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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1893-05-11 · Heft 13 (11.5.1893) · p. Seite 6

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
13 (1893)
Issue
Heft 13 (11.5.1893)
Date
1893-05-11
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Gesterreichisch-ungarrsche Lantoren-Aeilung. Nr. 13. Der Präsident Herr David Ritter von Gutmann verspricht, dieser dankenswerthen Anregung Folge zu geben, und erklärt die 20. ordeutliche Generalversammlung für geschlossen. Baben. Sonntag Nachmittags veranstaltete der deutschfortschrittliche Bürgerverein Baden eine Wanderversammlung in Traiskirche n, in welcher zuerst Reichsraths-Abgcordncter Professor M a r ch e t über die Stellung der Negierung zur NeblauS-Fraac sprach, worauf der Vereinsobmann Professor Rainer v. Nainöhl einen Vortrag über die Grundsätze des Liberalismus hielt. Professor Rainer v. Nainöhl kam zunächst auf die Tendenzen der reaktionären Elemente zu sprechen, entwickelte hierauf die Grundsätze des Liberalismus und wendete sich schließlich mit scharfen Worten gegen die antisemitische Bewegung. Ganz unglaublich, sagte er, ist die Bornirtheit und Verblendung vieler Gegner, welche den Liberalismus einfach als ״verludet" hinstcllcn. Hat doch der Abgeordnete SteinWender kürzlich rund heraus gesagt, die liberale Partei habe alle ihre Institutionen nur der Juden halber errich tet. Diese unglaubliche Behauptung kann nur durch den schlechten Umgang des Abgeordneten S t e i n w e n d e r erklärt werden. (Zustimmung ) Er bewegt sich eben fo viel in Gesellschaft von Ant i s e m i t en d er gemeinsten Sorte, dass er nach und nach ihre Ausdrucksweisc annimmt Wir müssen mit aller Kraft gegen den Antisemitismus auftrctcu, denn der A n t i s e m i t i s m u s ist eine Partei der B r u t alität, der Unbildung und der Gemalt. Die Gewalt aber bleibt nidjt an der Thür d es Juden stehen, und wehe dem, nicht nur der eine gebogene Nase, einen jüdisch klingenden Namen hat oder im Rufe steht, mit Juden zu verkehren. Doch es ist den Antisemiten mit ihrem Antisemitismus gar nicht so ernst. Wirkliche Antisemiten gibt cs h ö ch st cnä ״unter den W äh l c r U, den Führern aber ist cs nur um unsere Freiheit SN thun, und der Jude i st n n r der Prügelknabe, auf den losgcsch lagen wird. Antisemitismus, Klerikalismus und der Jcsuitismus sind drei gleichbcdentcnde Worte. Das lehren uns die Thaten der verbündeten reaktionären Streber und Hetzer. Bis'enx. Herr Dr. Jakob Spira, ein Schüler des Budapcstcr Nabbincrseminars, ist einstimmig zum Rabbiner der hiesigen Cultusgemcinde gewählt worden. Kremster. (Fürsterzbischof Dr. Kohn über den Antisemitismus) Samstag Nachmittags hat unter außerordentlich großer״ Vctheiligung der Bevölkerung des Krcmsierer Bezirkes der feierliche Einzug des Olmützcr Fürsterzbischoss Dr. Theodor Kohn in seine Kremsiercr Sommerrcsidcuz stattgcfundcn. An demselben nahmen nebst den Vertretern der politischen und Gemeindebehörden auch der Vorstand der hiesigen israelitischen Kultusgemeindc thcil und ' wurde eine ^Deputation derselben, bestehend aus dem Rabbiner Dr. Fr an kl-Grün, und den Vorstehern Licbmann und Pollak, durch den Fürsterzbischof in Audienz empfangen, welcher sich bei diesem Anlasse in dezidirter Weise gegen den Antisemitismus aussprach. Rabbiner Dr. Frankl begrüßte den Fürsterzbischof im Namen der Religion, deren Profct Malcachi den menschenverbrüderndcn erhabenen Gedanken ausgesprochen: Fürwahr! Wir Alle haben einen Vater, ein Gott hat uns erschaffen!" und -fuhr dann fort: ״Diesen Grundsatz haben alle Vorgänger auf Ihrem Throne zur Richtschnur ihres Wirkens gemacht, und dank diesem Wohlwollen war das einträchtige. Zusammenleben in dieser Stadt nie getrübt. Nur die Glaubensbrüder in den Nachbargemcinden Holl c s ch a u und K o j e t c i n (wo jüngst antisemitische Exzesse stattfandcn) werdcit zeitweilig durch grundlose Bcichuldigungen in ihrer Ruhe gestört. Ich hege die zuversichtliche Heffnung, dass eine aufklärende Kundgebung aus dem Mundedes ersten Priesters der Diözese die wohlthuendstcn Folgen haben wird. Ihr edles, erlösendes Wort würde