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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1893-07-15 · Heft 18 (15.7.1893) · p. Seite 2

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
13 (1893)
Issue
Heft 18 (15.7.1893)
Date
1893-07-15
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Vesterreichisch-nngansche Lantoren-Zeitung. Nr. 18. thümer für seine Arbeit׳benützen konnte, und wenn die Bergschlechte Mb Höhlen .sprechen könnten, so hätten sie gar manche traurige Episode über die Aussetzung der Kinder der Sklaven zu erzählen^ denn was sollten denn die Armen mit ihren Sprößlingen anfangen, welche die gestrengen Oberherren bei chren natürlichen Versorgern nicht dulden wollten? — Wie lässt sich aber ein solches Gebühren, eine solche Denk- und Handlungsweise von Seite jüdischer Cultusgemeinden rechtfertigen, von geweihten Körperschaften, welche die hohe missionelle Idee Israels durch Verbreitung von Gottesfurcht und Menschenliebe zu verwirklichen berufen find? — Wird nicht durch ein solches Gebühren in gewissem Sinne der Fluch der תוכחה heraufbeschworen: ״Söhne und Töchter werden dir geboren werden, aber du wirst sie nicht haben dürfen". Durch diese nichtjüdische Härte werden die Kinder und Weiber der betroffenen Cultusbeamten ihres Ernährers beraubt, die Kinder gleichen den vaterlosen Waisen und die Weiber den existenzlosen Witwen. Und wer hat sie dazu gemacht? Ein harter, rücksichtsloser Gemeindebeschluss! Fürchten denn die Gemeinden nicht die Strafe Gottes, von dem es in der Thora heißt: ״Er schaffet Recht der Waise und der Witwe, um ihnen Nahrung und Kleidung zu geben?" Und welchen Begriff kann man sich vom jüdischen Cultus der Jetztzeit machen, wenn mit dem Neberunenschen, und noch dazu mit dem Religionsdiener, so hart verfahren wird? ״Betest du", sagt im Sinne unsere heil. Schrift, Bern. Gerlura, ״und dein armer Mitmensch ruft dich um Hilfe, so lass das Gebet und elle deinem bedrängten Mitmenschen zu helfen; denn Gott ist in diesem Falle lieber Barmherzigkeit als Gebet". Menschlichkeit und Humanität sind ja die Grundpfeiler unseres erhabenen Religionssystems, aber nicht etwa marnwrene Säulen, welche in ihrer Härte und Leblosigkeit leider zu oft nur das Sinnbild menschlicher Gefühl- und Lieblosigkeit sein könnten. — Himmelhohe Prachttempel mit Thüriüspitzen, mit harmonischem Chorgesang und Orgelklang, oder viel beten und zuweilen auch kasteien bilden unter solchen Umständen nur eine Ironie auf menschliche Einsicht und beweisen, wie nahe wir noch dem Heidenthume stehen und wie weit entfernt wir vom reinen, wahren Judenthume uns befinden. Wähnt man doch in jüdischen Gemeinden, ein Mann in höheren Jahren, oder dessen Kinder seien nicht berechtigt, in der jüdischen Gemeinde ihre Existenz zu haben! Nautlieii liw’־ hemoh lachmoli. ״Gott hat ja für jedes Vieh seine Nahrung bestimmt, den jungen Raben, die darnach rufen!" Und der Cultusdiener sammt seinen Kindern sollten darben müssen? Unsere heilige Lehre befiehlt es ausdrücklich und warnt nachdrücklichst davor, den Leviten zu verlassen oder irgend eine Härte gegen ihn zu üben, mit der Motivirung: ״denn er hat keinen Antheil und Besitz im Lande neben dir!" Wer aber heute den Levitenberuf ausübt, braucht wohl nicht erst gesagt zu werden, es sind die Religionsdiener: Rabbiner, Cantor imd Religionslehrer. Da bietet sich unfern gut- und hochgestellten Rabbinern und gefeierten Kanzelrednern Gelegenheit und ein ftuchtbares Feld für eine gottgefällige Wirksamkeit. Da sollten sie mit vereinter Kraft zusammenwirken, um solchen Härten von Menschen gegen Menschen entgegen zu wirken! Um wie viel