Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 18 (15.7.1893)
- Date
- 1893-07-15
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitnng. Nr. 18. erklärt haben, so beruht diese Verpflichtung allerdings aus der Tradition, dass die Vorfahren die Lehre angenommen haben, oder richtiger, auf die Zeugenschast des gesammten Volkes, wie R. Hai Gaon es ausdrückt. Demnach gibt es im Indenthume nur eine rein historische Tradition, und was man sonst als dogmatische, rituelle und hermaneutische Tradition bezeichnet, diese fallen nur bezüglich ihrer Historizität der Tradition zu; d. h. es wird entweder durch Zeugen nachgewiesen oder durch die allgemeine Volkstradition anerkannt sein, dass es vom Volke angenommen und als bestehend Geltung hatte; dem aber entzieht sich auch nicht die heilige Schrift, denn auch ihr Ansehen beruht nur auf der Tradition von der Annahme und Anerkennung des Volkes, wie R. Hai Gaon dies trefflich dargelegt hat. Als die Karaiim sich von den Rabbaniten trennten, konnten sie doch nicht, was allgemein als Brauch im Volke lebte, und nüt dem Volksleben verwachsen war, ohne weiteres aufheben. Sie mussten es bestehen lassen,!venu es auch nicht in der heiligen Schrift, sondern im Talmud Zu finden war. Sie Haber! dafür einen bezeichnenden Namen geschaffen, indem sie all diese Vorschriften und Bräuche unter dem Namen ״SebI1el-11ajeruscha“— ״die Ladung der Erbschaft". Diese Bezeichnung ist zutreffend, denn für unsere Vorfahren, die diese Lehre angenommen, war sie Kabbalah, ״auf uns aber ist sie vererbt". Dies ist auch die Thorah selbst; denn Moses hat es unseren Vätern anbefohlen, sie auf ihre Nachkommen zu vererben. ״Tkorakziwali lanu Mosche]! morasckahkekilatk Jaacobk“. (V. B. M. 33, 4). Und wir st'ihlen uns in diesen! Erbe glücklich, wir bekräftigen dies täglich in unfern! Morgengebcte: ״Umali-jafak־jerusckateuu. ״Wie schön ist unser Erbgut!" M. H., die Kritik mag forschen und untersuchen, wie und in welcher Weise unsere Väter zu diesen! Erbgute gelangten, für uns ist es das Erbe unserer Väter, wir wollen es schätzen und pflegen und Hochhalten immerdar! Sitten und Bräuche der Juden im Orient. Von Dr. M. Grünwald, Großrabbiner von Bulgarien. Dass der Orient dem Occident entgegengesetzt ist, dürfen wir als bekannt voraussetzen, dass jedoch trotz der solidarischen Zusammengehörigkeit, welche die gesammte Judenheit verbindet und die Anerkennung der Einheit und Einigkeit Gottes und der Einheit und Einigkeit der Menschen unter einander bezweckt, solch' große Unterschiede sich finden, dürfte kaum geahnt werden. Hat doch in letzter Zeit der vorurtheilsfteie Pariser Academiker Anatole Leroy Beaulieu in seinem verdienstlichen Buche:*) Les Juifs et rantiseiiiitisnie. Israel chez les nations (Die Juden und der Antisemitismus. Israel bei den Nationen) den Nachweis zu erbringen versucht, dass der jiidische Typus kein Rassentypus, sondern das Resultat der socialen Verhältniße und der Ausnahmegesetze, denen sie Jahrtausende hindurch ausgesetzt waren, einerseits und der religiösen Gesetze andererseits sei. Dieser Ansicht gegenüber hat jedoch am 11. März l. I. der berühmte Professor Dr. Victor Jacques aus Brukelles einen Vortrag in Paris unter dem Titel Types Juifs (Jüdische Typen) gehalten, die in dem jüngsten Heft der Pariser .Revue des Etudes juifes p. LIY—LXXX veröffentlicht wird und *) Eine deutsche Uebcrsetzung erscheint seit einigen Monaten als Beilage des in Wen erscheinenden ״Das Freie Blatt". der trotz vieler schwebender Fragen fast bis zur Evidenz beweist, dass es thatsächlich mehrere jüdische Typen gibt, die nicht erst in! Mittelalter und der Völkerwanderung, sondern schon in! grauen Alterthun! ihren Grund und ihre Ursache haben. Den Unterschied der Race zwischen Aschkenasim und Sephardim leugnet Dr. Jacques ganz; allerdings entschuldigt er sich damit, dass das bisher veröffentlichte Material über die Sephardim mangelhaft ist.