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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1893-06-11 · Heft 16 (11.6.1893) · p. Seite 3

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
13 (1893)
Issue
Heft 16 (11.6.1893)
Date
1893-06-11
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 16. Vesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. Seite 3. in den kleineren jüdischen Gemeinden, auszufechten haben, kommt nirgends so wahrheitsgetreu zum Ausdrucke, wie in den mannigfachen Zuschriften an die Redaktion dieses Blattes und in den zahlreichen Eingaben an den österr.-ungar. Cantoren-Verein. Hier wie dort ein trostloses Bild socialer Gedrücktheit und materiellen Elends, welches geeignet ist, das collegiale Mitgesi'ihl in! höchsten Grade zu erwecken, und aus dem nur gemeinschaftliche Abwehr und das einmüthige Zusammenstehen aller Berufsgenossen einen Ausweg stnden kann. In den letzten Nummern der Cantoren-Zeitung haben sich unsere diesbezüglichen Betrachtungen mit den nässlichen cantoralen Verhältnißen in Prag und einem Vorfälle in einer anderen böhmischen Gemeinde beschäftigt, heute aber wolle!: wir einen Blick nach Ungarn werfen und auf eine Eingabe Hinweisen, die der jüngsten Sitzung des österr.-ungar. Cantoren-Vereines vorlag. Das Vereinsmitglied N., Cantor in einer ungarischen Status-quo-®emeint>e, war längere Zeit mit seinen Einzahlungen im Riickstande geblieben und musste im Sinne der Statuten unter Androhung des Ausschlusses gemahnt werden. Als Antwort auf diese Mahnung kam nachfolgende Zuschrift, die wir ohne jede stylistische Aenderung und Ausschmückung in ihrer ganzen Einfachheit und Schlichtheit wiedergeben: ״Löblicher Vorstand! Ein Mitglied des Cantorenvereines bittet ergebenst, der löbliche Vorstand möge mit ihm Nachsicht üben und ihn nicht aus dem Vereine ausschließen, da es nicht seine Schuld ist, wenn er längere Zeit mit seinen Jahres- und Pstichtbeiträgen im Rückstände geblieben ist. Hochverehrter Herr Präses! Wie ein Sohn zu seinem Vater, so will ich ein aufrichtiges Wort zu Ihnen sprechen, und hoffe, dass dasselbe in Ihrem mitfühlenden Herzei: ein Echo finden wird. Meine Lage ist leider sehr traurig. Kaum zwei Jahre ist es, dass ich hier fungiere, und trotzdem befinde ich mich schon seit dem Monate Februar in gekündigter Stellung. . Ein College, mit dem ich zusammen amtire, hat einige Herren aus dem Vorstande gegen mich aufgestachelt und alle Hebel in Bewegung gesetzt, dass mir gekündigt werde. Mit der Kündigung allein war er jedoch nicht zufrieden, denn sie lautete auf ein Jahr; der Termin war ihn: zu lange, er denuncirte und verläumdete mich, insultirte mich im Tempel, auf der Schlachtbriicke, auf offener Straße und unter-- nahm alles Mögliche, um mich existenzlos zu machen. Seine Bemühungen sind leider nicht erfolglos geblieben. Letzten Sonntag wurde ein Concurs ausgeschrieben und die Besetzung meines Postens für 1. October d. I. beschlossen. So stehe ich nun da, ohne einen Groschen Geld, ohne Credit und vorläufig nicht die geringste Aussicht auf eine andere Stellung. Sie können sich damit, :::eine Herren, ein Bild ausmalen von einem Angestellten in einer ungarischen 8tatu8-qu0-Gemeinde. Meine jetzige Lage ist trauriger als die der russischen Juden; denn diese werden von Andersgläubigen verfolgt und verjagt, ich aber von Glaubensgenossen, und noch obendrein von einem Collegen. Es bleibt mir nichts anderes übrig, als den Wanderstab, zu ergreifen, meine theuere Familie zu verlassen und mich um Brod fiir dieselbe umzuschauen. Habet darum Mitleid und geduldet mir, bis Gott mir geholfen haben wird. Verstoßet nicht Euren armen Bruder, denn das Bewusstsein, auch ferner dem Cantorenvereine anzugehören, wird mir Kraft und Muth verleihen!" Es ist wohl selbstverständlich, dass der