Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 13 (11.5.1893)
- Date
- 1893-05-11
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. Oesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. Nr. 13. ratur, sondern die hebräische Sprache überhaupt vernachlässigt wurde, so dass die Rabbiner des 17. und 18. Jahrhunderts eigentlich gar keiner Sprache, folglich keiner verständlichen Mittheilung an die Jugend und die Menge mächtig waren. (Fortsetzung folgt.) Cantorentag in Sicht. ״Land! Land!" so ertönt es plötzlich an Bord des Schiffes. Ein Ruf der freudigsten Erregung kommt aus dem Munde des Capitäns, der auf der hohen Commandobrücke mit dem Fernrohre die dunklen Umrisse der grauen Uferlandschaften erspäht hat, und in vielfachem Echo tönt es wieder aus der Schaar der Reisenden, die in banger Erwartung den forschenden Blicken des Capitäns gefolgt waren. Diesem Bilde gleicht unser, auf dem Meere der Zeit dahingleitendes Vereinsunternehmen, das vor Kurzem erst als stolzes Schiff mit wehendem Maste und Rettungsanker dargestellt wurde, auf welchem die Reisenden die Vereinsmitglicder selbst sind, die der langen Uebersahrt müde, sich nach einem Bestimmungsort sehnen, wo ihnen Freiheit in Worten, Gedanken, und Thaten winkt, wo sie sich brüderlich zu vereintem Streben die Hand reichen dürfen. Und der Ruf ״Land"! ist nichts anderes als der Ruf nach Wien! — — Wien ist die Parole, welche vom österr.-ungar. Cantorenvereine ausgegeben ist, dass sich daselbst Heuer im Monate Juli der vielersehnte Cantorentag constituire, zum Heile des ganzen Standes, zum Ruhme der heiligen Sache!; ־ - ----- Und wahrlich, es war in einem der letzten Leitartikel dieses Blattes ein vielverheißendes Wort ausgesprochen worden: Allgemeiner Cantorentag! Wenn das Zustandekommen einer so großen Versammlung sich nur zum geringen Theil bewährt, dann gehen wir einer freudigen Zukunft entgegen. Es ist der Wunsch des löblichen Vorstandes, dass Jedermann, der nur das mindeste Staudesbewusstsein in sich fühlt, eS nicht versäumen möge, nach Wien zu eilen, und sich um das Banner zu schaaren, das für Alle weht. Und was lässt sich nicht Alles bei ernster, collegialer Vereinigung erzielen! Der erste Cantorentag hat eS ja. zur.Menüge bewiesen, welche Kraft in dem Wahlspruche unseres erhabenen Monarchen Viribus unitis liegt. An unseren lieben und treuen Collegen ist es nunmehr, den Cantorentag zu einem allgemeinen zu machen, indem sie möglichst zahlreich an demselben theilnehmen. . Das Uebrige Wird, was Billigkeit der Reise, Wohnung und Verköstigung betrifft, das Präsidium selbst zu arrangiren wissen, und auch dafür Sorge tragen, dass jeder Einzelne die wenigen Tage, die er während der allgemeinen Cantorenkonferenz in der gastlichen Kaiserstadt verweilt, zu den angenehmsten Erinnerungen seines Lebens wird zählen können. Und in der That, der Fragen gibt eS genug, welche zu besprechen sind, damit unserem Stande jene Stellung eingeräumt werde, welche ihm gebührt. Es ist. heute nicht am Platze, alle Vorlagen zu detailliren, sie müssen der Konferenz selbst Vorbehalten bleiben, aber Alle wissen, wie viele Institutionen in neuester Zeit geschaffen wurden, an denen die Cantoren nicht participiren. Bon vielen Seiten hört man, dass unser Beruf, als selbstständige Körperschaft, in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht hat. Nun denn, möge sich dieses Renomms bewahr» heilen und mit jener dynamischen Kraft verstärken, welche unserer Stimme in den Tempeln Gottes Macht und Ansehen verliehen hat; doch dabei soll es nicht bleiben. Zur Rechtfertigung unseres Fortschrittes muß ein jeder das Standesbewnsstsein bethätigen und im Juli 1893 nach Wien kommen! Auf Wiedersehen in Wien! B. Singer, I. Cantor in Jungbunzlau. Zur Geschichte der Traditionen?) Von Lector M. Friedmann,.Wien. Tradition ist ein Rechtsbegriff und bedeutet die Ucbertragung des Rechtes an einer Sache von deren Besitzer an einen andern. Dieses Wort, in seiner Bedeutung ״Uebergabe" oder ״Ueberlieferung", ist übergegangen in die Sprache der Geschichte und in die der Theologie und wird hier gebraucht für mündliche Ueberlieferung im Gegensätze zur geschriebenen Geschichte; in der Theologie erweitert sich der Inhalt dieses Begriffes noch auf jene Lehren und Bräuche, die nicht in der schriftlichen Quelle der Religion begründet sind, sondern als mündliche Ueberlieferung zur Geltung kommen. Diese beiden letzteren, die Traditionen in Geschichte und Theologie, sollen der Gegenstand unserer Betrachtung sein. I. Ungewöhnliche Ereigniße und Thatsachen erregten die Auf» merksamkeit des primitiven Menschen. Sonnen- und Mondesfinsternis und andere Phänomene am Firmament versetzten ihn in Staunen und Schrecken; er hat etwas früher nie Gekanntes erlebt. Mehr noch als solche Erscheinungen mussten auf ihn Ereigniße einwirken, die ihn unmittelbar berührten, wie vulkonische Ausbrüche, Cyklone, Erdbeben, Ueberschwemmungcn, Dürre, Heuschreckenschwärme und ähnliche Nebel. Solche Erscheinungen waren denkwürdig und wurden Kindern und Kindeskindern belehrend erzählt und überliefert. Die heilige Schrift erzählt von den Plagen Egyptens und berichtet, dass sie mit den begleitenden Worten verkündet wurden: auf dass du es erzählest vor den Ohren deines Sohnes und des Sohnes deines Sohnes (Ex. 10, 2), weil dies so üblich gewesen. Derartige Erzählungen bilden den Ursprung aller Tradition. Diese Tradition, oder sagen wir die Geschichte der alten Menschheit, bestand nun aus furchtbaren und schrecklichen Ereignißen, Plagen der Menschheit. Deshalb konnte der alte Mensch auch nur grausame Götter haben; alles was seine Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte und ihm denkwürdig geworden war, musste doch von den Göttern gekommen sein, war aber fürchterlich und schrecklich. Im SiphrS, zum Wochenabschnitte Haasinn heißt es: Bis auf Abraham galt Gott den Menschen als ein grausamer Richter (134, a). Abraham war der erste, der die göttliche Gnade erkannte. Thatsächlich spiegelt sich dieser Charakter der Urgeschichte in dem ältesten Buche menschlicher Geschichte, in der Genesis, noch ab, wie dies schon von dem Midrasch-Rabbah zu Exodus, Ende des ersten Wochenabschnittes, bemerkt wurde. Das Buch Genesis erzählt von der Sintfluth, von Verwirrung der Menschen, vom Untergange der blühendsten Gegenden durch Schwefel und Feuer, und in fast jeder Generation von einer furchtbaren Hungersnoth. Eine solche war zur Zeit Abrahams, zur Zeit Jsaks und wieder zur Zeit Jakobs. *) Dortrag, gehalten im Vereine ״Afikeh Jehudah״ in Prag am 24. Dezember 1892.