Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 19 (1.8.1893)
- Date
- 1893-08-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/1304829-3453273-3453292--3786-3458179- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 2. Nr. 19. Mesterreichisch-ungarische Lantoren-ZeiLung. dem modemen Geschmacke am meisten Entsprechende soll Anfnahme finden. / Kompositionen zu diesem Zwecke werde ich mit Dank entgegennehmen und im Falle der Nichtannahme frei retourniren. Ich bin gegenwärtig mit den Emwechungsvorbereitungen für die Eröffnung unseres neuen prachtvollen Tempels beschäftigt und Werde mir das Vergnügen machen, Ihnen zur Zeit über die Feier zu berichten. Für heute herzliche Grüße von. Ihrem ergebenen Collegen Baltimore, 9. Juli 1893. Alois Kaiser. Ueber das Dirigieren. In den letzt erschienenen Nummern der ״Neuen deutschen Musik-Zeitung" (Verlag Carl Grüninger, Stuttgart- Leipzig) veröffentlicht der bekannte Hoskapellmeister Adolf Schultze einige praktische Winke über das Dirigieren, denen wir Nachfolgendes entnehmen: Unter den Jüngern der edlen Tonkunst ist jedenfalls der Dirigent eine der interessantesten Erscheinungen; ist er doch in erster Linie berufen, als reproduzierender Künstler Mittelsperson zwischen dem Komponisten und/Publikum zu sein, sein Können und Wissen als Interpret der Ideen des Tondichters zu bethätigen. Von seinem Können, von seinem Willen, von seiner Lust und Liebe zur Sache, selbst von seinen rein persönlichen Eigenschaften, als da sind Thatkrast, die Art und Weise, Wünsche auszusprechen und mit den unter seiner Leitung Wirkenden zu verkehren, hängt außerordentlich viel in Bezug auf das gute Gelingen eines chm anvertrauten Werkes ab. Seine Thätigkeit ist daher sowohl dem Komponisten wie auch dem Publikmn gegenüber eine sehr verantwortliche. Berlioz sagt denn auch mit Recht: ״Der um meisten zu Fürchtende ist der Orchesterdirigent; ein schlechter Sänger vermag nur seine eigene Rolle zu verunstalten, der uüfährge Orchesterdirigent richtet alles zu Grunde." Dirigieren heißt: ״leiten, führen." Wer sicher leiten,;wer gut führen will, muß gut orientiert sein, muß Weg und Steg genau kennen; das heißt, in unserem Sinne — der muß den Jnhalt,den Gedankengang der aufzuführenden Partitur gründlich erfasst haben, muß denselben, dem zur Afführung berufenen Klangkörper sowohl in technischer wie in geistiger Beziehung über- Nutteln können, um dann, in Gemeinschaft mit diesem wieder, das so vorbereitete Werk öffentlich dem Publikum in möglichst vollendeter Ausführung vorzutragen. Es lassen sich somit drei wesentliche organisch zusammenhängende Momente in der Thätigkeit des Dirigenten unterscheiden: das S elbst studium des Werkes, das Einstudieren desselben und der öffentliche Vortrag, die Aufführung desselben. Hieraus ist zu ersehen, dass der Dirigent, sei er nun Orchester-, Opern- oder Chorleiter, für seine Gesammtthätigkeit den hohen Anforderungen der Gegenwart gegenüber sowohl in rein technischer wie geisüger Beziehung eine stattliche Summe hervorragender Eigenschaften und Fähigkeiten besitzen und sich umfassende, musikwissenschaftliche Studien aneignen muß. Welcher Art sind, nun diese Eigenschaften? Neben der genauen Kenntnis des mechanischen Theils seiner Thäügkeit, des TaKierens, muß vor allen Dingen verlangt werden : ein seines musikalisches Gehör, welches die Klangfarben der einzelnen Instrumente und Stimmen genau zu unterscheiden vermag; ein schäiff ausgeprägtes Gefühl für Rhythmus; eine gründliche Msbildung nichtnur in der Harmonielehre sondern auch in der Formen- und Compositionslehre; ferner