Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 17 (1.7.1893)
- Date
- 1893-07-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/1304829-3453273-3453290--3772-3458163- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 6. Gesterreichisch-ungarische ^antoren-Aertung. Nr. 1,7. das erfahren will, der lese Grätz, Geschichte der Juden, 10. Band, Seite 385. Wir wollen hier nur einige Meschalim anführen aus seinem agadischen Werke: ״Jaros De wasch“, welches uns in zwei Bänden vorliegt, gedruckt in Wien bei Anton Schmid 1818. W. . . ־. . E. (Fortü'vung folgt) Kleine Chronik. Wien. Die Effectenbörse war jüngst der Schauplatz einer heiteren Scene. Ein Börsenbesucher christlicher Confession — es gibt auch solche — war nicht in der Lage, einem Börsenagenten jüdischer Confession — es soll auch solche geben — die Differenzen zu zahlen. Aus die Mahnung des Agenten wurde der insolvente Börsenmann rabiat und benützte das antisemitische Receptirbuch, welches gegen jede Krankheit,' auch gegen die insolventia acuta Mittel besitzt, indem er ausrief: ״Einem Juden zahle ich über- Haupt keine Differenzen." Großer Tumult, Aufregung, Geschrei unter den jüdischen Börseumänuern. Da beruhigte ein Bankier rein arischer Abstammung und christlichen Glaubens die erregten Gemüther mit folgender Apostrophe: ״Der Mann lügt, er ist gar kein Antisemit; er hat mir auch nicht gezahlt und ich bin ein Christ". Allgemeines Gelächter. Der Nest ist die schwarze Tafel — noch eine der wenigen Institutionen, vor welcher alle insolventen Menschen gleich sind. IVivu. (R a b b i n er s e m i n a r in Wien). Wie wir vernehmen ist für die Stelle eines Professors für jüdische Geschichte und Exegese an der jüdisch-theologischen Lehranstalt, Herr Dr. Adolf B ü ch l e r berufen worden. Der junge Gelehrte, ein Neffe des berühmten Neubauer in Oxford, hat seine Studien im Vorjahre an der Landesrabbinecschule in Budapest vollendet und seine bisherigen wissenschaftlichen Leistungen — seine Dissertation zum Beispiel wurde von der k. k. Akademie der Wissenschaften in Wien herausgegeben — bürgen dafür, dass die neue jüdische Hochschule in Dr. Büchler eine tüchtige Kraft gewonnen hat. Brünn. 8. Juni. Gestern nachmittags wurde am hiesigen israelitischen Friedhofe die Leiche des verstorbenen Jndustriellen Jonas Fries exhumirt und zur Beisetzung nach Zborowitz überführt. Am hiesigen Friedhofe hielt Laudesrabbiner Dr. Platschek eine Trauerrede, während Ober-Cantor Heller mit dem Münnerquartette einen Trauerchor zum Vortrage brachte. In Zborowitz, wo die Fabriksgebättde schwarz beflaggt worden waren und wo sich mit den Fabriksbeamten Zahlreiche Ortsbewohner zur Trauerfeier versammelt hatten, wurde die Leiche von dem Vorstande der israelitischen Gemeinde und der Stadtgemeinde, sowie vom israelitischen Frauenvereine von Kremsier empfangen. Sämmtliche Vereine der Umgebung, die Feuerwehr, die Veteranenvereine mit Fahnen u. s. w. nahmen an der Leichenfeier theil. Ober-Cantor Moritz Balogh aus Holitsch, der direkt hierher berufen worden, verrichtete unter Mitwirkung des Kremsierer Männer- und Damenchors die iiblichen Gebete. Zur Uebersührung aus den Friedhof hatte die Kremsterer Leichenbestattungsanstalt einen vierspännigen Gala-Leichenwagen beigestellt. Nachdem die Leiche von mehr als dreißig Faculanten zur trauergeschmückten Familiengruft geleitet worden war, hielt Dr. A. Frankl-Grün aus Kremsier eilte Trauerrede, worauf die Beisetzung der Leiche erfolgte. Eidrnschitz. Vor kurzer Zeit lvurde hier Frau Rosa Waldmann, geb. Rattinger aus Mislitz, im Alter von 42 Jahren z!l Grabe getragen. Frau Waldmann, die Gattin unseres geehrten Oberlehrers, Herrn Julius Waldmann, war durch ihre Bildung, ihren vorzüglichen Charaktereigenschaften und ihren Wohlthättgkeitssinn eine allgemein beliebte Persönlichkeit. Überall, wo es galt Gutes zu stiften und die Humanität zu fördern, griff die Verstorbene werkthätig ein. Nicht nur wohlthätigen Instituten und Vereinen ließ sie ihre kräftige Untersttitzung angedechett, sondern auch int Stillen übte sie in reichem Maße Wohlthätigkeit. Ihr gutes Herz und ihr Wohlthätigkeitssinn brachte Sonnenschein und Helle in manches umdüsterles Herz. Alle Kreise der Bevölkerung waren beim Leichenbegräbniße vertreten und der Rabbiner, Herr