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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1893-08-01 · Heft 19 (1.8.1893) · p. Seite 4

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
13 (1893)
Issue
Heft 19 (1.8.1893)
Date
1893-08-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Nr. 19. Seite 4. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Aeitung. Emägt man nun, dass der Tag, am welchem ein Degel- Inhaber sein Opfer brachte, besonders festlich begangen wurde, weil da an dem Freudenopfer-Mahle außer den beiden ״Frügel- Stämmen," die mit dem ״Führer" das Lager bildeten, auch noch die drei andern Degel-Jnhaber, als ebenbürtige ״Oberst- Collegen," theilnahmen, so ist es wohl einleuchtend, dass beispielsweise-der Fürst des Stammes Dan, der erst am zehnten Tag an die Reche kam, sich durchaus nicht gegen den Fürsten des Stmmnes Jissochor, der schon am zweiten Tage ״daran" kam, zurückgesetzt fühlte, da sein (des Dan') Tag als der Tag eines ״Lager-Führers" den Tag des Fürsten Jissochor an Pracht und Glanz weit überstrahlte. Außer den 4 Degel-Jnhabern wurden auch Jissochor, der fünfte und S'wulun, der sechste Sohn der Lea, bevorzugt, indem dieselben schon an! zweiten, resp. am dritten Tage daran kamen. Da beim Lager der Söhne Rachels — Efrajim, M'nasche und Binjomin —alles normal blieb, so stellt es sich heraus, dass kein einziger Fürst sich über Zurücksetzung zu beklagen hatte, außer der arme Sch'lumisl, der Fürst vom Stamme Schimon, da er, der Vertreter des zweiten Sohnes der Lea, erst am fünften Tag an die Reihe kam, während seine zwei jüngsten Brüder, Jissochor, der 5. und Sebulun, der 6. Sohn derselben — schon am zweiten, resp. am dritten Tage daran kamen. Mit Recht wurde daher seit uralten Zeiten Schlumisl ben Zuri-Schaddoj als der Vater der Verletzten und Zurückgesetzten von uns, seinen Glaubensgenossen, bezeichnet, bis Chamisso kam und ihn in die Weltlitteratur einführte als — man wäre schier geneigt zu sagen — den getauften ״Peter — Schlemihl." ל Wir Juden aber, die wir ja sammt und sonders den Sch'lumisl unter den Völkerstämmen abgeben müssen, wir behalten uns nach wie vor den biblischen Sch'lumisl als den Urtypus des, durch das Zusammentreffen verschiedener Umstände und Ursachen, Zurückgedrängten und Zurückgesetzten. Denn dieser Sch'lumisl kann wohl äußerlich in den tiefsten Schatten geschoben mW gestellt werden, seinen innern Werth Humoreske von M. T i n t n e r, Lehrer und Cantor, Bunzlau, Preuß. Schlesien. ״Es ist nicht länger zum LUshalten diese langweilige Reise mit der Droschke! Schon 4 Stunden in dem Karren geschüttelt zu werden und noch 1 Stunde bis zur nächsten Bahnstaüon!" raisonnierte Joseph M e i d l i n g e r, ein junger Cantor aus dem Städtchen Z. Endlich war der Bahnhof zu N. erreicht. ״Mit ineiner Nachtruhe ist es aus und morgen werde ich gleichsam auf die Folter gespannt, also weiter reisen." — ״Herr Schaffner," rief er dann verdrießlich, ״wann geht der Zug nach P.?" ״In 20 Btinuten, mein Herr." Schnell löste Meidling er die Fahrkarte und stieg ein. ״Gott sei Dank! Hier kann man sich's behaglich machen," schmunzelte der Cantor, als er die weichen Polstersitze des Coupss H. Classe musterte, die den Müden zur Ruhe einluden; ״Nun werde, ich schlafen können, um morgen frisch und heiter mich vorstellen zu können. Hoffentlich macht meine äußere Erscheinung den besten Eindruck". Meidlinger reiste etwa zu keiner Probe, er liebte nicht das Herumflattern in den Gemeinden, sondern, um sich ein freundliches, glückliches Heim zu gründen — zur Brautschau. Behaglich hatte er sich in den weichen Fauteuil geworfen und Anstalt getroffen einzunicken. Der Wagenschlag des Coupss wurde geöffnet und eine junge