uns ein treues Bild eines würdigen Priesters vergegenwärtigen, der nur die Lehre der Wahrheit im Munde führt und Viele von der Sünde abhält." Fürsterzbischof Kohn erwiderte, er missbillige selbst die bedauerlichen Vorgänge in den Nachbargemcinden auf das entschiedenste, weil er stets von dem Grundsätze ausgehc: Luum euigue! (Jedem das Seine!) Doch lassen sich die gegenwärtigen Zustände nicht mit -inemmalc beheben, das Vorurthcil nicht mit einem Worte bannen. Es bestehe ein krankhafter Zustand, der nur mit der Zeit geheilt werden kann, allein er werde Alles — soweit cs in seiner Kraft stehe — anwcndeu, um dieses Uebel nach und nach in seiner Diözese zu beheben, damit der G eist des Friedens wieder cinkehre. Er hoffe, dass auch die Priester seiner Diözese in diesem Sinne wirken werden. Vrag, 3. Mai. In der heutigen Landtagssitzung beantwortete Statthalter Graf Thun die Interpellation der Abg. Richter und Genossen in Angelegenheit der jüngsten in Kolin und mehreren anderen Orten Böhmens vorgefallencn antisemitischen Ausschreitungen. Der Statthalter führt aus, dass die Excedenten verhaftet und der verdienten Strafe zugeführt wurden und dass es gelungen sei, die Wiederholungen der Ausschreitungen zu verhindern. ״Ich kann cs bei dieser Gelegenheit nicht unterlassen", sagte der Statthalter, ״meinem tiefen Bedauern über die beklagenswerthcn Vorgänge Ausdruck zu geben und die Bewegung auf das Schärfste zu vcrurthcileu, welche eine ganze Classe gleichbercchtigtcr Staatsbürger ihrer gesetzlich gewährleisteten Rechte berauben will und sich hiebei von blindem Racenhasse leiten lässt. Es ist selbstverständlich, dass die Regierung und alle ihre Organe schon in Ausübung der ihnen obliegenden Vorsorge für die allgemeine Anfrcchtcrhaltung der öffentlichen Ruhe und Ordnung verpflichtet sind, dieser Bewegung ihre vollste Aufmerksamkeit zu widmen und, w o iinmer si ch ei n Anlass da zu bi etet, dcrs e lb en mit Entsch jeden heit entgegen zu traten, um auf diese Weise allen Bewohnern dieses Landes ohne Rücksicht auf - d i e N ati an alitä t, d en S t an d und die Confession den vollem G-emuß der. staa_tsbnr.gc.rlich.enRechte und den ihrer berechtigten Interessen zu gewähren. : DaS Vereins- und Versammluugsrccht wird von diesem Gesichtspunkte gehandhabt und die Prcßpolizci den verhetzenden Publikationen gegenüber auf das Strengste geübt". KuttonbLtg, 30. April. Heute Vormittags wurde in dem Proccsse gegen die 19 angeklagten Thcilnehmer an den antisemitischen Excesscn in Kolin das Urtheil gefällt. Der öffentliche Ankläger, Herr Staatsanwalt . Dr. S ch n ci d e r - S w o b o d a, sagte in seinem Plaidoycr unter Anderem Folgendes: ״Die Annahme, dass die Israeliten das Blut junger Christen brauchen, und dass sie deshalb Morde vollführen, die in religiösem Fanatismus ihren Ursprung haben, hat sich bisher in den niedrigen Bcvölkcrungsclassen erhalten, obgleich Gelehrte und Gebildete diese Annahme als eine bloße Täuschung und als eine Ausgeburt religiösen und menschlichen Hasses erklärt haben. Cs ist erwiesen, dass so oft eine Nachricht über einen sogenannten ritualen Mord aufgetaucht ist, dieselbe in der gebildeten Welt keinen Glauben gefunden, dafür aber in Folge von Agitationen unter den niedrigeren Bevölkerungsclassen eine große Bewegung hervorgerufen hat. . Und doch sind stets dis Behörden und Sicherheitsorgane rechtzeitig und energisch eingeschritten, haben gegen die vermnthlichcn Schuldtragenden die Untersuchung eingeleitet, ohne dass bisher sichergestellt worden wäre, dass in unserem Reiche ein Nitualmord verübt worden sei. Auch anderswo ist dies nicht sichcrgcstellt worden. Diese Annahmen bestehen aber trotzdem noch heute, so oft z. B. ein christliches Mädchen, das bei einem Juden im Dienste standentweder verschwindet oder durch Selbstmord endet. So ist dies auch in Kolin der Fall gewesen. Gleich nach dem Verschwinden der 17 Jahre alten Havlina, die bei dem Israeliten Brettlcr im Dienste stand, wurde dies der hiesigen Staatsanwaltschaft' gemeldet. Dieselbe hat die sorgfältigste Untersuchung eiugeleitet. Ich muß ausdrücklich betonen, dass in dieser Richtung st r e n g st e n s