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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1893-07-01 · Heft 17 (1.7.1893) · p. Seite 2

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
13 (1893)
Issue
Heft 17 (1.7.1893)
Date
1893-07-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Mesterreichisch-nngarische Lantoren Aeittlng. Nr. 17. gemacht, und in welcher Weise wurde dieselbe vererbt? Den ersten THM dieser Frage müssen wir entschieden verneinen; denn mit alleiniger Ausnahme des verewigten Weintraub-Königsberg, eines Abkömmlings des berühmten Kaschtan, waren schon bei Lebzeiten Weintraubs die bejubelten Töne Dowidel Brod's, Jtzigel Kanarik rc. verhallt und, ihre Bestrebungen außer Acht gelassen. Auch die zweite Theilfrage, die Gesangsvererbung, muß in gleichem Sinne beantwortet werden; denn all die berühmten Gesänge sind mit ihren Schöpfern in das Grab gesunken. Nur Weintraub suchte die Gesänge seines Ahnes und Meisters zu erhalten, indem er seinem nmstergiltigen Synagogengesangswerke Schirebeth-adonai auch einige Gesänge des alten Kaschtanhinzufügte. Als Anhang eines sonst bedeutungsvollenWerkes begrüßen wir diese Abnormität, doch mit lediglichen Abnormitäten können wir uns nicht einverstanden erklären. Die Triebe, die der altrussische Chasanim-Stamm eingesetzt, stehen ja nur ganz vereinzelt da, so Bachmann Budapest, dessen Werk demnächst zur Besprechung gelangt, G e r o w i t s ch in Rostow am Don und Mayer S ch o r r in Großwardein. Dieses Trisolium altjüdischen .Sanges verdient die Aufmerksamkeit der cantoralen Fachkreise, weil jeder Einzelne desselben sich bemühte, neben seiner chasanischen Fertigkeit auch tüchtige musikalische Kenntniße zu erlangen und auch den moderncantoralen Anforderungen seine Ausmerksamkeit zuwandte. Allerdings urtheilen wir nicht nach empfangenen persönlichen Eindrücken, sondern nur nach den Ergebnißen der vorliegenden Werke, die für uns maßgebend sein müssen. Wäre Abrass den:.Intentionen der empfangenen modernen Eindrücke nicht so zielbewusst, aus dem Wege gegangen, oder hätte er mit der Herausgabe seines Werkes ״Simrath Joh" .nur noch ein Decennium gezögert, wir leben der sicheren Ueberzeugung, dass er bei seiner reichen Erfahrung-, bei seinem vielseitigen Wissen und Können eine Arbeit zu Stande gebracht, die. den bekannten Synagogengesangswerken als ebenbürtig anzureihen geeignet wäre. In der vorliegenden Form jedoch wird es lediglich als ein Beitrag zur Geschichte des Synagogengesanges insoferne erachtet werden, als es uns den Nachweis liefert, über welche bedeutende kunsttechnische und stimmliche Eignungen Abrass verfügte und welcher Qualität die Gesänge waren, die seinerzeit in den jüdischen Gotteshäusern Rußlands Anwendung fanden. Im Uebrigen ist ja die Thatsache genügend bekannt, dass unsere Altvordern durchaus nicht skrupulös in der Wahl ihrer Gesangsmotive waren. Ob die Melodie einem Freuden- oder Trauermarsche, einen: Menuet oder Volksliede entnommen war, wenn dieselbe sich imr für den Text leicht verwenden ließ, so griff man beherzt zu und — das maßgebende ist — die Gesänge wurden gerne gehört. (Fortsetzung folgt.) Die traditionelle Predigt. Vom Bezirksrabbiner A. Roth in Siklos. Meister Zunz sagt ferner: ״So verfiel nach und nach das Vortragswesen; die Lehrer sprachen selten, oder nur — talmudisch, auf den Vortrag selbst war kein Studium verwendet, da es keine Sprache und keine Beredsamkeit gab, und das belehrende Wort erscholl immer seltener. Dieser traurige Zustand der gottesdienstlichen Belehrung war jedoch nicht während jenes ganzen Zeitraumes herrschelld, auch nicht überall und nicht in allen Gemeinden in gleichem Grade. Me gab es eine