Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 18 (15.7.1893)
- Date
- 1893-07-15
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 18. Gesterreichisch-ungarische LanLoren-Zeitung. Seite 5. Also auf dieser Beisümmung und Uebernahme beruht die Verpflichtung, sich nach den Vorschriften des Talmud zu verhalten. Daraus erklärt sich auch, dass wir uns nicht verpflichtet fühlen, nur nach Lehren zu richten, die im Jerusalemiüschen Talmud, in Mechiltah, Tossephta, Siphra und Siphre und in sonstigen rabbinischen Schriften Vorkommen, obwohl deren Lehrsätze von denselben Lehren! herrühren, die dem babylonischen Talmud maßgebend sind. Allein diese hat das Volk nicht angenommen, und. deshalb sind sie für uns nicht verpflichtend. Würde aber diese Verpflichtung auf der Tradiüon beruhen, dann wäre nicht einzusehen, welcher Unterschied zwischen der einen Tradiüonsquelle Mld der andern zu machen wäre, da es dieselben Lehrer sind, die da wie dort tradierten. Zur Illustration des jüdischen Begriffes von der Verpflichtung, an einem Brauche festzuhalten, mag folgendes angefiihrt werden. Unter der persisch-medischen Regierung wurde im Folge eines Ereignißes ein Fest eingefi'chrt mit der Verpflichtung, alljährlich die Geschichte dieses Ereignißes mit einer einleitenden Benediktion vorzulesen, wie dies noch heute üblich ist. Worauf aber bencht diese Pflicht? Das zur Verlesung bestimmte Buch sagt es uns: ״Id jemu wekibblu hajehudim ff.״ ‘־Es haben bestätigt die Juden und angenommen siir sich und ihre Nachkommen und alle, die sich ihnen anschließen, dass nicht aufgehört werde, diese Tage in Uebung zu behalten nach Vorschrift und bestimmter Zeit, Jahr für Jahr. (Esther 9, 27). Ebenso beruhen alle jüdisch-religiösen Uebungen auf der Grundlage: ״Id jemu. ־wekibblu hajebudim“. Es haben die Juden bestätigt und angenommen, weshalb alles Angenommene Kabbälah genannt wird. Allerdings kommt es vor, dass manches, was nicht allgemein bekannt war, auf Aussage von Personen hin angenommen wurde. Allein dies beruht nicht auf dem Begriffe ״Tradiüon," sondern auf Grund der Zeugenschaft. So erzählt die Mischnah in Edioth, dass die Synode zu Jemnia dem Redakteur der ״Newyorker Jüdischen Zeitung", Herrn Goldfaden, einen ebenbürügen Nebenbuhler besitzt. Die beliebtesten Repertoirestücke der letzten Zeit waren ״Esther und Haman", ״Der Rechtsspruch König Salomons", ״Das Kind von Israel", ״Das Mündel von Sir Moses Montefiore", endlich ״Joseph und seine Brüder". Diese Oper stand heute aus dem Theaterzettel und das in allen Theilen dicht gefüllte Haus sprach für ihre Popularität. Wie im rumänischen Opernhanse mochte ich auch hier der einzige Deutsche sein. Im ersten Akt stellte die Bühne eine orientalische Landschaft dar, mit Bananen und Palmen, zwischen denen Josephs Brüder eben im Begriffe waren, einen bengalischen Tiger zu erschlagen. Der kleine Joseph, welcher nun auf die Bühne trat, wurde von seinen baumlangen, unkräftigen Brüdern nicht viel besser behandelt, denn sie rissen ihm seine prächügen seidenen Kleider vom Leibe, schmähten ihn und warfen ihn in eine Grube. Die Egypter, welche jetzt kamen, um Joseph zu kaufen, wurden in charakteristischer Weise durch Mädchen dargestellt, um ihre Schwäche und Verweichlichung zu zeigen. Der zweite Akt zeigte das Haus Jakobs, mit diesem ehrwürdigen Stammvater der Juden auf einer Art Thron, umgeben von seinen hübschen Töchtern. Seine eintretenden Söhne beugten die Knie vor ihm und begrüßten ihn mit einem: ״Wie geht es Euch, mein Vater?" Jakob erfährt nun, dass sein jüngster Sohn in Verlust gerathen sei, und ruft schmerzlich aus: ״Wehe, wehe, wo ist mein lieber Sohn Joseph? Sucht mein Kind — oh sucht mein Kind!" Die nächste Szene zeigte die hübsche Sängerin Fräulein Silberinann als Zlicha, Putiphars Weib, in dem berückendsten Neglige