Jnstrumentenkunde, Fertigkeit im Klavierspiel, im Partiturspiel und möglichst auch eine gründliche Kenntnis der Gesangskunst; letztere ist für einen Chorleiter unerlässlich. So ausgerüstet und vorgebildet für seinen Beruf, wird er doch nur ein guter Taktschläger sein, wenn ihm nicht die Fähigkeit innewohnt, sein Empfinden, seine Begeisterung, sein Wollen auf die Mitwirkenden zu übertragen, besonders wenn es sich für diese um ein neues Werk handelt. Seine musikwissenschaftliche Bildung gewährt ihm wohl geisüge Ueberlegenheit, sichert ihm jedoch noch nicht die Macht und die Herrschaft über den ganzen Klangkörper. Als ein richtiger Anführer muß er anfeuern, beleben, klar und bestimmt seine Jntenüonen bezüglich der Ausführung des Werkes, wie ihm dieselbe im .Geiste des Komponisten vorschwebt, durchsetzen können. Erst wenn die Mitwirkenden merken, dass er versteht, dass er empfindet, dass es so und nicht anders sein muß, erst dann ist er das Oberhaupt, der Dirigent, der Vortragende, sein Jnsttument der unter seiner Leitung stehende Klangkörper. Nachdem wir nun im allgemeinen die Thätigkeit des Dirigenten besprochen, wollen wir auf die drei wesentlichen Momente in derselben näher eingehen. Das Selbststudium des Dirigenten. Vermöge seiner musikalischen Erziehung und Ausbildung wird der Dirigent den themaüschen Gang und den Aufbau einer Komposiüon mit seinen Verschlingungen, Steigerungen, Höhepunkten bald erfassen und übersehen. Mehr oder weniger, entsprechend seinem Naturell, seiner sonstigen allgemeinen Bildung, wird ihm auch der Inhalt in geisüger Beziehung klar werden, wird er den Charakter des Tonstückes erkennen. Weit schwieriger jedoch ist für ihn das Erfassen des richtigen Zeitmaßes; ״die Wahl und Bestimmung desselben lässt uns sofort erkennen, ob der Dirigent das Tonstück verstanden hat oder nicht," schreibt Rich. Wagner in seiner Abhandlung ״Ueber das Dirigieren." Hier wird viel, unglaublich viel gesündigt. Selbst unsere Klassiker haben noch darunter zu leiden, da viele Dirigenten meinen, das Hauptzeitmaß, und oft ist gar dieses noch vergriffen, strenge im Takt ohne jegliche Modifikation durchftihren zu müssen. Die alten Parüturen bringen allerdings wenige oder gar keine Andeutungen hierüber; ein lakonisches ״Allegro“ oder ״Adagio“ für das Hauptzeitmaß, vielleicht noch ein ״ma non troppo“ oder ״von moto“ dabei,kaum ein ״Rallentando“ oder ״Aecelerando.“ Die neueren Werke enthalten wohl mehr Anweisungen, doch die zur Angabe des Zeitmaßes allgemein üblichen Bezeichnungen sind sehr relaüver Natur und Metronomangaben gewähren wohl vortteffliche Fingerzeige, sind jedoch nicht immer untrüglich ex Art. Allein den Ausschlag geben kann hier nur das musikalische Empfinden und das mehr oder weniger ausgebildete Gefühl fiir den Styl des Komponisten. Der Dirigent muß sich vorerst aus dem Charatter des vorzuttagenden Tonstückes oder Theiles heraus über den Vorttag desselben Klarheit zu verschaffen suchen; die Erkenntnis des richtigen Vorttages wird ihn auch das richüge Zeitmaß finden lassen. Der Raum und der Zweck dieser Abhandlung gestatten mir nicht, hier mich weiter darüber auszulassen, nur so viel sei bemertt, dass die Cantilene, die gesangvolle Stelle mit ihren gehaltenen Tönen ein mehr ruhiges Dahinschreiten erfordert, hingegen vertragen Tonfolgen, in denen die rhythmische Bewegung, die Figuration vorherrscht, ein straffes bestimmtes, mehp lebhaftes Tempo. Mit sich im Klaren über alle Einzelheiten bezüglich der Ausführung des Werkes in technischer wie geisüger Beziehung, beginnt nun das Ein studieren.