größere Anzahl von Darschanim (Predigern), als seit dem 17. Jahrhundert in Deutschland und Pol«:; es fehlte keineswegs an Redner:: und Vorträgen, nur in der Weise dieser Vorträge, .in ihrer Sprache und Bestimmung lag das Gebrechen. " Unter den Predigern, die sich durch Schriften bekmmt gemacht haben, hat es an einzelnen ausgezeichneten Männern nicht gefehlt; überhaupt war nicht an Alltagen, sondern nnr an Institutionen eil: Mangel. Weder der Tadel wohlmeinender jüd. Gelehrten, noch der judenfeindliche Spott konnten diese jiidisch-deutschen, mehr die Religion profanirenden als verherrlichenden kabbalistisch-mystischen Predigten Einhalt thun." Meister Dr. Jellinek schildert die früheren Predigten in folgenden markanten Worten:*) ״Obwohl man im Alterthum forderte vom Redner in Israel fortlaufenden Zusammenhang der Gedanken, Volksthümlichkeit und Fasslichkeit des Ausdruckes, Einwirkung auf die Herzen durch die Anmuth und Lieblichkeit des Wortes; allein die meisten Lehrer des vorigen Jahrhunderts in Deutschland und Oesterreich kümmerten sich wenig um diese goldenen Regeln. Wie die Heerden des Patriarchen Jakob waren ihre Deraschot bunt gesprenkelt und getupft, ohne Einheitund ohne Einfachheit, aus dem Verschiedenartigsten zusammengesetzt. Alles war auf Ueberraschung durch Ungewöhnliches ,abgesehen, daher es Viele nicht verschmähten, schwierige Talmud- und Midrasch stellen zu erdichten; der spielende Witz, der mit Buchstaben und Zahlen tändelnde Verstand trat in den Vordergrund, und wennIhr rednerischer Pathos die Höhe des Erhabenen bestieg, so warfen sie um sich mit Kunstausdrücken, wie Posch'im, Cofrim, und anstatt mit einer Hand die Zuhörer an sich zu ziehen, stießen sie mit beiden Händen Alle von sich. Und nur der Geist, den sie. verbreiteten, und die Themen, ,die sie -bearbeiteten! So eng und dumpf wie die Jndengasse war ihr Judenthum! Keine Ahnung von der Schönheit der Patriarchengestalten, keine Spur von dem Schwünge unserer Profeten, kein Sinn für die Erhabenheit der Psalmisten, kein Verständnis für die Lieblichkeit der alten Sagen, kein Betonen der weltgeschichtlichen Ideen des Judenthums, keine Erklärung jener großen Wahrheiten, in denen der Geist der Freiheit, Gerechtigkeit und Liebe am schönsten ausgeprägt ist, keine Aufmunterung, keine Aneifernng zu kämpfen für das gute Recht Israels und für die Erlösung des Judenthums aus den Ländern der Vorurtheile! Nichts als Küche, Kelter, Golus, Gehennim, Kofrim-Gesetze und Gesetzesübertreter; das war keine Nahrung für die neue Stimmung, welche die Gemüther ergriffen hatte." Der große Kanzelredner Dr. Schmiedel sagt:**) ״Wie der Gottesdienst überhaupt nur durch die Ungunst der Zeit seine äußere . Würde und Feierlichkeit einbüßte, — ebenso die Kanzelrede. Dr. Schmiedel wendet hierauf folgende Stelle aus dem Talmud an: Nachdem Salomon das Heiligthum erbaut hatte, pflanzte er alle Arten kostbarer goldener Bäume darin an, welche Früchte zu ihrer Zeit trugen und wenn der Wind darin wehte, warfen sie ihre edlen, köstlichen Früchte ab. Jedoch als die Fremden in ״das Heiligthum eindrangen, da dorrten und vertrockneten die Pflanzungen. Die kostbaren Bäume mit den edlen Früchten sind die Volksredner im Heiligthume des Herrn, ja wenn der warme Hauch begeisternder Beredsamkeit wehte, dann gab es dort hochedle Früchte, und so blieb's bis zu der traurigen Katastrophe, wo die schweren Schicksalsstürme über Israel hereinbrachen, denn unter ihrem Frosthauch dorrten die edlen Pflanzungen. Fortfrtzung folgt *) In den Predigten über Wiener israel. CultnSgcmrinde von Dr. Jellinek, S. 59. **) Sansinnim v. Dr. Schmiedel. S. 312.

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