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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1893-08-01 · Heft 19 (1.8.1893) · p. Seite 5

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
13 (1893)
Issue
Heft 19 (1.8.1893)
Date
1893-08-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 19. Oesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. Seite 5. Judenthums seine Wurzel; denn während ihr in den Mittelschulen alles Schöne und Herrliche auf dem Gebiete der profanen Wissenschaft ununterbrochen zuströmt, bleibt ihr die Erkenntnis der hohen Idealität des Judenthums und der tiefe Ideengehalt der Thora verschlossen. Dieser Umstand erzeugt in unserer studierenden Jugend den verhängnisvollen Jrrthum, dass nur anderswo herrsche Licht und Wahrheit für Kopf und Herz, im Judenthume hingegen sei alles düster und dunkel. Indem aber die Religion jener Gottes garten ist, in welchem allein die schönen Pflanzen der Moral und Sittlichkeit gedeihen, wirkt die Unkenntnis derselben selbstredend auch auf den moralischen und sittlichen Charakter nachtheilig ein. Insbesondere ist die sittlich-religiöse Erziehung solcher Kinder, die genöthigt sind, auswärüge Gymnasien zu besuchen, äußerst erschwert. In zarter Kindheit verlassen sie das Elternhaus, sind, noch völlig unreif, sich selbst überlassen; die Vormünder schenken ihnen nicht jene Aufmerksamkeit, die das Erziehungswerk erfordert, und manche Untugenden wurzeln sich in das Gemüth des Kindes ein, weil die nöthige Ueberwachung fehlt, um zur rechten Zeit mit vernünfttger Hand die Ueberwucherung des Unkrautes zu verhüten. Diesem Uebel kann nach unserer tiefinnersten Ueberzeugung nur durch gründliche Kenntnis unserer Religionsquellen und tieferes Einführen unserer Jugend in das erhabene Wesen des Judenthums gesteuert werden. Unsere Kinder müssen befähigt werden, selbst aus dem göttlichen Born des Judenthums zu schöpfen. Unser Wahlspruch lautet daher: Innige Verbindung und harmonische Vereinigung der humanen mit der religiösen Bildung, der profanen mit der jüdischen Wissenschaft; Heranbildung unserer Jugend zu sittlichen, moralischen und das Judenthum aus eigener Ueberzeugung mit Begeisterung liebenden Männern, damit sie als leuchtende Muster hoher Intelligenz, strenger Sittlichkeit und geläuterter Religiosität dastehen. Wir hoffen alldies durch die an unserer Anstalt wirkenden vorzüglichen Lehrkräfte und durch die sttenge Beaufsichtigung der Zöglinge in sittlich-religiöser Beziehung mit Gottes Hilfe zu erreichen. U n g a r i s ch-B r o d (Mähren), 15. Juli 1893. Rabbiner Dr. M. Jung. Weine Chronik. Wien. Um mehrfachen Anfragen bezüglich des für das heurige Jahr geplanten ״allgemeinen Cantoreutages" gerecht zu werden, theilen wir mit, dass derselbe im Herbste stattfinden wird. Nebst Besprechung der allgemeinen Standesfragen, die sümmtlichen Cantoren ohne Unterschied des Landes gemeinsam find, werden die cantoralen Verhältniße in Oesterreich-Ungarn Gegenstand eingehender Berathung bilden. Insbesondere soll es Aufgabe des Cantorentages sein, auch für unsere Berussgenossen in Ungarn jene staatliche Regelung in Anregung zu bringen, wie sie in Oesterreich durch das neue Cultusgesetz bereits angebahnt ist. Bei zahlreicher Betheiligung der Fachkreise ist ein durchschlagender Erfolg sicher. Anmeldungen zur Theilnahme am Cantorentage werden vom Präsidium des österr.-ung. Cantoren- Vereines und von der Redaction der Cantorenzeitung entgegengenommen. Die näheren Details werden zum gegebenen Zeitpunkte in diesem Blatte veröffentlicht werden. Wien. (Jnstallationsfeier.) Freitag, den 28. Juli Abends Halb 8 Uhr, findet im israelitischen Tempel 6. Bezirk, Schmalzhofgasse 3, die Installation des Vereinspredigers Herrn Rabbiner Dr. Israel Taglicht statt. Eger. Die am 25. Juli in der hiesigen Gemeinde stattgefundene Tempelweihe gestaltete sich zu einer erhebenden Feier. Programmgemäß begann dieselbe bereits mit dem um 7 Uhr Früh celebrirten Morgengottesdienste im alten Tempel, woselbst von Herrn Rabbiner Popper eine