**) Wir glauben jedoch, dass die Messungen hauptsächlich an lebenden Personen vorzunehnien sind, und dass der Gesichtsausdruck beim Sprechen von hervorragender Bedeutung ist. Dass das von uns bewohnte Land unseren Körper stark beeinflusst, wer wollte daran auch nur zlveifeln, und dass bei Jahrhunderte langen! Aufenthalte in ein und demselben Laude die Körper uniformirt werden, ist ebenso klar. Es kommt bei den Juden allerdings hinzu, dass bei s ä m m t l i ch e u Juden des Orients wie des Oecidents das Studium der heiligen Schrift und das des Talmud die Physiognomie beeinflußt und eine gewisse Aehulichkeit bei sämmtlichen Juden erzeugt haben. Trotz alledem ist jedoch der Unterschied in den Sitten der aus Spanien vertriebenen und in den Orient ausgelvanderten Juden sehr groß. Diese haben zunächst viele in Spanien Herrscheuden Sitten und Unsitten angenouuneu, genau so wie sie das spanische Idiom des 15. Jahrhunderts, das bei ihnen heutzutage noch eine heilige Sprache ist, durch 4 Jahrhunderte bewahrt haben, und bei denen nicht nur am Sabbath Nachmittag vor dem Minchagebete die Pirke Aboth s p an! o lisch recitirt und nach Beenden desselben der Kadisck de rabbanan gesagt, sondern selbst das Sündenbekenntnis mit stark kabbalistischen! Anstrich in espaniolischer Sprache abgelegt wird. Auch die Sitte in den Bote-Midraschim (in den Lehr- Häusern) des Morgens v o r dem Morgengebete Cigaretten zu rauchen, ist eine s panische; denn n 1! r den s Pani s ch e n Geistlichen war es gestattet, in der Sacristei zu rauchen. Wenn nun die sogenannten spanischen Juden viel spanisches Wesen beibehalten haben, so haben sie andererseits ungemein viel den Türken nachgeahmt. In den Bote-Midrasch findet man in Sofia die althergebrachten Divans, nach türkischer Art sitzen die Juden daselbst und verrichten ihre Gebete mit entblößten Füßen, wie in der Moschee. Nach türkischer Art wird jedem in das Bethamidrasch cintretenden eine Tasse Mokka und ein Glas Trinkwasser mit einem Stückchen Würfelzucker verehrt; gleichviel zu welcher Tages- oder Nachtzeit n!an konnne. Einen interessanten Einblick über die Juden des türkischen Reiches in! 19. Jahrhundert gewährt Franco's Arbeit: ]Les Juifs de l’empire ottoman au dix-neufieme siede (Revue des Etudes juifes, janvier-mars 1893 p. 110 — 130). (Fortsetzung folgt.) Kleine Chronik. Wien. Zun! Ausdrucke loyaler Dankbarkeit hat der Vorstand der türk, israel. Gemeinde in Wien ein lebensgroßes Bild des Sultans Abdul Hamid II. für den Ceremoniensaal anfertigen lassen. Das Bild stellt den Sultan in der Oberstenuniform, geschmückt mit Stern und Band des höchsten türkischen Ordens, dar und ist von! Maler Fetvadjian mit großer Künstlerschaft ausgeführt worden. Se. Excellenz der Botschafter, der den! Künstler die einzelnen Details angab, lobte die sprechende Aehulichkeit und den lebhaften Gesichtsausdruck. Der Effect des Bildes **) Wir gedenken demnächst eine Prüfung der charakteristischen Nasscntypen vorzunehmcn.