Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 17 (1.7.1893)
- Date
- 1893-07-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/1304829-3453273-3453290--3771-3458162- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 17. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. Seite 5. Gleichnis an. Wenn Jemand beispielweise das Unglück hat, von einer Höhe herabzustürzen, und sich an verschiedenen Körpertheilen verletzt, an äußere und innere, so muß der Arzt jedes Glied besonders verbinden und behandeln. Nicht so, wenn Jemand sittlich moralisch gesunken ist, wenn er auch mit verschiedenen Gliedern gesündiget hat, ist nur das Ohr unverletzt geblieben, das Gehör, d. h. hört er nur auf das Wort Gottes, ist er gehorsam, dann heilen schon alle übrigen Gebrechen, wenn sie noch so zahlreich und verschieden sind, wie der Prophet rathet (Jes. 45, 3): Höret nur, seit gehorsam und euere Seele wird genesen." (1. Theil, Blatt 38.) M e e r e s f l ä ch e und M e e r e s t i e f e. ״Wenn wir den Wasserspiegel eines Meeres betrachten, so bietet sich uns eine gleiche Fläche dar, aber diese Gleichheit ist nur oberflächlich. Messen -wir das Wasser durch ein Instrument, finden wir es in seinen Vertiefungen unterschieden, an einer Stelle mehr an einer andern Stelle weniger Wasser. Das stammt von dem Boden des Meeres her, ist der Erdboden tiefer, ist mehr Wasser, ist er höher, mehr Erde, ist das Wasser weniger tief. Und das ist der Sinn der Worte des Propheten (Jes. 11, 9.); woselbst die Messiaszeit, das Reich Gottes, geschildert wird: ״Das ganze Land wird voll der Erkenntnis Gottes sein, wie Wasser den Meeresgrund bedecken." Wenn auch Erhöhungen und Vertiefungen unter den Menschen Vorkommen werden, d. h. Reiche und Arme, Hochgestellte und Niedrige, Gelehrte und Laien, im Allgemeinen jedoch wird Gleichheit herrschen, gleich der Oberfläche am Meeresspiegel, gleiches Recht für Alle, ohne Neid und Streit (2. Th. Bl. 12.) -Sch m ach u n d . B e l e i d i g u n g können höhern und mindern Grades sein, je nachdem die beleidigende Person höhern oder mindern Grades ist. Eine Schmähung von einem unbedeutenden Menschen, oder gar von einer Person zweideutigen Charakters, kann nicht sehr verletzen, man setzt sich mit Verachtung dort, eine Stadt für sich bildend, in ärmlichen Verhültnißen. Selten dringen sie aus diesem Ghetto in die amerikanischen Stadttheile, und so haben sie auch dort die lokalen Eigenthümlichkeiten der polnischen und rumänischen Städte, aus denen sie stammen, ziemlich rein erhalten, Lebensweise, Sitten, Handel und Wandel, ja die Kleidung sind dort ähnlich wie in unseren: Osten, und dasselbe Gepräge zeigte auch das Opernhaus, in welchem ich mich befand. Niemals habe ich in einem Theater größere Lebhaftigkeit, größeren Lärm wahrgenommen. Alle Anwesenden plauderten mit einander, aßen Früchte, Würste und Kuchen; die Kinder tun:- melten sich schreiend zwischen den Sitzbünken umher und bewarfen sich mit Papierballen. Eine erdrückende Athmosphüre herrschte in dem schlecht erleuchteten, überstillten Saale. Von den zahlreichen israelitischen Bewohnern New-Iorks, welche den besseren Stünden angehören, sah ich keinen einzigen, ja wie ich später erfuhr, haben Viele von ihnen von der Existenz dieses jüdischen Opernhauses keine Ahnung. Der Theaterzettel, den ich am Eingänge erhalten hatte, war ein großes Blatt, dessen vier Seite:: vollständig mit Anzeigen in hebräischen Lettern bedeckt waren. Nur die lieberschrift ,.Komnania Opera House“ und die Rollenbesetzung war neben der hebräischen auch in englischer Schrift zu lesen. Wie merklviirdig erscheint dies in einen: Lande, wo die englische Sprache fast alleinherrschend ist, und noch dazu in der größten Stadt dieses Landes, in einer der verkehrsreichsten Hauptstraßen! Ich hatte nur wenige Schritte gethan, und war aus der neuen Welt, in die alte, aus Newyork nach Polen gerathen! Die Klänge der Ouvertüre, welche von einem Orchester Don etwa zwanzig Musikern gespielt wurde, vermochten das Geschrei und das Geschwätz im ganzen Hause, das wohl an lausend Zuschauer fassen mochte, nicht zu unterbrechen. Erst als dariiber hinweg. Kommt aber die Beleidigung von einer vornehmen Person, von einem uns nahestehenden Mann, von einem Freunde, dann ist sie verletzend, kränkend. Daran: klagt der Psalmist (K. 41, 10): Auch mein Busenfreund, den: ich vertraut, der mein Brot isst, erhebt wider mich die Verse" (2. Theil, Blatt 61.) 