kurze Abschiedsrede an die recht zahlreich versammelten Gemeindemitglieder gehalten wurde. Hierauf bestieg Herr Vorsteher Max Gott lieb die Kanzel und schilderte die Entstehung und Entwicklung der hiesigen Gemeinde, indem er aller jener Personen ehrend gedachte, die weder Mühe noch Opfer scheuten, um die schon im 14. Jahrhundert geschichtlich bekannte Egerer Gemeinde wieder zu neuer Blüthe aufzurichten. Der Redner schloss mit der Aufforderung an die Versammlung, dem hochherzigen Spender der Verfassung, unserem höchstgütigen Monarchen, dem Kaiser Franz Josef I. ein dreifaches Hoch auszubringen, welcher Aufforderung mit größter Begeisterung Folge geleistet wurde. Nun wurden sämmtliche im Festschmucke prangenden Gesetzesrollen der heiligen Lade entnommen und. an die Vorstandsmitglieder und Ältesten der Gemeinde zur Überführung in das neue Gotteshaus übergeben, welche je zwei und zwei in halbgeschlossenen Wagen in feierlichen!!Zuge durch die Stadt zum Gotteshause fuhren. Mit diesem Acte schloss die vormittägige Feier, der erst um 3 Uhr nachmittags der eigentliche Weiheact folgen sollte. — Schon eine halbe Stunde früher versammelten sich die Festtheilnehmer im neuen Tempel und um diese Zeit vollzog sich der Act der Schlüsselübergabe durch Baumeister L. B u ch e n an den Vorstand, worauf der altehrwürdige Senior des Tenipelbaucomites, Herr Leopold Kohner, eine Ansprache an die Herren Bauleiter spitzen, presste sein Monocle in die Augenhöhlung hinein' und musterte das junge Mädchen, das verlegen den Kopf dem Fenster zuwandte. ״Verzeihen Sie! mein Fräulein, ich sollte sie kennen," wandte er sich an die junge Dame mit einer gewissen Frechheit, ״aber ich weiß wirklich nicht, wo ich Sie gesehen habe. Waren Sie vielleicht in Breslau?" ״Nie" antwortete das Fräulein stolz. ״Nie? Nie in Breslau? Da müssen sie hin!" ״Kein Mensch muß müssen, dazu interessiert mich die Stadt nicht," antwortete die junge Dame in einem Tone, der deutlich zeigte, wie sehr ihr die Unterhaltung mißfiel. ״Kleinstädterin, keine Manieren", näselte der Mercurjünger, verzog spöttisch den Mund und trillerte eine Melodie aus ״Orpheus." ״Prachtvolle Musik! Wie mein Herr?" wandte er sich an den Cantor. ״Triviale Musik," war die kurze Antwort des Angeredeten, und ohne sich weiter um den Geck zu kümmern, knüpfte M.eidlinger ein Gespräch mit der Dame an. ״Sie reisen vermuthlich nach Frankfurt, mein Fräulein?" ״Nein, mein Herr, nach P. zu meinen Verwandten," antwortete die Dame freundlich. ״Auch ich reise nach P. Sind Sie mit den Localverhältnißen näher vertraut?" ״Ziemlich genau, ich bin dort erzogen und wohne erst seit zwei Jahren bei meiner Tante in D." Der Cantor spitzte die Ohren und dachte P.? ״Wissen Sie die Wohnung des Herrn B. in P.?" fragte er weiter. ״Sehr genau," lächelte das Fräulein und sah den jungen Mann forschend an. ״Der Familie B. gilt eben meine Besuchsreise." ״Nicht möglich!" rief Meidling er und schnellte von seinem Sitze empor. ״Sie heißen Fräulein Clara Blumenhall?" fragte er flüsternd, indem er sich zu ihr hinüber bog. Die Angeredete erröthete und nickte leicht mit dem Köpfchen. ״Ich habe die Ehre mich Ihnen vorzustellen als Cantor Joseph Meidling er aus Z., bitte hier meine Karte. Kennen Sie den Namen." Das Fräulein zog einen Brief hervor und sagte leise: ״Hierin ist von Ihnen die Rede." ״Dank!" ״Ich Glücklicher!" flüsterte der Cantor ihr in's Ohr, ״Sie sind also besttmmt, die Gefährtin meines Lebens zu werden? Nie Fräulein Clara, nie sollen Sie's bereuen." Schon lange wurde die Unterhaltung leise gefi'lhrt und bald war das Pärchen so vertraut mit einander, als ob es sich schon Wochen lang gekannt hätte. Der Commis voyageur war Zeuge der Men Verlobung. — ״Schauderös langweilig!" murmelte er vor sich hin. ״P. aus st eigen!" rief der Schaffner. Das glückliche Pärchen stieg aus und schritt Aru! in Arm der Stadt zu nach dem Hause des Herrn B., in der festen Absicht, von nun an vereint eine Dampfreise durchs Leben zu machen.

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