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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1893-07-01 · Heft 17 (1.7.1893) · p. Seite 3

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
13 (1893)
Issue
Heft 17 (1.7.1893)
Date
1893-07-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 17. Mesterreichisch-ungarische «lLantoren-Aeitung. Seite 3. Zur Geschichte der Traditionen. Von Lector M. Friedmann, Wien. (Fortsetzung.) Nach dieser Darlegung liefen Judenthum und Christenthum hierin parallel, dies jedoch nur scheinbar. Bei genauer Prüfung unterscheiden sie sich wesentlich, so zwar, dass man im Judenthum von einer Tradiüon im Sinne der Kirche gar nicht reden kann. Diese Verschiedenheit ist durch die Entstehung dieser Religionen bedingt. Das Christenthuni gleicht den anderen Religionen mit Ausnahme des Judenthmns darin, dass es mit llebergabe und Ueberlieferung, sagen wir mit Tradiüon, beginnt. Es traten ein Mann oder Männer auf als inspirirt und übergaben dem Volke mündlich und schriftlich die ihnen zu Theil gewordenen Offenbarungen. Sie tradirten also, kraft ihrer autoritativen Stellung, die sie im Ansehen und im Glaubet! des Volkes gewonnen hatten, durch die ihnen zuerkannte göttliche Offenbarung. Was später nach einem gewissen Abschluss dieser durch das Schriftwort mitgetheilten Offenbarungen und Jnspiraüonen gelehrt wurde, nennt n!an Tradition. Mit diesem Begriffe wird das subjecüve Moment ausgedrückt. Jemand tradirt und kraftseiner A u t o r i t ä t erhält seine Tradition Gewicht und Be-" deutung. Wollen wir das Wort ״Tradiüon" hebräisch wieder- ־ geben, so heißt es: Massoreth. Dieses Wort spielt aber in der - jüdischen Lehre eine sehr geringe Rolle. Es wird auf agadischem j Gebiete gebraucht und auch da nur selten. So haben wir eine j Massoreth in Rara86hith Rabbah (73), wo es heißt, dass j Esau's Nachkommen in die Hände der Kinder Rachel's falleni werden. Nach derselben Quelle (80) war es eine Massoreth' bei den Kananäern, dass ihr Land den Israeliten zufallen werde. Die Palästinenser hatten aus dem Exile, wie Pesikta Rabbathi (103 b) berichtet, eine niedergeschriebene Massoreth erhalten, die die Zahl der Engel angibt, welche den Sinai während der Verkündigung der Zehngebote umgaben. Nach Megilah (106) hatten sie eine Massoreth von den Männern der großen Synagoge über den Gebrauch des EinleitungswÖrtchens ״wajhi", ״und es war". Auch das Verbum dieses Wortes ״Massar" wird nur selten im Sinne von tradieren gebraucht; so z. B.: Der Todesengel tradierte — massar — dem Moses Heilmittel gegen die Pest. (Pa81kta Rabbathi 98 a.) Die Aussprache des vierbuchstabigen Gottesnamen tradierten die Rabbinen ihren Schülern u. s. w. (Talmud, Riduaohiin 71 a.) Damit dürfte der Gebrauch dieses Wortes in der rabbinischen Literatur beinahe zum größten Thelle erschöpft sein. Allerdings kommt auch in den Sprüchen der Väter (3) das Wort ״Maffareth" vor. R. Akibha sagt dort: Massareth ist ein Zaun für die Thorah.Hier bedeutet es aber nicht Tradition von ״massar", ״überliefern", sondern die Schrift selbst wird nach ihren Buchstaben ״Massoreth" genannt. Damit hat es folgende Bewandtnis. Die Schrift, wie sie vocalisirt gelesen wird, nennt man ״Llikra"; um dieses zu erhalten, hat man später Punktaüon und Tonzeichen eingefiihrt. Der unpunkürte Text aber, der blos aus Consonanten besteht, wobei die Wörter bald plane, bald defect Vorkommen, heißt ״Massoreth". Dieses Wort hat seine Analogie in Ezechiel, (20,37), ״bemassoreth babrith", und bedeutet ״Band" ״Fessel", von ״Assar" ״binden". Nach R. Akibha dienen die Consonanten in den plane geschriebenen Wörtern als Zaun, damit das Wort nicht anders gelesen und nichts