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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1893-07-15 · Heft 18 (15.7.1893) · p. Seite 3

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
13 (1893)
Issue
Heft 18 (15.7.1893)
Date
1893-07-15
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 18. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. Seite 3. Freilich — fügt Limousin hinzu — gibt dies wieder zu anderen I Vorwürfen Anlass. Man findet, dass die Juden in der Gesellschuft eine Stellung einnehmen, die ihnen vermöge ihrer Anzahl nicht zukommt. Den von antisemitischer Seite theils vertretenen, thcils angefochtenen Standpunkt, dass sie dies ihrer größeren Intelligenz und ihrer tüchtigeren Willenskraft zu danken haben, lässt Limousin nicht gelten. Er bestreitet nicht den großen Werth der ans dem Jndenthum hervorgegangenen Männer, doch betont er, dass es in Frankreich ruid anderswo verhältnismäßig ebensoviele intelligente und thatkräftige Leute andern Glaubens gebe. Das Mißverhältnis zwischen der socialen Rolle der Inden und ihrer numerischen Schwäche lasse sich durch den Umstand erklären, dass die Inden allesammt Bourgeois sind, während die überwiegende Mehrheit der Nation aus Bauern und Arbeitern besteht. Stellt matt den Vergleich ans nicht zwischen den Massen einer Station und ihren Juden, sondert! zwischen ihrer christlichen Bourgeoisie und der jüdischen, so verschieben sich die Verhältniße gründlich und die Rolle der Inden in den höheren Berufen wird sofort eine begreiflichere. Als accessorische Ursache zieht Limousin auch noch die Eintracht der Juden in Betracht, eine Solidarität, die er als eine Folge langwieriger Bedrückung natiirlich findet. Das Gleiche sei ja in Frankreich auch bei den Protestanten wahrzuuehmcn, und doch werde man diesen nicht eine Geheimüündelei zur Bevormundung der Angehörigen anderer Religionen vorwerfen. Die Juden seien überdies wesentlich positivistisch veranlagt und ihr realistischer Geist bedinge ihre Fähigkeit, Geld zu verdienen. Der Ausblick Limousins in die Zukunft ist ein düsterer. Er meint, die Inden werden, da sie hre Natur nicht verleugnen können, fortsahren, sich zu bereichern, ltnb dadurch werden sie auch unwillkürlich die gegenwärtige Bourgeoisie durch eine Aristokratie des Geldes und der Rasse verdrängen. Der Geburtsadel hatte doch wenigstens den Glauben und die Nationalität nlit dem Volke gemein. Die Inden besitzen selbst diesen Vortheil nicht. Ans Grund all dessen glaubt Limousin, dass die antisemitische Bewegung in der Folge noch auwachsen werde. Courtois bekämpft entschieden die Ansichten des Vorredners. Seine Studien über die wissenschaftliche, kommerzielle und litterarische Thätigkeit der Juden im Mittelalter haben ihm ganz unerwartete Dinge offenbart. Er war überrascht von dem glänzenden Antheil, den die Juden an der civilisatorischen Enttvicklung der Menschheit genommen. Verfolgt in ihrer Person itub in ihrem Eigenthum, mussten sie nach mobilein Besitz streben, der der Habgier einzelner und der Staaten weniger ausgesetzt war. Die Juden sind vorzügliche Kausleute geworden, und aus ihrer Reihe giengen die vorzüglichsten Volkswirtschaftslehrer hervor. Auch haben sie in! Mittelalter den Aristoteles übersetzt, Mathematik getrieben, die ärztliche Wissenschaft gefördert und als Denker Hervorragendes geleistet. Sobald die große Nevolntion sie emanzipiert hatte, war es ihr Ehrgeiz, an Bürgertilgenden sich von niemand übertreffen zu lassen. Redner erwähnt das lebhafte Humanitütsgefühl der Inden, ihren Eifer und ihre Hingebung auf dein Gebiete des Wohlthuns, ihre Herzensgüte, ihren Seelenadel, ihre Freigebigkeit für philanthropische Zwecke, ihre