Dame stieg ein. Mürrisch eraber, das Bewusstsein seines bessern Jchs, wodurch er sich mit berechügtem, edlem Stolze als Ben-Zuri-Schaddoj betrachtet, dieses beseligende Gefühl ihm zu rauben — ist eine ganze Welt nicht im stände. Hingegen wollen wir die erbarmenswerthe Figur des getauften oder ungetansten P e t e r-Schlemihl als warnendes Beispiel vor unsere junge Generation hinstellen! Dieser verkauft für einen Sack Gold seinen Schatten, er verleugnet für schnödes Geld seine innerste Ueberzeugung, entäußert sich des Genusses halber seines eigenthümlichen Wesens, durch welches einzig und allein er, nach Natur-und Vernunft-Gesetz, eine Existenz-Berechügung hat. Diese Jammergestalt ohne Schatten, ohne aufrichtigen Freund, mit dem Bittern Bewusstsein, dass der ihm gegenüber angeschlagene schmeichelhafte Ton ein erkiinstelter, eine Heuchelei ist, dass der ״warme" Händedruck aus falschen, eiskalten Herzen stamme (Psalm 144. 8, 11). Dieser moralisch Gebrochene sieht zu spät seinen verbrecherischen Fehler ein, und innerlich sittlich verkommen, wirft er verzweifelt seinen eingetauschten Geldsack verächtlich von sich, in der Hofftmng, dafür seinen verlorenen Schatten wieder zu finden. Allein, er sieht sich enttäuscht, denn jeder Charakter- Mensch hüben wie drüben wendet sich für immer verächtlich von ihm ab — und so ist er verurtheilt, zeitlebens einherzuschleichen, nicht als ״ewiger Jude" — wohl aber als ״Peter-Schlemihl." Gingesrndet. An unsere theueren Glaubensgenossen! In unserer Gemeinde wird mit behördlicher Genehmigung eine Privatanstalt für humanes und religiöses Wissen eröffnet. In dieser Anstalt werden die Zöglinge in allen Gymnasial- Gegenständen und Fächern des jüdischen Wissens unterrichtet und erhalten dieselben nach abgelegter Prüfung über die einzelnen Gymnasial-Gegenstände staatsgiltige Zeugniße, die sie bei eventuellem Austritte aus der Anstalt zur Fortsetzung ihrer Studien an öffentlichen Gymnasien berechttgen. Das Moüv, welches uns bei der Gründung dieser Schule leitet, dürfte jedermann einleuchten. Der religiöse Jndifferentismus unserer Jugend hat in der crassen Unkenntnis des widerte er den ״guten Abend" der Eintretenden, die seine lang ersehnte Ruhe störte, aber wie wurde ihm, als er das Mädchen anschaute. Mit einem Schlage war der Schlaf aus seinen Augen gewichen, die künstlerische Natur und die ihm besonders Damen gegenüber anerzogene Galanterie ttaten indem Vordergrund. Meine Humoreske ist keine erdichtete, sondern ein Erlebnis des Collegen M. aus Z. — ״Es passieren die schwierigsten Dinge auf Erden, mit und ohne Apparat," würde mein Freund N sagen. ״Ein reizendes, lebhaftes Wesen," dachte Meidlinger, als ihn zwei große, feurige, dunkelblaue Augen anschauten und das liebliche Mündchen sich zu einer Unterhaltung öffnete. Wie süß klang ihm die wohltönende Sümme. Er hätte alle seine Talente hingegeben, um dieses Mädchen seine Frau nennen zu können. ״Hole der T.alle Schadchonim, die einen jungen Mann zum Heirathen anstiften, ohne vorher die Dame zu kennen. Muß ich meine Freiheit und meinen Willen verkaufen, weil's mein Vetter und der Lottadottsn so will, und wenn ich morgen sage, ich mag das Fräulein mit ihren 8000 Kronen nicht, das Ihr mir ausgesucht habt, was kann mir passieren?" So monologisierte der junge Cantor für sich und schielte ab und zu hinüber zu dem reizenden Fräulein, das in der weitesten Entfernung von ihm Platz genommen hatte. Eben wollte er die Dame anreden, als der Schaffner die Staüon H. meldete. Die Wagenthür flog auf und ein Commis voyageur warf sich nachlässig der jungen Dame gegenüber in einen Fauteuil und drehte sein kümmerliches Bärtchen mit den Finger-

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