Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 15 (1.6.1893)
- Date
- 1893-06-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 15, Oesterreichisch-ungarische Lantoren-Ieitung. Seite 3. den Luxusgegenständen auf. Schon in alter Zeit finden wir, dass Jehuda eine Schnur, wahrscheinlich eine Knotenschnur, mit sich führte, etwa wie man heute ein Notizbuch bei sich trägt. (Gen. 38, 18). Daher stammen auch die Redeweisen im Pentaleuch (Deut. 6, 8): knüpfe sie an deine Hand, — und in den Sprüchen Salomon's: knüpfe sie an deinen Hals, schreibe sie an die Tafel deines Herzens (3, 3,), knüpfe sie stets an dein Herz, binde sie an deinen Hals (6, 21,), knüpfe sie an deine Finger, schreibe sie an die Tafel deines Herzens (7, 3). Hier werden die Knoten der Schrift gleich gestellt, weil sie thatsächlich anstatt der Schrift gedient haben, richtiger ausgedrückt: sie waren eine Art Schrift. Als Reminiscenz dieser alten Schriftart lebt noch der Erinnerungsknoten verkümmert bei uns fort. Auch die Farben dienten als Erinnerungsmittel, so z. B. bei den Israeliten die himmelblaue Farbe. Später haben diese Farben symbolische Bedeutung bekommen. So ist Roth die Sünde, was entweder mit der Schamröthe zusammenhängt oder eine Bezeichnung des größten Verbrechens, des Blutvergießens ist; das reine Weiß ist die Tugend, u. s. w. Zu den Mitteln der Erinnerung gehörten schließlich noch die Malerei und die Bildhauerei. Mit der Entwicklung der Cultur entstand und verbreitete sich die Schreibekunst. Sie gieng aus der Malerei hervor und bestand anfänglich in Bilderschrift. Nun war mit dem Vorhandensein der Schrift das geeignetste Mittel siir die Tradition gegeben. Zun! geringsten Theite wird der ursprüngliche Zweck dieser Erfindung der heute häufige Gebrauch zur Unterstützung des Gedüchtnißes gewesen sein; vielmehr sollte sie dienen zur Überlieferung und Übermittlung, um Andere in Kenntnis zu setzen von dem, was der Schreibende beabsichtigt hat. Durch die Schrift sind die früher gebrauchten Denkzeichen gewissermaßen beseelt worden; das Steindenkmal erhielt eine Inschrift. Man verband die Schrift mit den Erinnerungsknoten. Ich erwähne hiebei die Philäkterien und ihre Knoten, Tephilin und Kescherschel- Tephilin. — Durch Eingraben, Prägen in Geräthstücken, in Schmuckgegenstände oder in eigens hiezu verfertigte Metallplatten und gebrannte Thonformen, wurde, was denkwürdig schien, in Erinnerung behalten. Schließlich gelangte man zur Erfindung des geeigneten Schreibmaterials, Papyrus und Pergament. Nun hat das Tradieren seine Vollkommenheit erlangt, und so hat unsere Geschichtsschreibung begonnen. Unser Stamm, die Israeliten, bemächtigten sich frühzeitig der Schreibekunst und verwarfen den Gebrauch anderer anschaulicher Erinnerungsmittel, wie Bildhauerei und Malerei, weil das geschriebene Wort geeigneter ist, das geistige Erkennen wachzurufen als das durch sinnliche Anschauung vermittelte. Der Grund hiezu lag in religiösen Motiven. Das unendliche Wesen, das nur geistig erfasst und begriffen werden kann, durfte durch ein sinnlich angeschautes Bild nicht blasphemiert werden; denn das darzustellen, was sich unseren Vorstellungsvermögen entzieht, muß Lüge sein, und beeinträchtigt die Erkenntnis des Unendlichen. Ferner trug man hiebei der Volkserziehung Rechnung; nichts ist so schwierig, als den Menschen zum Denken, besonders zum abstrakten Denken zu erziehen, und alles, was die Phantasie in