Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 13 (11.5.1893)
- Date
- 1893-05-11
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 13. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. Seite 3. Solche Traditionen der Zerstörung und Verwüstung erfüllten die Phantasie der Menschen und wirkten auf ihren Charakter ein. Nicht nur ihre Götter waren grausam, auch sie selbst neigten dieser Eigenschaft zu, und that sich bei ihnen einer hervor, so war es durch die Zerstörung und Verwüstung die er vollbrachte; diese waren geeignet, Bewunderung hervorzurufen, und solch' außerordentliche Thaten ^boten wieder neuen Stoff für die Tradition. Ursprünglich lebten dieZ Menschen friedlich miteinander, welcher Friede höchstens um irgend eine zu erhaschende Beute, den Hunger zu stillen, für kurze Dauer gestört wurde. Nun ist der Mensch gewaltthätig geworden. Er setzt seinen Stolz in die Vernichtung seines Mitmenschen. So entstand der Krieg und der Kamps zwischen Mensch und Mensch, ein Kampf, wie er bei den andern Lebewesen in derselben Gattung nie vorkommt. Andererseits jedoch führte gerade dieser Kampf zu'Vereinigungen und Verbindungen. ES vereinigten sich mehrere zu einem Schutz- und Trutzbündniße gegen einen Gewaltthäter, dann um gemeinsam auf Raub und Beute auszugehen, und wohl auch, um sich im Kampfe gegen Raubthiere gegenseitig zu unterstützen. So entstanden Gruppen oder Sippen, die mit andern Gruppen in stetem Kampfe lebten. Diese Kriege und Siege lebten bei den Nachkommen in der Erzählung fort. Der Held derselben, der Führer der Gruppe, wurde von seinen Feinden gefürchtet wie ein Gott — glich er ja den Göttern in seinem Zerstören und Vernichten — den ©einigen aber entstand in ihm eine gütige Gottheit, sein Andenken lebte bei ihnen in der Erinnerung, und blieb als gütige Gottheit verehrt. Nun hatten die Menschen auch gute -Götter, diese aber waren ihre Nationalgötter. Der nationale Gott ist gütig und fördert das Wohl seiner Nation, ist aber feindlich und grausam gegen jede andere Nation. Mit der Zunahme der Cultur und der Entwicklung der Menschen hat die traditionelle Uebung nicht ausgehört, immer wurde Wohlthätern göttliche Verehrung erwiesen. Nebukadnezar ließ dem Daniel, der ihn von beängstigender Qual befreit und ihm seine Gemüthsruhe wiedergegeben hatte, indem er ihm seinen Traum und dessen Deutung zu sagen wusste, als Preis und Auszeichnung göttliche Verehrung erweisen und befahl, dass ihm Opfer und Weihrauch dargebracht werde, auch der König selbst warf sich nieder und bückte sich vor ihm (Dan. 2, 48). Auf solche Weise entstand der Brauch, die Landesfürsten zu vergöttern, ihnen Statuen zu errichten und denselben Opfergaben darzubringeu. Man hielt sogar bei den Einsichtsvollern, nach Mechiltah zum zweiten der zehn Gebote, diese Insttuition für wohlthätig und uothwendig, damit die Unterthanen auch in den entlegensten Gegenden den Regenten vor Augen haben. Man dachte, dass auf diese Weise der Untergebene überzeugt sein wird, sich der Machtsphäre des Herrschers nicht entziehen zu können, da man vor einem Gotte nicht entfliehen kann, und so Ruhe und Ordnung unter den Bürgern gesichert zu haben. Die Thaten und Leistungen dieser Helden und Herrscher der nationalen Götter boten einen reichen Stoff für die Volkstradition. Rechnen wir noch dazu Naturereigniße, welche bei den Kämpfen und Fehden, von Stamm gegen Stamm, dem