untersucht wurde. Es lag jedoch kein Grund vor, um gegen Jemanden wegen ritualen Mordes einzuschreiten. Alle die Gerüchte erwiesen sich als falsch und erlogen. Die Section der Leiche der Havlina zeigte keine Spur einer Gewaltthäligkeit, geschweige denn eines Mordes, spcciell eines Nitualmordes. Obgleich dies der Gerichtsarzt gemäß seiner amtlichen Pflicht den Behörden anzcigte, wurde doch für gut erkannt/ die Leiche vor einer gerichtlichen Kommission zu seciren. Hiezu würben nicht blos die Eltern und Verwandten der Havlina, sondern auch gänz fremde, glaubwürdige und-ehrsame Bürger von Kolin geladen. Die Gerichtsärzte bestätigten, cs sei an der Leiche nicht der geringste Makel vorgeffrndcn worden, das Mädchen sei durch Selbstmord in Folge Ertrinkens ans dem Leben geschieden: Weder Schnittnoch -Stichwunden fand man an Her' Leicht. Leider war" es^cine p oli'tis che, aütis'emitis che Agitation, die durch unbesonnene Leute geschürt wurde. Leider hat zu den Köliner Excesscn in nicht geringem Maße die locale Presse, das ist die Zeitschrift' ״Polaban", bcigctragen, welche, statt die Leute zu beruhigen und dK Begebenheit״ auf das richtige Maß zurückzuführcn, die - vage ^Annahme eines Nitualmordes noch bestärkte, indem diese Zeitschrift mit gesperrter Schrift die Mitthcilung machte, die Leiche habe Stichwunden rings um die Herzgegend gehabt und Spuren von Bisswunden gezeigt. Da könne man sich nicht Wundern, dass die Aufregung unter den Massen durch solche Mittheilungon vergrößert und die Wuth gegen die Israeliten erhöht worden ift: Die Staatsanwaltschaft hat pflichtgemäß gegen den ״Polaban" das .subjektive Verfahren und gegen die verantwortlichen Personen; die Strafamtshandlung nach § 308 eiugeleitet. — Von den 19 Angeklagten j würden 6 wegen Verbrechens der öffentlichen Gewaltthäligkeit zu schwerem j Kerker von zwei bis zehn Monaten, 9 wegen Vergehens des Auflaufes; zu Arrest von drei Tagen bis drei Wochen vernrthcilt. Vier Angeklagte - wurden freigesprochcn. Vor und während der Publication des Urtheils - sah man vor dem Kreisgerichtsgebäudc die Frauen der Angeklagten mit; ihren Kindern, die sie entweder auf dem Arme trugen oder führten. Es! wurden unter den Frauen die Rufe laut: ״Wenn man uns die Männer; einsperrt, müssen wir plündern!" Es kam aber zu keinen Ausschreitungen. (Earmriu. (Apostolische Worte eines Bischofs.) In der : bischöflichen Residenz erschien vor Kurzem eine aus den hervorragendsten 1 Mitgliedern zusammengesetzte Abordnung unseres Gcmeindcrathes, um dem : Bischof Ignaz Lobos das Ehrenbürgerdiplom der Stadt in solenner! Weise zu überreichen. Als der Bischof bewegt und in schlicht einfacher,; dabei aber tief zu Herzen dringender Weise der Abordnung, in welcher : sich auch mehrere angesehene jüdische Bürger befanden, seine Dankesgefühle; äußerte, apostrophirte er die Letzteren, sich ihnen direct zuwendend, folgen- ׳ dermaßen: ״Ich danke insbesondere den Herren Gemeindcräthen jüdischer? Confession dafür, dass sie für die Erthcilung dieser Ehre gestimmt, dieses - für mich so kostbare Diplom mit unterfertigt haben und zur Ueberrcichung! bei mir erschienen sind. Es freut mich, an dieser Stelle neuerlich betonen und erklären zu können, dass ich für ein einträchtiges Zusammenleben mit den Mitbürgern mosaischer Confession stets warm cingctretcn bin und jede Animosität gegen diese unsere 'gleichberechtigten Landeskindcr, dem erhabenen Gebote der Nächstenliebe entsprechend, entschieden Pcrhorrcscire. Ich weiß der Tarnower Judenschaft auch Dank, dass sie bereitwillig dafür stimmte, dass die hiesige Kathedrale aus dem Gemeindesäckel rcstaurirt werde. Die israelitischen Mitbürger mögen immer von meinen wohlwollenden Gesinnungen überzeugt sein " Der Bischof drückte zum Abschiede jedem der Gcmeindcräthe die Hand. Totis. Der nrugkwählte Obercantor,״ Herr I. Weißmann,, hat sich mit der Tochter des hiesigen Oberrabbiners Händler verlobt. Berlin. Bekanntlich erhoben in der letzten Neichstagssitzung vor Ostern Liebermann v. Sonnen b erg und Stöcker gegen den. verstorbenen Stadtrath Magnus den Vorwurf, er habe 1880 fälschlich

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