anderes hineingelegt werde, denn die gegebenen Consonanten bilden die Bänder und die Fesseln des Inhalts. Von dieser Bezeichnung ״Massoreth" entstand die spätere Benennung ״Massorah" für den sixirten Text. Dieses Wort ist aus der Wurzel ״Assar", ״binden" gebildet. Will man es jedoch von ״Massar", ״übergeben" ableiten, so wird damit keinesfalls eine mündliche Überlieferung gemeint, sondern die Übergabe der Schrift, ähnlich wie es in Sprüche der Väter (1) heißt: Moses übergab die Lehre dem Josua u. s. w., wo von dem Buche der Lehre die Rede ist, und wenn nur gesagt sein soll, dass sie nicht den Priestern in ihren aüsschließllchen Besitz übergeben wurde, wie dies aus dem Umstand ersichtlich ist, dass die Priester in der von der Mischnah angegebenen Kette der Üeberlieferung nicht erwähnt werden. Damit ist hinlänglich klargelegt, dass das Wort ״Massoreth", welches ״mündliche Neberlieserüng" bedeutet, nicht für die mündliche Lehre in Verwendung kommt. Für diesen Begriff gebrauchen die Rabbinen das Wort ״Kabbalah", Empfangenes, Uebernornmenes, und als Verbum, ״Kibbel er hat übernommen" oder ״Kibblu — sie haben übernommen." Es wird demnach nicht auf die Ueb ergäbe, sondern aus die liebernähme das Gewicht gelegt, und in dieser liegt der Schwerpunct. Dies hängt innig mit dem Wesen des Judenthums zusammen, und ist jenes Moment, durch welches sich das Judenthum von jeder andern Religion vorzüglich unterscheidet. Nach jüdischer Auffassung besitzt nämlich niemand den Vorzug und die Glaubwürdigkeit vor allen anderen Menschen sie im Namen Gottes etwas zu lehren oder ihnen gar Gebote zu ertheilen. Es steht Jedermann das Recht zu, solchen zu widerstreiten und den Gehorsam zu verweigern. Bei der ersten Offenbarung, die dem Moses im brennenden Dornbusch geworden, sagt Moses nach der langen, belehrenden und ausklärenden Unterredvng. ״Ja, aber sie werden mir nicht glauben und aus meine Stimme nicht hören, denn sie werden sagen: ״es ist dir nicht erschienen, der Ewige." Er findet solchen Einwand berechügt, denn warum sollte Gott sich gerade ihm geosseubart haben? Jndess genügte es für den in Rede stehenden Zweck, dass er in den Stand gesetzt wurde, durch Wunderwerke den Pharao und die Egypter zu züchtigen »nd zur Freilassung des hebräischen Volkes zu uöthigen; und Gott hat ihm die Macht verliehen, Wunder zu wirken, damit er das Volk überzeugen könne. Allein selbst Wunder vollbringen berechtigt nicht, Lehre und Gesetz im Namen Gottes zu verkünden,, geschweige denn jemand verbindlich zu machen, diesen Gesetzen Gehorsam zu leisten. Moses selbst lehrt: wenn jemand als Prophet austreten wird, um sie, die Israeliten zu verleiten, von der ihnen gegebenen Lehre abzusallen, so ist dies ein falscher Prophet, und trotz aller Zeichen und Wunder, die er machen wird, sollen sie ihn ohne Furcht tödten; seine Wunder sind nur eine göttliche Versuchung ihrer Standhaftigkeit. (V. B. M., 13, 2—6). Um dem Volke Lehre und Gesetz zu geben, war eine öffentliche allgemeine Offenbarung nothwendig, wie sie von Moses bezeichnet wird. Panün dibbar adonaj immachem. Von Angsicht zu Angesicht. Krach Gott mit euch (L. B. M. 5, 4). Und vor dieser Offenbarung hat Gott dem Moses angekiindigt: ״Siehe, ich komme zu Dir im Wolkendickicht, damit das Volk höre, wie ich mit Dir rede und sie auch ihr Vertrauen in dich setzen für ewig." (II. B. M., 19, 9). Aber selbst diese Offenbarung hätte für weiterhin das Volk nicht verbindlich machen können, Vorschriften zu gehorchen, die nicht ihm selbst unmittelbar gegeben worden waren. Allein das Volk hat dW Moses bevollmächtigt, Gesetze von Gott zu empfangen, und sich verbindlich

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