Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 15 (1.6.1893)
- Date
- 1893-06-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2: Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. Nr. 15. und ein flüchtiges Anlehnen an dieselbe bei Adonoj, Adonoj Nr. 35 abgerechnet, geht Abrass allenthalben mit beklagenswerthem Zielbewusstsein dem althergebrachten Traditionsgesange ans dein Wege. Die charakteristische Maariw- Singweise für Kosch-liosclianaunb Scboloschregolim, die den jeweiligen Festlag so ausgezeichnet fixirt, findet er nicht einmal der Airführung Werth, wie er gleichfalls den allgemein üblichen Freitag-Abend- Maariw mit seinen verschiedenen Steigern vollständig perhorrescirt. Es ist uns rricht unbekannt, dass die russischerr Cantoreir im Allgemeinen vom Traditionsgesairge nicht viel halteir, und es mag dieser Umstand in der historischen Thatsache einen Erklärungsgrund finden, dass die russischen Juden insgesammt deutsche und spanische Einwanderer waren, denen aus dem langen mühevollen Lebensgange ihre einstigen Heimatsklänge abhanden gekommen — allein bei Abrass, der bei großen Chasanim in den größten Gemeinden seine Lehrjahre durchgemacht, der später sogar, nach dem Heimgange Dennhof's, um die erledigte Lhorcantorstelle in Budapest sich bewarb und daselbst auch mit außerordentlichem Beisalle Probe betete, können solche Entschuldigungen nicht angeführt worden. Wir fiihlen uns vielmehr zu der Annahme berechtigt, dass Abrass den Traditiousgesang vorzüglich beherrschte, jedoch dem Jrrwahne der meisten der damaligen modernen Cantoren huldigte, nur dann als Autorität erachtet zu werden, wenn er die.Tradition vollständig verwarf*.) Ein Jrrthum hat bekanntlich einen weiteren im Gefolge. Da es Abrass einmal über sich gewann, die traditionelle Weise zu verwerfen, so riss ihn die extreme Strömung mit sich, d. h. er nahm seine Melodien, wo er sie eben fand, unbekümmert darum, ob die Melodie des adonoj malto nafschi S. 90 einer italienischen Oper oder der Chorsatz Scbosebanasjaakow einem Haydnfichen Oratorium entlehnt sei. Erscheint ein solches Vorgehen seitens eines weltberühmten Mannes nicht absonderlich? Und noch eine Absonderlichkeit des vorliegenden Werkes müssen wir betonen. Zuförderst erscheint es auffallend, dass sämmtliche Cantor-Soli, deren Umfang vom tiefen 6 bis zum hohen A reicht, nicht lieber im Tenorschlüssel als in dem unbequemen, mit dreimalgestrichenen Notenköpfen versehenen Bassschlüssel verzeichnet sind. Allerdings verblüffen diese fiir eine Bassstimme geradezu allerhöchsten Notenköpfe den Minderemgewechten und nöthigen chm Staunen und Bewunderung dem Sänger gegenüber ab, der solch' übermäßig hohe Töne sein eigen nennt, ja dieselben sogar in Sechzehntel- Passagen des allerraschesten Tempos verwenden kann, dem Eingeweihten jedoch erscheint dies Vorkommnis gar nicht so bewundereswerth. Bekanntlich cultivirten die alten Chasanim zwei Stimmgaltungen: den Dibber und das Koll. Der Dibber war die naturgemäße Stimme der Mittellage, mit welcher das gewöhnliche parlando behandelt wurde; zu Deutsch könnte diese Stimmlage mit Sprechton bezeichnet werden. Das Loli hingegen war ein künstlich ausgebildetes Brustfalsett, welches bei rationeller Pflege überaus sympathisch klang und bis in die höchste Tenorregion reichte, selbst dann,- wenn der Sänger von Natur aus nur mit einer Bassstimme veranlagt war. Die Vorliebe unserer Glaubensgenossen für hohe Singtöne veranlasste jeden einstigen Chasan- Eleven, seiner Stimme diesen nöthigen außerordentlichen Umfang zu