Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 17 (1.7.1893)
- Date
- 1893-07-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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' Nach pflichtgetreuer Aufzählung all der Absonderlichkeiten, des Abrass'schen Synagogeugesangswerkes können wir uns trotzdem nicht der Anschauung Zuneigen, dass der Conrponist nnt Herausgäbe der vorliegenden Arbeiten eineil musikalischen Gelvaltakt vollziehen unb die synagogalgesanglichen Kreise zur Älusfnhrnng derselbell veranlassen wollte. Der geniale Abrnss, der inmitten asiatischer Verhältniße sich redlich bemühte, an den Errungenschäften der fortschrittlichen Bestrebullgen Antheil zu nehnlen, dessen Haus eine ideale Pflegestätte echter Wissenschaft und guter Musik war, lebte sicherlich der Ueberzeugung, dass die vorliegendell Chöre mit der europäischen Anschauung unvereinbar und bei der obwaltenden gernäßigten Stimmtechnik geradezu unausführbar seien. Wo anders wäre dann ein rationeller Grund für die mannesmuthige Verösfelltlichling des Werkes zu suchen, als in dem, von einer gewissen Eitelkeit nicht freizusprechenden Bestreben, der Mit-Mld Nachwelt zu vermitteln, wie er selbst gesungen d. h. welche Opulenz von Kehlenfertigkeit e r sein eigen nannte, über welches Ueb ermaß von Tönen er zu verfügen hatte. Das Außergewöhnliche in jeder Form verblüfft die Menge und nöthigt derselbell Staunen und Anerkennung ab, das sei ehrlich zugestanden; hiebei bleibt nur die Frage offen, ob es sich verlohile, die Anerkennling der Menge um jeden Preis anzustreben. Auch derjenige, der beim Speisen Messer: und Gabel verpönt und sich hiebei lediglich seiner Hände bedient, darf insofern auf Anerkennung Anspruch erheben, indem er darlegen kann, dass wohl die Verwendung der Hände dem Menschen ilaturgemäß näher liege, als die von der Cultur erfundenen Behelfe von Messer und Gabel. Auf eine Anerkennung solcher -Art muß An jedem Falle, insbesondere jedoch bei einer Wirksamkeit verzichtet werden, deren Resultate für die Mitunb Nachwelt von didaktischer Bedeutung sind. .'Wenn nur jeder jüdische Cantor bedächte, dass seine Wirksamkeit, ob in großer oder mindergroßer Stellung, der öffelltlichen Beobachtung anheim gestellt sei und dass nach einer Reihe voll Jahren über ihn zu Gerichte gesessen wird, w i e er gesungen, w i e er gesagt und w i e er gelebt, so hörten wir oftmals am Betpulte nicht Auslassungell und gesangliche Evolutionen, die nanlentlich den eingeweihten Zuhörer geradezu mit Entsetzen erfüllen und an den normalen Geisteszustand des Vortragenden zweifeln lassen: wir beobachteten weiters nicht eine der guten Gesellschaft und dem heiligen Stande hohnsprechellde Lebensweise, die jeden sittlichen Menschen zur Entrüstung zwingt und eine allgemeine Schädiglmg unseres Standes im Gefolge hat, weil ja nach diesem E i n e n alle Uebrigen beurtheilt imd gewürdigt werden. Erscheint nun sowohl die unwürdige Lebensweise als. auch der rein äußerliche, jeder Ueberzeugungstreue, jedweden BildllngSgrades entbehrende, gedankenlose Singsang gewisser jüdischer Cantoren, namentlich solcher, die der Zufall und nicht das Verdienst in eine bedeutungsvolle Lebensstellung hineinge-pielt, als die allgemein jüdisch cantoralen Interessen schädigend, so bleibt doch zumeist die persönliche Versündigung gegen Sitte und Gesang an der Person hasten, weil doch der Ton dem Augenblicke dient und mit deniselben verhallt, und nur bei demjenigen von böser Nachwirkung ist, der das zweifelhafte Glück hatte, diesen Scheinkünstler persönlich zu hören und dessen Irrwegen nachzutreten sucht. Viel verhängnisvoller jedoch erweist sich ein, in einem durch den Truck veröffentlichtem Werke niedergelegter Jrrthnm. Das gedruckte Wort, wie die gedruckte Noten- Phrase sind Denkmäler für ewige Zeiten und müssen als Muster bilder für nachstrebende Eleven erachtet werden. Bei einer ausgedehnteil und reichhaltigen Litteratur auf andern Gebieten kann mitunter ein unreifes Werk weniger schädigend wirken, weil die Mehrzahl der bessern Werke mustergiltigen Einfluss üben; bei einer Litteratur, wie die synagogel-gesangliche, jedoch deren Opuszahl an den Fingern abzuzählen ist, muß selbst einem Buche, welches Irrlehren verbreitet, energisch begegnet: werden, weil dasselbe in seiner Folgewirkung bedenklich werden kann. Nach dieser nothwendigen Abschweifung kehren wir zu unserer Arbeit zurück, indem wir die Frage aufstellen: Hat die Gesangsweise der berühmten russisch-polnischen Chasanim-Schule