Mntlificenz, welche den ihnen zugemntheten Cultns des goldenen Kalbes Lügen straft. Dass sie heute noch eine besondere Raffe bilden, sei am Ende kein Unglück, und es sei auch gar nicht ihre Schuld, sondern diejenige der Christen, die sich weigern, die Rasse zu kreuzen. Im übrigen aber vermischt sich der Rassetypus immer mehr, und bald wird er überhaupt nicht zu erkennen sein. Redner schließt mit der Constatierung dessen, dass die Juden , sich um die Civilisation und um die politische Oekonomie unvergängliche Verdienste erworben haben. B r e l a y erklärt sich sehr befriedigend darüber, dass der Vorredner die Juden gepriesen. Man wirft ihnen vor, dass sie rasch zu hohen Stellungen gelangen; aber ist es etwa ein Vorrecht, das ihnen zu solchen verhilft? Im Gegentheil, sie haben tieswurzelnde Vorurtheile zu besiegen, und jeden Erfolg müssen sie sich mit weit mehr Mühen als die Christen erringen. Der Judenhass ist nach der Ansicht des Redners eine Schutzzollbewegung 8ui generis, die Auflehnung des Neides und der Ohnmacht gegen die Physische und sittliche Thatkraft. Dass die Juden im Wirtschaftsleben den Vermittlerberuf cultivieren, kann nicht Gegenstand einer Recrimination bilden. Der Handel ist ja an sich nichts weiter als eine Vermittelung zwischen Ausgebot und Nachfrage. Brelay erklärt, er habe sehr gute und sehr fleißige Freunde unter den Juden, die er liebe und denen er gern nachstreben möchte. Er habe eine Vorliebe für achtbare Minoritäten, und wäre er bei seiner Gleichgültigkeit in Glaubensfachen der Versuchung eines Religionswechsels zugänglich, so möchte er gern dem jüdischen Bekenntnis beitreten. LeroyBeaulie u, der nun das Wort ergreift, weist nach, wie die gegen die Inden gerichteten Vorwürfe voll widersinniger Widersprüche sind. Man tadelt sie wegen ihres Reichthums, und doch steckt die größte Mehrheit ihrer Angehörigen im tiefsten Elend. In Frankreich schilt man sie wegen ihrer Capitalskraft, in England und Amerika wegen ihrer Armuth, die mit geringem Lohn sich begnügt und den Arbeitsmarkt verdirbt. Redner sümmt mit Brelay darin überein, ' dass der Judenhass eine Form des Protectionismus sei. Was die besondere Eignung der Juden für den Handel betreffe, so darf nicht übersehen werden, dass der Jude ein künstliches Product der Gesetze sei, und dass die Freiheit und Gleichheit ihre nivellierende Wirkung aus ihn nicht verfehlen werden. Redner schließt mit dem Satze, dass der Antisemitismus den Socialismus bedeute. Professor Worms schickt voraus, dass er Jude sei. Seine Glaubensgenossen wirken nicht allein auf dem Gebiete des Handels, sie widmen sich auch der Philosophie, der Jurisprudenz, der Medizin, der Litteratur und der Kunst. Wonns glaubt, dass der Judenhass sich gegen die jüdische Philosophie richte, welche so hoch und so weit sei, und welche jegliche Tyrannei und alle Vorurtheile so entschieden bekämpfe. Sie sind die Sündenböcke des Fortschritts, und dieses Bewusstsein mag sie wohl hinwegtrösten über alle Feindseligkeiten, denen sie ausgesetzt sind. Der Vorsitzende de M o l i n a r i schließt die Debatte mit der Bemerkung, es freue ihn, in dieser Gesellschaft, die den liberalen Ueberlieserungen treu anhängt, so energische Proteste gegen eine Bewegung gehört zu haben, die auch in seinen Augen nur eine der schlimmsten Formen des Protectionismus ist. Zur Geschichte der Traditionen. Von Lector M. Fried mann, Wien. (Schluß). Die Gesetze und Lehren, die Moses und seine Nachfolger dem Volke gegeben, waren ursprünglich mündlich überliefert, und dann erst wurden viele davon für das Volk gleichsam als Handbuch niedergeschrieben. Aber auch die niedergeschrie-

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