verschaffen. Damals wie heute hieng diese zweckdienliche Stimmaus¬ *) Den zuverlässigsten Beleg sür die Ni^igkcit dieser Annahme bildet die Composition jehi rozatrn lisfirah Nr. 26? Abrass weiß es, dass in der LeLrad andere als die üblichen Melodien gesurtzen werden, verwendet aber trotzdem selbsterftrndene und nicht die tradition״^en Anklänge. bildung von der größer» oder minderen Begabung des Stimm" bildners ab und mancher, der einem Stümper in die Hände fiel, musste, so wie heute noch, die an seiner Stimme vorgenommenen Experimente nicht nur mit dem Verluste derselben, sondern auch mit körperlichen Gebrechen, ja oft sogar mit dem Tode bezahlen. Ein wirklich ausgezeichnet gebildetes Brustfalsett (Koll) besaß nun Abrass und erregte hiemit das Staunen seiner Zuhörer; deshalb darf es durchaus nicht auffallen, wenn Abrass in gerechter Berücksichtigung seiner Naturstimme (Bariton) die Cantorsoli im Bassschlüssel verzeichnet. Auch Meister Sulzer ע׳ה suchte, als seine Natursümme zu altern begann, die hohen Töne durch ein trefflich geschultes Brustfalsett zu ersetzen, llnd wurde es ihm hiedurch ermöglicht, die zeitliche Länge seiner gesanglichen Wirksamkeit zu erweitern. Selbstredend fand diese Gepflogenheit, als von autoritativer Stelle ausgehend, auch Nachahmuilg und es fanden sich dort wie hier Nachtreter, die in vollständigem Jrrthume das Gleiche in stümperhafter Weise nachahmten, was die Meister künstlerisch bedeutsam gestalteten. Auch die unglücklichen Nachahmer Sulzers unserer Zeit, die an die Wahrheit und Genialität des Meisters in keiner Weise heranreichen, maßen sich an, in seinem Geiste zu wirken, wenn sie statt des Brustfalsetts, von dessen künstlerischer Bedeutung sie keine Ahnmrg haben, Fisteltöne hervorquaken. Diese Kunst- Verirrung erinnert an jenen Sänger, der keinen Triller regelrecht hervorbrachte und, um den kollernden Ton zu erzeugen, mit dem rechten Fuße tüchtig beutelte. . So stirbt der Unverstand nicht aus, und so hat auch Ahrass mit der Aufzeichnung der von ihm meisterhaft vorgeführten und irr seinem Werke verzeichneten Singweise deshalb viel Unheil gestiftet, weil heut zu Tage kein stimmlich rationell ausgebildeter Cantor im Stande ist, dieses Passagenwerk auszuführen und den von ihm verzeichneten Tonumfang zu beherrschen, ohne zu Abnormitäten wie jener Sänger mit dem rechten Fuße seine Zuflucht zu nehmen. Für den Antiquitätenliebhaber oder für denjenigen, der an Mumien lebenswarme Studien machen will, wird das Abrassfiche Werk ״Simratli joh“ stets eine ergiebige Fundgrübe sein, weil es uns doch wenigstens hierüber Aufschluss gibt, wie unsere einstigen Collegen in Rußland gesungen und gesagt. . (Fortsetzung folgt). Zur Geschichte der Traditionen. Von Lector M. Friedmann, Wien. (Fortsetzung.) Außer diesen durch Raum und Zeit gebotenen Mitteln, die mit den Ereignißen wie verwachsen sind, sind es gewisse Verrichtungeil, deren man sich als Erinnerungsmale bediente, die später symbolische Bedeutung angenommen haben. So z. B. erinnert die Hütte des Herbstfestes an das Leben in der Wüste, die ungesäuerten Brode des Passah an den Auszug von Egypten. Etwas Besonderes in dieser Richtung bilden die Erinnerungsknoten. Diese Art, Denkwürdiges in Erinnerung zu bewahren, soll bei alten Stämmen in Peru sehr ausgebildet gewesen sein. Mendelssohn erklärt damit in seinem Commentar zum Pentateuch den Gebrauch der Zizith. Solche Gedenkknoten hat man wahrscheinlich''bei den Israeliten als Schmuck und Zier verwendet. Daher zählt Jesajas (3,20) die Kischurim-Knoten unter