Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 13 (11.5.1893)
- Date
- 1893-05-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Oesterreichisch-ungarische Pränumerations-Preis. ־ FürCanivren u.Euttnsbramtr in Vrsirrreirh-Llngklrir Ganzjährig.fl- 4.— Halbjährig ..... fl. 2.— FürCankorrn n.Cultnsbra mir im Ausland Ganzjährig.8 Mark oder 4 Rubel. Für Private und Institute Ganzjährig.fl 6.— Central-Organ die Interessen der Cantoren und Tultusbeamten. Erscheint jeden zehnten Tag. Begründer: Obercantor Jacob Bauer. Rrdartivn und Adurinistratiorr Wien II., Novaragasse Nr. 27. Inserate werden billigst berechnet. Manuscripte werden nicht retournirt. Abonnements- », Infertionsbetrüge stnd in Wien zahlbar. Nr. 13 Wirn> 11. Mai 1893. 13. Jahrgang. Die traditionelle Predigt. Von Bezirksrabbiner A. Roth in Siklos. Herr Obercantor Singer schloß seinen treffenden Artikel in Nr. 12 mit folgenden behcrzigenswerthen Worten: ״Wir können uns hiebei nicht des Vergleiches erwehren, was mit der synagogalen Predigt geschehen wäre, wenn die Herren Rabbiner sich der Anschauung zugewendet hätten, Bibeltexte und Midraschim zu ver- Wersen und Aussprüche bedeutender uichtjüdischer Philosophen zu den Themen ihrer Predigten zn wählen. Die Form mussten wir von Andern lernen, weil nns im Laufe der vielen Jahr- Hunderte der Bedrückung und Verfolgung der Sinn für Formschönheit abhanden gekommen, aber der Inhalt —" Die synagogale Predigt wie der synagogale Gesang, wenn sie ähre veredelnde, Herz und Gemüth erhebende, den Geist erlenchtende Aufgabe erfüllen wollen, müssen dem Wesen nach zu ihrer traditionellen Auffassung znrückkchren, und die Predigt muß in formvollendeter Sprache wieder eine Deraschah werden; dieser Ausdruck bezeichnet das tiefe Eindringen in den Geist des Schrift- Wortes und die richtige Auslegung desselben. Nebst der Bibel .müssen ans der Fundgrube des Talmud und Midrasch Geistesschätze geholt werden, um sie unter das. Volk zur Belehrung und Erbauung zu streuen. Ick will darum in engem Nahmen den Entwicklungsgang .der jüdischen Predigt bis auf heute skizzkren: Meister Zunz sagt*): Nachdem die gluthvolle Prosetenrede verstummt war, trat die Erklärung und Erläuterung des Gottcswortes, die öffentliche Unterweisung und Belehrung an ihre Stelle. Seit Esra und den Männern der großen Synode gewannen die Vorträge auf der Kanzel oder Rednerbühne an Ausbreitung; Sabbath- und Festvorträge wurden allgemein. SabbathFeier..'und Sabbath-Predigt erscheint gewissermaßen identisch. In den Evangelien wird der in den Synagogen von Juden und Galiläern gehaltenen Sabbath Predigten, gedacht, und die Apostelgeschichte meldet von Vorträgen in den verschiedenen Synagogen. Aber nicht allein in Synagogen und Lehrstätten, an Sabbath», Fest׳ und Fasttageu, auch bei sreüdigen und traurigen Lebens- *) In seinen gottesdienstlichen Borträgen. abschnittcn, bei Geburt, Tod und Hochzeit, wurden geeignete Vorträge gehalten. Im Laufe der Jahrhunderte erlitt das Institut der Predigt hie und da wohl einzelne Störungen, gieng aber nie ganz unter. Die Predigt gewann vielmehr von Zeit zu Zeit an Blüthe, nicht allein in Palästina, Syrien und Babel, sondern auch in Griechenland und. Italien, Spanien und Frankreich, und zwar nicht selten, in der Landessprache. Lange vor dem Aufblühen der christlichen Bei cdtsamkeit hatten die religiösen Vorträge der Inden die klassischen Formen Gricch.׳nlands sich zu eigen gemacht. Der für die Interessen seines Glaubensgenossen erglühte philosophisch gebildete Philo hielt griechische Vorträge, die Juden in den griechischen Orten Asiens und Europas hörten die Sabbath- Vorträge auch später in dieser Sprache, wie die in Rom in d״r lateinischen und in Gallien in der französichen Sprache; überall wurde sie in der dem Publikum wie dem Redner verständlichen Sprache gehalten. AUmälig, und namentlich seit dem 15. Jahrhundert, bildete sich das Vortragswesen bei den Juden zn einer förmlichen, alle theologischen Gebiete umfassende Homiletik aus, es entfaltete sich im Orient, in Italien - und Deutschland eine reiche Litteratur (Dsrasoliotb), welche zum größten Theile in hebräischer Sprache ansgearbeitet und herausgegeben wurde; nur die Rabbiner und Prediger der spanisch portugiesischen Gemeinden in Holland, England und Südsrankreich ließen ihre nicht selten von oratarischer Befähigung zeugenden Produkte in spanischer oder portugiesischer Sprache erscheinen. Ganz anders gestalteten sich die Verhältniße bei den deutschen Juden. Abgeschlossen von Amt״ und Ehrenstellen, von Gewerben, öffentlichen und Bildungsanstalten, waren sie. in der wissenschaftlichen Ausbildung hinter ihren Glaubensbrüdern anderer Länder zurückgeblieben. Die Absperrung und der Druck von Außen hatte sie arm ihre. Sprache gebracht. Die meisten deutschen Gemeinden, sagt Meister Zunz. besetzten die Nabbinerstellen mit polnischen Talmudisten, die. sogar zu häuslichen Erziehern genommen wurden und zu der Sprachverwirrung der deutschen Juden nicht wenig beigetragen. Die Köpfe, dem Leben und der wahren Wissenschaft entfremdet, erschöpften ihre übrigens nicht geringen Kräfte in talmudischen Spitzfindigkeiten und abergläubischen Berirrungen der Kabbala, wobei nicht blos die gediegene ältere Litte-