51 ö r p e r l i ch e und geistige Gebrechen. Der Verfasser macht durch ein Gleichnis anschaulich, wie man sich über einen Menschen zu äußern hat, der einerseits viele Vorzüge besitzt, andererseits aber auch mit Fehlern behaftet ist. Als Beispiel führt er an einen Menschen, der mit einem zweifachen entgegengesetzten Übel behaftet ist. Das Mittel, welches der Arzt für das eine Übel als wirksam findet, würde aber einen schädlichen Einfluss auf das andere Übel ausnben, und dasselbe noch steigern. Der vernünftige Heilkünster muß vor allem in Betracht ziehen, welches Übel größer und gefährlicher ist; ferner das Heilmittel in solchem Grade geben, dass das andere Übel nicht zu sehr davon berührt und angegriffen wird. Und so muss das Verfahren sein bei der Benrtheilung eines Menschen, der Eigenschaften und Leidenschaften besitzt, der Lob und Tadel verdient. Und das mag der Sinn der Bibelstelle sein (Spr. 27, 21); ״Schmelztiegel für Silber, Ofen für Gold (wenn beide noch n:it Schlacken vermengt sind), so der Mann in Betreff feines Lobes" (2. Th. Bl. 108). Wir könnten ans diesem Werke noch :nehrere derartige Meschalim als Gleichniße an führen, wenn wir nicht noch Raun: für andere Agadiste:: älterer und neuerer Zeit beanspruchen müßten. 4. Jonathan Eibeschütz (geb. in Krakau 1690, gest. 1764) war mit einem außerordentlichen Scharssinn und mit einem eiserne!: Gedächtnisse begabt. Seine Werke über die Halaehah stehen in: großen Ansehen, aber auch als Agadist erlangte er großen Beifall. Jedoch wollen wir hier nicht seine Biographie niederschreiben, sein bewegtes Leben, wer der Vorhang emporgieng, trat allmühlig Stille ein. Die Scene stellte eine Straße in Jerusalen: dar, und die ausgesprochen orientalischen Gesichtszüge der Sänger wie des recht zahlreichen Chors, die vortrefflichen orientalischen Gewänder, in welche die Darsteller gehüllt waren und die seltsamen Mollklänge der Musik passten in stimmungsvoller Weise zu einander. Leider konnte ich den Gang der Handlung nicht verfolgen, denn die Sprache der Darsteller war ein jüdisch deutscher Jargon, ein Gemenge von hebräischen, deutschen, polnischen und russischen Wörtern, die von den Sängern anch noch undeutlich ausgesprochen wurden. Dafür gewann die Handlung indessen eine ״couleur locale“, wie man sie getreuer auf keinen: ersten Theater der neuen Welt Hütte finden können. Wer weiß, ob ״Monnach, ein Bürger aus Bethlehem" (wie er auf den: Theaterzettel bezeichnet war), ob Sulamita, seine Tochter, Joab Gidoni, ihr Anbeter, Nathan, ein Hohepriester u. s. w. nicht von direkten Nachkommen dieser historischen Persönlichkeiten dargestellt wurden? Geberden, Mienenspiel, Bewegungen und Trachten mochten bei den Darstellern dieser Persönlichkeit genau dieselben sein, wie bei den letzteren selbst, und die Musik war jene ihrer Vorväter, wie sie sich in den Synagogen Zeitalter hindurch erhalten hat und heute noch gesungen wird; manche Melodien waren orchestrirt und als Arien in die Oper ausgenommen worden, andere wurden für Märsche, Chöre oder Orchestral-Jnterluden umgeschrieben, aber sie sind für Jeden, der den Orient bereist hat, leicht erkennbar. Ist es da zu wundern, wenn die bärtigen alten Männer in: Publikum ernst und andächtig diesen Klängen gelauscht, wenn in den Augen so mancher alten Frau Thränen erglänzten, wenn sie die Gesänge der früheren Heimat, die sie möglicherweise als .Kind verlassen hatte, wieder vernahm? (Schluß folgt).