Anspruch nimmt und sie erweitert, geschieht auf Kosten des reinen Denkens; deshalb verwarfen die Israeliten den Gebrauch anschaulicher Erinnerungsmittel und zogen die einfachen Läutzeichen vor. Viele Gesetze und Vorschriften des Pentateuchs bezeugen den allgemeinen, frühzeitigen Gebrauch der Schrift bei den Israeliten; ich will nur der. Vorschrift erwähnen, die wichtigen Volkslehren an die Thürpfosten niederznschreiben. Man bediente sich also der Schrift, um die Volkstraditionen zu überliefern, und so entstand die Heilige Schrift. Sie ist die geschriebene Tradition des israelitischen Volkes. Überblicken wir die gesammten Traditionsmittel, so lassen sie sich in drei Gruppen ordnen: I. mündliches und schriftliches Wort; II. Verrichtungen und Handlungen; III. gegenständliche Mittel, entweder natürliche, wie Rau nt und Zeit oder künstliche. Berücksichtigt man die Traditionstnittel nach dem Werthe ihrer Sicherheit und Deutlichkeit, so sind die letzten zwei Gruppen stumm, und können nur durch das erklärende Wort deutlich werden. Sie tradieren also nicht selbst, sie dienen nur als Behelfe der Erinnerung. Ohne das begleitende Wort beweisen sie nur, dass sie etwas sagen wollen, nicht aber, was sie sagen sollen. Die Sicherheit ihrer Mittheilung hängt von der Echtheit und Wahrheit des Wortes ab, das sich an sie knüpft. Sehr leicht kann der an diese Monumente sich anlehnende Bericht nur erdichtet sein. Außerdem aber bieten viele dieser Denkmale nicht die Sicherheit, dass sie nicht das Werk einer Täuschung oder einer Fälschung sind. (Fortsetzung folgt.) Etwas über den Schulgefang. Von B. Singer, Jungbunzlau. Die Notwendigkeit einer wesentlicheti Verbesserung des Schulgesanges sollte ein Hauptaugenmerk der Schulbehörden sein; indess wird das Schullied immer nur als ein zur Erholung der Jugend dienender Gegenstand behandelt und ihm nicht jene Wichtigkeit beigemessen, welche den anderen Gegenständen, die das Kind für den Lebensberuf vorbereiten sollen, zugewendet wird. Natürlich ist der Lehrer als Gesangslehrer am meisten maßgebend, und es dürfte nicht uninteressant erscheinen, die verschiedenen Grade von Befähigung bei dettselben sich zu vergegenwärtigen. Es ist nicht zu Leugnen, dass man in Chorkörpern, Gesangvereinen rc. sehr verwendbare Kräfte unter Männern dieses Standes findet, dass sie oft eine Hauptstütze der Chordirectoren und den Grundstock der eigentlichen Blattsänger bilden. Solche Lehrer sind auch gewöhnlich in der Schule gute Gesangsbildner, obwohl zwischen Sänger tmd Stimmbildner noch immer ein großer Unterschied obwaltet. Aber gerade so unscheinbar sich dieser Schulgesang ausnimmt, ist seine Behandlung doch eine große Kunst. Geradezu haarsträubend ist es, wenn man an Schulen vorübergeht, wo in einer Classe von 50 bis 60 Schülern diese unter Leittrng ihres ״Gesangslehrers" aus vollem Halse briillen. Da muß der Ruin von Gesangsstimmetr bevorstehen, weil der Lehrer, der weder ein Gesicht für Abstufung, noch Kenntnis von Regifterwechsel, Athemholen, Aussprache rc. hat, die Kinder eben schreien lässt, wie sie wollen. Das sind nun die unbefähigtesten Gesangslehrer. Dann gibt es solche, welche wohl ein wenig die Violine handhaben können; der Lehrer spielt den Kindern eine Melodie vor und hilft ihnen mit der Geige weiter. So werthvoll die Geige für den Schulgesang erscheint, ist sie nicht immer geeignet, den ganzen Zweck dJ’ schönen Gesanges zu erfüllen. Die schwachen