Einen zu Grinsten und dem Anderen zum Nachtheile eintreten mochten, wie z. B. wenn des Feindes Heer von einer Ucberschwemmung oder von Sturm und Hagel überrascht wurde, oder ähnliche Katastrophen entscheidend einwirkten, was natürlich der natko׳ na len Gottheit zugeeignet wurde, so haben wir den Gesammtstoff des alten Traditionsgebietes. Es theilt sich in zwei Kategorien, Erinnerung an Naturereigniße und Erinnerung an Menschenwerke von hervorragender Bedeutung. ES ist nätnrLE dass sich im Laufe der Zeit, als der Er׳ zählungsstoff sich angehäuft hatte, jüngere mit älteren Traditionen vermischten, mit einander verwechselt wurden, und auch Vieles der Vergessenheit anheimfallen musste. Das Gedächtnis musste unterstützt werden. Zunächst bot sich die rhythmische Form und die Melodie. Wurde die Erzählung in rhythmische Form gebracht und von einer Melodie begleitet, so prägte sie sich dem Gedächtm'ße besser ein. So entstanden Volkslieder und Nationalgesänge. Das älteste solcher Lieder dürfte das des Lamech sein. In einem Gesänge vor seinen Frauen rühmt er seine Heldenthaten, wie er seinen Gegner erschlägt, von dem er nur ver» mundet wurde, und wie er einen andern niedergestreckt, wobei er nur eine Beule davongetragen (Gen. 4, 21). Dieses Heldenlied ließe sich deutsch etwa folgendermaßen wiedergeben: Adah und Zillah, Ihr schönen Frauen, ־ Weiber Lamech'S hört meine Kunde, Als einen Mann ich niedergehauen. Holt' ich mir diese Wunde; Einen Jüngling erschlug ich mit meiner Keule, Vom Kampfe zeugt diese Beule; Wenn Kajin's Leben gerächt ward siebenfach. Rächt Lamech sich siebenundsiebzigfach. (Fortsetzung folgt). Das Symbol der Sefiratage. Bon-, Julius Eisner, Cantor und Religionslehrer, Draschkov. - Jene Tage des Zählens, das schönste Symbol der Sefiratage, sind die Wochen von Pessach bis Schewuoth. Und ich könnte mit der Frage herantreten, was heißt ״Zählen"? Die meisten Menschen ahnen es kaum, und gerade die Glücklichen, welche das Meiste״zu zählen haben, machen die größten Rechenfehler. Zählen heißt: Eines an das andere fügen und damit in gleicher Weise bis zu einer bestimmten Summe sortfahren. Ach, wenn die Menschen daran denken würden, dass die Stunde nur 60 Minuten hat und 24 Stunden der Tag! Wenn sie an jedem Abend auf den Tag zurückblicken und sich fragen wollten, ob denn die entschwundene Zeit einst mitzählen darf in der Summe des Lebens, oder ob der Tag verschwendet, verloren ist! Wenn sie in der Jugendkraft des Lebens, da die Sichel ansängt mit der stehenden Saat, mit der Zählung beginnen wollten, auf dass einst am Schluß die Rechnung stimmte und es nicht umsonst gelebt sei, dieses Meuschendasein! Und wie beim Einzelnen, so beim Ganzen. Das Pessachfest, die Tage der körperlichen Befreiung, hat man so ziemlich in allen Landen gefeiert, nun, so sollen wir beginnen zu zählen, beginnen, uns und andere geistig zu veredeln und zu vollenden, so sollen wir nach Tagen und Wochen und Jahren langsam und mühsam, aber sicher und fest uns hinarbeiten zu dem großen Tage, der die geistige Erlösung uns bringt. Ach, er ist weit der Weg durch die Wüste zum Sinai, vom Körper zum Geiste, von der Erde bis zum Himmel. Man wird so oft irre an dem Fortschritte der Menschheit und möchte verzweifeln, doch nein, zählen wir ruhig weiter! Mag der Geist auch noch in Fesseln liegen, und ein finsterer Zauber den Sieg des Guten noch bannen: Die Stunde der Er»