Dr. Hermann Handel, hielt der Verstorbeneit einen tiefempfundenen wohlverdienten Nachruf. Ihr Andenken wird in unserer Mitte gesegnet bleiben. Utrg. Hradisstz. Am 9. Juni fand bei dem hiesigen Kreisgerichte die Schlußverhandlung gegen die Dienstmagd Karoline Schnula statt, die der Verleumdung angeklagt war. Karoline Schnula, die in Holleschau bei dem Produktenhündler David Tandler bedienstet gewesen, kam in der Nacht des 19. November mit gebundenen Händen und Schnittwunden daran zu einer Dienstvermittlerin und erzählte dieser, sie sei unt 3/tl Uhr Nachts von einigen Juden überfallen, in den Hof geschleppt und dort gebunden worden. Dann habe ntan ihr an den Händen Schnittwunden zur Blutabzapftntg beigebracht. Sie sei überzeugt, dass man sie zu ״rituellen Zwecken abgeschlachtet" hätte, wenn sie nicht geflohen wäre. An der Stimme habe sie in einem der Männer den David Tandler erkannt. Diese Angaben des Dienst- Mädchens erwiesen sich als Lügen, trotzdem, dass die Angeklagte auch bei der Verhandlung bei ihren früheren Angaben blieb. Sie wurde des Verbrechens der Verleumdung schuldi g erkannt und ztt dreizehn Monaten Kerkers verurtheilt. Prag. Am 29. Juni findet in der Zigeunersynagoge die Trauung des Frl. Laura Löwensohn, Tochter des Obercantors I. Löwensohtt hier, mit Herrn David Settler aus Neuhäusel statt. Budapest. Cautor Lazarus aus Olmütz, Bruder des Pester Ober-Cantors, hat auf Eittladuttg des Budapester Gemeindevorstaitdes am verflossenen Samstag Probe gebetet und auch entsprochen, weshalb derselbe fi'tr die Stelle des III. Cantors Stern, der seit Monaten an einein Halsleiden laborirt, acceptirt worden ist. Budapest. 15. Juni. In den Sälen der isr. Religionsgemeinde hat eine, von Marlin Schweiger, dem Präsidenten der isr. Landeskanzlet einberttfette zahlreich besuchte Versammluttg stattgefunden. Schweiger eröffnete die Berathung und ersuchte die Anwesenden, einen Vorsitzenden ztt wählen. Die Versammlung wählte zum Präsidenten' Rabbiner Dr. K o h n, ztim Schriftsi'threr Dr. Frattz Mezei. Vorsitzender präzisirt in gehaltvoller Rede die ttationale und religiöse Bedeutung einer zu gründenden jüdischen Litteratur-Gesellschaft. Ein lang gehegter Wunsch der ungarischen Jndenschaft soll, so sagte er, seiner Verwirklichung entgegengeführt werden, die geistigen Schätze unserer vieltausendjährigen Litteratnr sollen das nationale Schriftthum um einen edlen Zweig bereichern, sollen int ungarischen Judenthutn das Verständniss für die Lehren unseres Glaubetts, für Bibel uttd religiöse Tradition wecken und neu beleben. Es sei eine heilige, sowohl ttationale als religiöse Pflicht die Kenntniss des wahren Judenthums für Jedermann in uttserent Vaterlande zugänglich zu machen, für unsere Glaubensgenossen, um in ihnen die religiöse Gesinnung zu stärkett, fi'tr unsere nichtjüdischen Mitbürger, damit kein Vorurtheil ttns gegenüber platzgreifen kötttte. Diese begeistertett Worte fattden lebhaften Wiederhall in den Gemüthern der Atttvesettden, worauf ein engeres, siebeugliedriges Contite zur Prüfung des vorliegenden Statutenentwurfes, zttr Propagirung der Gesellschaft ztt Grunde liegettden Ideen tntd ihrer Zwecke etttsendet wurde, mit dem Aufträge, die im Herbste stattfindende endgiltige Constituirung vorzubereiten. Der Schriftführer verliest hierauf die eingelangten Schreiben, ttach welchen die Abgeordtteten Frattz Chorin und Julius Rosenberg als gründende Mitglieder mit je 200 fl., die Herren Popper, Dr. Moritz Stiller und die isr. Gemeinde zu Marczoli als uttterstützende Mitglieder mit je 100 fl., schon jetzt ihren Beitritt anmelden. Den Beifall, mit welchen diese Ankündigungen anfgenotttmen worden, steigerten noch die begeisterten Worte, in denen die Schreiben gehalten waren, sowie die nicht minder begeistertett Schreiben der Herren Berthold! Weiß, Dr. Anton Neumann rc. die ihre volle thatkräftige Untersttitzung zun׳ Verwirklichttng der edlett Ziele der Gesellschaft zusagen. Nach einer zweistündigen Berathuttg gittg die Gesellschaft in dem Bewußsein auseinander, ztt eittem bedeutenden Werk den Grundstein gelegt zu haben. Die Mitglieder des Siebener- Comites sind: Präsident Dr. Samuel Kohn, Schriftführer Dr. Frattz Mezei, ferner Dr. Alexander, Dr. Bacher/ Dr. Banoczi» j Dr. Karman und Dr. Julius Klein.