auf einem orientalischen Divan hingegossen und in eifrigstem Flirten mit dem keuschen Joseph. Als er sie endlich verlassen wollte, hauchte sie ein so verführerisches ״Oh, einen Lehrsatz angenommen hat, der nach der Aussage von zwei Handwerkern, die ein verachtetes Gewerbe betrieben, von Schemaja und Abbtaljon herrühren sollte (Edioth 1, 3). Auf dieser Grundlage konnte man über religiöse Dinge und Jnterpretaüonen der heiligen Schrift nach Majorität entscheiden, weil das, was die Majorität, als der Vertreter des Volkes annimmt, gilt als religiöse Wahrheit, selbst dann, wenn es sich im Wege wissenschaftlicher Jnterpretaüon nicht rechtferügen ließe. Die Praxis bencht auf der breiten Grundlage des Volkes; was dieses anerkannt und angenommen hat, musste Geltung haben, dies war auch bei den jüdischen Gelehrten für ihre wissenschaftliche Forschung maßgebend. Kriük und wissenschastliche Auffassung waren eine freie geistige Arbeit akademischer Natur, für die Praxis jedoch bleibt das, was im Volke lebt, maßgebend; wie wir schon von R. Hai Gaon angeführt, dass selbst unsere Ueberzeugung, dass die Thorah von Moses ist. aus dieser breiten Grundlage des Volkes beruht. Sie sehen, meine Herren, wie wesentlich sich der jüdische Begriff Kabbalah, von dem Begriffe Tradiüon oder Massoreth unterscheidet. Nun muß ich bemerken, dass man dies nicht mit dem von den Mystikern gebrauchten Worte Kabbalah verwechseln darf. Unser Wort ist biblisch hebräisch, das der Mystiker entstand aus dem Aramäüschen, wo es dunkel, finster, geheim bedeutet. Der Unterschied zwischen Kabbalah und Massoreth — Tradiüon betrifft nur den Grund der Verpflichtung und Verbindlichkeit. Die Tradiüon verpflichtet Kraft der Autorität des Tradierenden; die Kabbalah hingegen ist fteiwillige Verpflichtung durch die stattgehabte Annahme. Es konnte daher im Judenthume Vieles und Mannigfalüges tradiert werden; verpflichtend jedoch gilt nur das, was vom Volke angenommen wurde. Was aber die Verpflichtung und Verbindlichkeit für die Nachkommen derjenigen betrifft, die sich zur Annahme der Lehre fteiwillig bereit oh! Joseph!" hin, dass er sich umwandte und sie ftagte: ״Was ist's Madame?" — ״Oh, oh, Joseph! — war abermals die Antwort, und dabei war sie so berückend, so hinreißend schön und so freigebig mit ihren Reizen, das Joseph ihr zurief: ״Schämen Sie sich, Madame, ich bin nur Ihr Sklave und Sie sind meines Herren Weib!" Aber Frau Putiphar hatte sich's in den Kops gesetzt, Joseph zu bethören, und so flüsterte sie ihm unbekümmert um seinen Widerstand Liebesworte zu, fiel aus ihre Knie vor ihm und klammerte sich an sein Gewand. Nach allen Gesetzen der Menschlichkeit hätte nun Joseph seinen Widerstand aufgeben und ihr ein: ״Ich liebe Sie, Madame, ich bin der Ihrige!" begeistert zurufen müssen. Allein das wäre gegen die Bibel gewesen, und um den unnatürlichen Widerstand des keuschen Jünglings begreiflich zu machen, verfiel der Versasser des Stückes an dieser bedenklichen Stelle auf den glücklichen Gedanken, das Bild des greisen Jakob wie ein Phantom im Hintergründe warnend erscheinen zu lassen. Sobald Joseph dasselbe erblickte, floh er, den Mantel in Madame Putiphars Händen zurücklassend. Während des Zwischenaktes theilte mir mein Nachbar, ein älterer Mann, auf meine Frage mit, dass die zahlreichen orthodoxen Juden Newyorks diesen Darstellungen biblischer Ereigniße aus der Bühne feindlich gegenüberständen. Nur die jüngere Generaüon und jene Israeliten, welche durch Reisen und langjährigen Aufenthalt unter Andersgläubigen zu weniger strengen Anschauungen gelangt sind, besuchen die Vorstellungen. Es scheinen ihrer sehr viele zu sein, denn die Theater sind, wie bemerkt, an jedem Abend dicht besetzt. Aber auch die Synagogen sind es, und ihrer gibt es im Ghetto Newyorks nicht nur zwei, sondern über ein Dutzend.