn auch die Nichtmitglieder sollten sich von solch gemeinnütziger Thätigkeil nicht ausschließen — es als Ehrenpflicht erachten, ein möglichst günstiges Resultat zu erzielen. Die Geringfügigkeit einer Spende — 18011 kematnas libbau — oder die Verweigerung einer solchen darf Niemanden abschrecken, Niemanden entmuthigen, das Bewusstsein im Dienste eures schönen und edlen Werkes zu stehen, wird ihn über alle Enttäuschnngen, die chm etwa begegnen sollten, hinwegheben und ein, wenn auch kleinerer Erfolg ihm doppelt hoch erscheinen. Lasset uns brüderlich zusammenhalten, Einer für Alle, Alle für Einen sei unser Losungswort. Ueber das Dirigieren. (Schluß). Der Dirigeirt gebe seine Andeutungen, seine Bcmerkullgen bezüglich der Ausfiihrung in wenigen Worten, bestimmt und klar und halte gleich in der ersten Probe auf genaues Beachten der vom Komponisten vorgeschriebenen Zeichen, sowie seiner eigenen Andeutungen. Es ist das sehr wesentlich; die Aussührenden werden sich dadurch schneller in das Werk hineinleben, der Vortrag wird ihnen bald geläufiger und die Unterbrechungen mit ihren zeitraubenden Erläuterungen von Seite des Dirigenten werden sich mit jeder Probe stetig vermindern. Folgende Punkte dürfen nicht unerwähnt bleiben, da sie Uebelstände berühren, die vielen Orchestern anhaften oder sich leicht einschleichen und an denen der Dirigent zum großen Theil selbst schuld trägt. Viele Orchester besitzen weder ein gesundes, kraftvolles Forte, noch ein zartes und doch volltönendes Piano. Es liegt das daran, dass bei Fortestellen, namentlich bei langen, gleichmäßig stark auszuhaltenden Tönen, die Streicher gern allzubald in der Kraft Nachlassen, die Blechbläser oft zu unedel und roh im Klang wirken, hingegen bei Pianostellen die Bläser meistens zu stark blasen. Mühelos für die Streicher ist ein gleichmäßiges Piano, eine zarte Begleitung namentlich für die Holzbläser sehr anstrengend und daher schwer zu erreichen. Bei Fermaten machen sich diese Uebelstände oft sehr bemerkbar; hier heißt es mit festem Willen die Klangwirkungen der verschiedenen Gruppen gegen einander ausgleichen. Ein Crescendo über mehrere Takte hinweg wird gewöhnlich gleich int ersten Takt ausgeführt, statt in allmählicher Steigerung bis zur bezeichneten Grenze, ebenso ein Decrescendo. Das Accelerando ist gleichmäßig fortschreitend zu beleben, wie das Rallentando nach und nach Zn verlangsamen. Accente im Pianosatz müssen weniger kräftig sein als im Fortesatz. Das Tremolo der Streicher klingt oft matt und bleibt daher wirkungslos; hier halte der Dirigent darauf, dass dasselbe genügend schnell mit losem Handgelenk ausgeführt werde, 2luch das Aufsetzen und Abnehmen der Dämpfer muß geräuschlos erfolgen. Ferner achte der Dirigent auf saubere Ausfiihrung der Mittelstimmen, der Begleitungsfiguren, auf diskrete Ausfiihrung derselben den melodiefiihrenden Stimmen gegenüber und vor allen Dingen auch auf richtiges, sinngemäßes Phrasieren. Licht und Schatten überall angemessen, nicht übertrieben vertheilend, wird der Dirigent bald zu seiner Freude ersehen, dass den Ausführenden das Verständnis für das Werk immer klarer vor Angen tritt, die Ausführung desselben mehr und mehr zu einer treuen, lebendigen Wiedergabe seiner, im Sinne des Komponisten gedachten Auffassung heranreift, dass seine zweite Aufgabe somit gelöst ist. Das Einstudieren eines Chorwerkes bedingt ein doppelt sorgsames Vorgehen. Da die Chorvereine sich zumeist nur aus mehr oder weniger musikalisch gebildeten Dilettanten zusanunensetzen, ist eine so straffe Disziplin wie bei einem aus Berufs- Musikern gebildeten Klangkörper nicht durchführbar. Unregelmäßiger Probenbesuch, Unachtsamkeit in den Proben, Befangenheit beim Singen sind Faktoren, die den gewissenhaften Dirigenten oft zur Verzweiflung bringen. Der Leiter eines Chorvereins muß daher stets darauf bedacht sein, das Interesse, die Sangesfreudigkeit der Mitglieder wach zu erhalten und nicht zu ermüden. Um am schnellsten und sichersten zum Ziel zu gelangen, ist es vortheilhast, jede Stimmengattnng allein einznüben, dann die Frauenstimmen für sich unt) die Männerstimmen für sich zusammen zu nehmen und schließlich mit dem ganzen Chor vereint zu üben Bevor die Uebung beginnt, sind Alldeutungen über das Werk im allgenleiilen und die nöthigen Betehruilgen in musikalischer Beziehung über Tempo, Takt und Rhythmus zll geben. Ferner bezeichne der Dirigent im Text die Stellen zmil Atemhohlen und dringe darauf, dass diese Zeichen in die Stimmen eingetragen werden. Vortheilhast ist es auch, ben Text vorerst deutlich vorsprechen zu lassen. Das Einsüldieren geschieht meistens am Clavier bind) Vorspielen und Mitspielen der einzllübendeu Stimlne, auch wohl mit harmolüscher Ullterlage. Nach imb nach unterlasse mail das Mitspielen der betreffenden Stililine, spiele eine andere dagegen, höre zuletzt ganz auf mit der Begleitimg und markiere dann nur die Taktzeiten. Ebenso verfahre Ulan beim Zufammenfasfen einzelner Stimmen, selbst bei den Uebungen mit dem Gesanuntchor. Durch dieses Verfahren gewinnt der Chor in sich mehr Halt und Sicherheit im Vortrag und gewohnt sich auch alsbald an die Führung des Dirigenten. Im Fall gleichmäßig stark über inehrere Takte hinweg auszuhaltende Noten llicht in einem Atemzuge zu bewältigen sind, bringt man dieselben am besten dadlirch zur vollen Wirkung, dass ment abwechselnd gruppenweise atmen lässt. Dass beim Singen auf eine deutliche, sorgfältige Textaussprache zu achten ist, dass die Singenden anzühalten sind, oft auf den Dirigenten zu sehen, nicht gegen das Notenblatt zu singen Mld dass alles bezüglich der Fermate, des gehaltenen Tones, der Mittelstimmeil, der dynalnischeu Schattierlmgen vorhin beim Orchester Erwähnte hier ebenfalls seine Allwendimg finden muß, soll nicht unerwähnt bleiben. Besonders hervorheben möchte ich jedoch, dass die Singenden gewöhnt werdert, möglichst selbstständig ihre Eiltsätze nach kürzeretn oder längerem Pausieren zu bringen. Das Zeichen zum richtigelt Einsatz wird allerdings vom Dirigenten gegeben, darf keinesfalls fortbleiben, aber dieses ängstliche, unruhige Ausschauen nach demselben während der Aufführung gewährt oft einen kläglichen Anblick für den Zuhörer und kamt uitter Ulnständen die fteie Entfaltuttg aller Kräfte sehr beeinträchtigen. Der Chor ist nicht eilt so willig folgender Klangkörper wie das Orchester und bedingt daher eine eingehendere Leitung.