verdienstvoller und gottgefälliger wäre dies, als mit dem Maße des Brodneides die sogenannten ״Alten" und ״Neuen" zu bemessen, und mögen sie auch, nebenbei gesagt,- das Mischna-Wort erwägen, nicht auf den Krug zu schauen, sondern auf das, was darin ist; dass es nämlich ״neue Krüge" gibt voller ״alten Weines", dass es aber auch ״alte Krüge" gibt, in denen nicht einmal ״junger Wein" sich befindet. Dann wäre es auch höchst nothwendig, dass die k. k. Be- Hörden auf diesen Missstand in den Cultus-Gerneinden ansmerksam gemacht werden, damit sie:ms in Schutz nehmen vor solcher Härte und Rücksichtslosigkeit. Vielleicht könnte in den zu genehmigenden Gemeindestatuten durch irgend eine Clauscl dem Uebel abgeholsen werden, welches geeignet ist, uns und unseren Kindern den Boden des redlichen und ehrenhaften Daseins, oder das Dasein überhaupt zu entziehen. Sollte aber das Uebel weiter um sich greifen, was soll dann aus uns und unseren Kindern werden, nnb was würde die Geschichte einmal vor: unseren heutigen Cultusgemeinden erzählen? Einer für Alle. Neber den Antisemitismus. Die französische Gesellschaft für politische Oekonomie, ein sehr hervorragender wissenschaftlicher Verein, dem die besten Sociologen und volkswirtschaftlicher: Schriftsteller Frankreichs angehören, hat kürzlich in einer Sitzurrg das Thema vom Antisemitismus und von der Rolle der Jrrderr in den modernen Gesellschaften verhandelt. Die Beratung war eure überaus interessante und eine überaus lehrreiche. Es betheiligten sich an ihr: Limousin, Courtois, Brelay, Anatole Leroy-Barrlien und Professor Worms. Die Discussion drehte sich vorwiegend um die ökonomische Seite der Frage; aber es wurden auch die politischen und sittlicher: Mornerrte eingehend gewürdigt. Der Ideenaustausch bewegte sich auf hohem, wissenschaftlichen Niveau, und seine Ergebniße werden wohl allenthalben die verdierrte Ausinerksarnkeit erregen. Als Referent fungierte Limo ns in, der zunächst den Ursprung der anüsernitischen Bewegung zu ermitteln suchte. Airs die Frage, ob hier Glaubenshass die Triebfeder sei, gab er eine verrreirrende Antwort. Selbst in Rußland scheine dies nicht der Fall zu sein, geschweige denn in Frankreich; wie wäre sorrst die Feindseligkeit von Freidenkern und Atheisten gegen die Inder: zr: erklären? Auch dass Rassenhass das Motiv sei, :vill Limousin rächt glauben; denn er habe aus eirrschlägiger: Strrdier: die Erkerrrrtrris geschöpft, dass es eine semitische Rasse ebensowenig wie etwa eine japhetische mehr gebe. Limousin nimmt an, dass die religiösen und ethischen Gründe, die der Antisemitismus für sich geltend macht, lediglich Vorwände seien. Seiner Airsicht nach handele es sich hier um eine rein ökonomische Erscheinung. Er sagt: ״Man wirft den Juden vor, dass sie verrrrittelrrde Funktionen auf dem Gebiete des Handels und des Finanzwesens nrit Vorliebe verrichten, dass sie darin eine arrßerorderrtliche Geschicklichkeit bekunden, und dass sie, da sie sich dabei bereichern, die Vermittelung in wenig loyaler Weise besorgen." Eigenthürnlicherweise scheinen die Juden selbst die Prämisse dieses Satzes zuzugeben, urn alsdanr: diese Vorliebe ihres Stammes für Vermittlergeschäfte aus der vielhundertjähriger: Bedrückung heraus zu erklären, während welcher der Jude vom Bodenbesitz und von der Ausübung der Industrie ausgeschlossen war. Die Juden behorchten dann noch, dass diese Vorliebe seit der gesetzlicher: Befreiung ihrer Religion immer mehr und mehr schwinde, und dass ihre Glaubensgenossen allmählig auch in anderen Laufbahnen sich hohe Stellungen zu erringen wissen.

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