Vereins-Vorstand dieser herzzerreißenden Bitte Folge geleistet hat, ja er ließ es bei dem allein nicht bewenden, sondern es wurde der einstimmige Beschluss gefasst, dem unglücklichen Collegen auch anderweitig unter die Arme zu greifen. Zunächst wird die Vereinsleitung in einer Eingabe an den betreffenden Gemeindevorstand zu Gunsten des Gekiindigten zu interveniren suchen und dabei auch auf das unqualistcirbare Vorgehen des zweiten Functionärs Hinweisen. In diesem letzteren Bestreben wollen wir den Vorstand gerne unterstützen und sobald die bereits eingeholtew näheren Informationen eingelangt sind, werden wir es nichl unterlassen, den Namen jenes Mannes, der mit Hintansetzung, jeder kollegialen Rücksicht, kalten Blutes die Existenz einer Familie vernichtet hat, öffentlich an den Pranger zu stellen. Solche Elemente müssen von uns ausgeschieden und von der ganzen Berufsgenossenschaft verachtet werden. Mögen nun unsere diesbezüglichen Bemühungen wie immer ausfallen, der Vorfall an und für sich wirft ein grelles Greiflicht auf die bedauernswerthe Lage der jüdischen Cultusbeamten in Ungarn und auf die fast russischen Zustände daselbst, die einer Remedur dringend bedürfen. Um jedoch eine Befferimg herbeizuführen, ist uns vor Allem Einigkeit nöthig; diese wird aber von allen Seiten gestört, und gerade in Ungarn ist ein neuer Zersetzungsprocess durch die sogenannte, vom ״PLlyäzat" inscenirte ״Bewegung" eingeleitet worden. Wir können das Vorgehen jener Collegen, die sich dieser Bewegung bisher angeschlossen haben, aus allgemeinen Rücksichten nicht billigen und müssen ihnen entschieden anrathen, sich lieber dem Bestehenden anzuschließen, als auf aussichtslose, die Gemeinschaftlichkeit der einzuleitenden Actionen untergrabende Neugründungen auszugehen. Da wird schon fast ein Jahr zum Heile des neuen Messias in die große Posaune gestoßen und allwöchentlich ein Flugblatt, gestillt mit längst abgebrauchten Phrasen und nichtsheißenden Redensarten, in die Welt gesetzt — von einem ernsten Schritt, einer wirklichen That ist aber bis jetzt nichts in die Oeffentlichkeit gelangt; wir müssten denn höchstens die zahlreichen Berichte über Versammlungen, wo Einer dem Andern Weihrauch spendet, fiir etwas Bedeutungsvolles halten. Es ist nicht die Art des österreichisch-ungarischen Cantoren- Vereines, ebensowenig der österreichisch-ungarischen Cantoren- Zeitung, marktschreierisch sein Lob zu verkünden, er entwickelt eine fülle, geräuschlose, aber desto segensreichere Thätigkeit, die an zahlreichen geretteten Existenzen lebendige Zeugen hat. Er achtet auch nicht auf schwarz-gelbe oder roth-weiß-grüne Grenzpfähle, sein collegiales Mitgefühl gilt jedem Collegen hüben wie drüben, und auch hiefiir lieferte die dieswöchentliche Vorstandssitzung ein beredtes Zeugnis. College W. war kaum in der ungarischen Gemeinde N. accepürt, als er von schwerer Krankheit heimgesucht wurde. Der Vorstand des Cantorenvereines sendete sofort dem Manne einen namhaften Betrag, der ihm über einige Zeitdes Krankenlagers hinweg half. Nach überstandener Krankheit, unter welcher auch das Organ gelitten hatte, war W. nicht im Stande, seinen Posten in N. auszufüllen und wurde darum gekündigt. Er suchte da und dort, fand aber nichts und kam so vor Kurzem mit kranker Sümme nach Wien. Hier war es wieder der Cantoren- Verein, der nicht nur Arzt, Medicamente rc. dem kranken Mitgliede verschaffte, sondern ihm außerdem noch eine weitere Unterstützung zukommen ließ, damit es dem Manne an der nöthigen Pfiege nicht fehle. Und so wird Cantor W. in kurzer Zeit gehellt und seinem Berufe wie auch seiner Familie wiedergegeben werden. In derselben Sitzung ist auch einem Collegen in Böhmen, der berufsunfähig geworden war, die Summe von Zweihundert

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