Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 12 (1.5.1893)
- Date
- 1893-05-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6. Vertretung, an deren Spitze-der Bürgermeister Bauer und Cultus- Vorsteher Ros au er. Ersterer hielt eine für den Jubilar sehr schmeichelhafte Ansprache, in welcher er insbesondere seine außerordentliche Pflichttreue, seine Leistungen im Gottesdienste, sein vorzügliches Wirken als Secretär und seinen mackellosen festen Charakter hervorhob und ihm dann als Ehrengeschenk einen präch- Ligen kunstvoll ausgearbeiteten Silberpokal überreichte. Als zweite Deputation beglückwünschten ihn die anwesenden mährischen Amtscollegen unter Führung des Brünner Obercantors Heller, welcher in schönen Worten die Vorzüge des Jubilars als Cultusbeamter hervorhob und gleichzeitig erwähnte, wie wohlthuend es ist, unter den sonst aus dem jüdischen Cttltusbeamtenstande so oft an denselben herantretenden trüben Erfahrungen auch hin und wieder das erquickende Bild eines schönem und edleren Verhältnißes zwischen Gemeinde und Beamten wahrnehmen zu können, das beiden nur zu Lob und Ehre gereicht. Die Deputation übergab hierauf dem Jubilar ein im Roccorostyl ausgearbeitetes prachtvolles Schreibzeug aus Silber zum Jubiläumszeschenk. Hernach kamen der Krankenverein ״Chewra Kadischa" unter Führung des Vorstandes Herrn Lampel, und der Feuerwehrverein unter Führung seines Com- Mandanten, Herrn Gottlob, beglückwünschten denselben in einer längeren Ansprache, in welcher sie die Verdienste des Jubilars hervorhoben, die sich derselbe als langjähriger Schriftführer um die obgenannten Vereine erworben, und jeder Verein überreichte eine sehr hübsch ausgestattete Adresse. Die beiden Tempelvorsteher schenkten dem Jubilar einen wunderschönen seidenen Thalis mit großer Goldborte. Außerdem erhielt derselbe von Nah und Fern viele Geschenke, Begrüßungstelegramme und Gratulationsschreiben. Am Abende versammelte man sich zu einem von der Gemeinde zu Ehren des Jubilars veranstalteten Festbankette, bei welchem es recht gemüthlich und lustig zugieng. Festreden, Toaste, heitere und ernste Lieder, gesungen von den anwesenden Collegen, würzten das treffliche Mahl. So schloß die schöne Feier, welche dem Jubilar Zeit seines Lebms in schönster Erinnerung bleiben wird. — Nun sei es mir noch gestaltet, eine kurze biographische Skizze des Jubilars zu veröffentlichen. Leopold Stössler wurde im Jahre 1838 zu Bisenz in Mähren geboren. Schon als Knabe wirkte er unter Cantor Liebling und dem berühmten Chonele Chasen als Singerl mit. Im Jahre 1801 war er als Solosopranist bei dem Obercantor Epstein in Prosnitz, wurde dann von dem unvergesslichen Obercantor Friedmann nach Fünfhaus genommen, wo er durch 4 Jahre im Chore mitwirkte und während dieser Zeit die Realschule absolvirte. Ende 1806 kam Stössler als Chordirigent zum Cantor Flamm nach Teschen, verblieb daselbst blos ein Jahr, kehrte wieder nach Fünfhaus zurück, wo er unter Stern und Ottenfeld mitsang. Im Jahre 1809 folgte er einem Rufe als zweiter Cantor und Chordirigent nach Trebitsch, henathete daselbst und verblieb bis zum 1. April 1868 beim Obercantor Simon Beer. Seit dieser Zeit ist er als Cantor und Secretär der israel. Cultusgemeinde Neu-Rausnitz angestellt und versieht diese beiden Aemter zur vollsten Zufriedenheit seiner Gemeinde. Cantor Stössler hat daher nicht nur sein. 25jähriges Amtsjubiläuin als Cantor in ein und derselben Gemeinde gefeiert, sondern er hat auch schon eine 40jährige ununterbrochene Thätigkeit im Dienste Gottes hinter sich. 3. P. Prag. Namens der deutschen Landtagsabgeordneten hat der Abgeordnete Richter den Statthalter wegen der Koliner Ercesse interpellirt. Die Interpellation schidert mit kräftigen Worten die planmäßig eingeleitete Hetze gegen die Juden und die arge Bedrohung ihrer persönlichen Sicherheit und schließt mit folgender Anfrage: In Erwägung, dass dieses traurige Vorkommnis notorisch im Zusammenhange mit einer seit Langem betriebenen Hetze steht, welche gegen eine gesetzlich anerkannte Religionsgenossenschaft aufreizt, in Erwägung dass das Wohlergehen und die Ehre d.S Landes erheischen, der Ausbreitung des Nebels entgegenzutreten und der Wiederholung eines Rechts- und Friedensdruches, wie er sich in Kolin ereignete, vorzubeugen, stellen die Unterzeichneten an Eure Excellenz die Anfrage:'Gedenkt die Regierung im Hinblick auf diesen bedauerlichen Allsbruch künstlich aufgestachelter Leidenschaften, den Ursachen solcher ArtSschreitungLll fortan die schärfste Aufmerksamkeit zuzuwendeu? Gedenkt sie, die ihr zu Gebote stehenden Machtmiltelauf die zu Tage getretene verwerfliche Bewegung in vollem anzuwenden? Beabsichtigt Hr. 12. sie insbesondere, der in Wort und Schrift, in Versammlungen, in Zeitungen und an anderen öffentlichen Stellen betriebenen Verhetzung und Aufreizung mit aller Strenge eiltgegenzutreten und gedenkt sie überhaupt, alle Vorkehrungenzu, treffen, um das Land künftighin vor ähnlichen Ausschreitungen zu bewahreil und den Mitbürgern jüdischer Confession volle Sicherheit zu geben? Wodrnait, 24. April. Aus unserer Cultusgemeinde kommen so selten Berichte in die Oeffentlichkeit, doch soll diesmal eine Ausnahme davon gemacht werden, da derselbe chie Ehrung beweisen soll, die einem wahrhaft frommen gelehrten Rabbi von seiner Gemeinde, von Freunden und Gönnern, die ihn kennen, erwiesen wurde. Samstag den 22. d. M. nämlich feierte der greise Rabbi Schüller sein 25jähriges Jubiläum als Rabbiner der israel Cultusgemeinde Wodnian. Um 10 Uhr Vormittags wurde derselbe von dem Gesammtvorstande der Cultusgemeinde mit dem Vorsteher Herrn W. Brok, dem Präses der Chewra Kadischa Herrn A. Grünberger aus seiner Wohnung abgeholt lind in die von Festgästen dicht besetzte große schöne Synagoge geleitet. Bei seinem Eintritte beganri der Synagogenchor mit Harmoniumbegleiiung Sulzers schönes Ma towu zu singen, dann folgte von demselben Meister das Seh hajom. Cantor nnd NabbinatscandidatA. Stein bestieg die Kanzel und feierte in schwungvollen, begeisterten Worten Josef Schüller als hervorragenden, selten großen Talmudisten, als Priester und Menschen, schilderte ihn als wahrhaften Friedensapostel, als liebenswürdigen Freund. Tief bewegt bestieg alsdann der Jubilar selbst die Kanzel, um mit von Thränen erstickter Stimme Allen zu danken, die das schöne Fest inszenirten und durchgeführt. Er flehte den Segen des HimNlels auf Alle herab. Es folgte dann das große Halleluja von Sülzer und die Volks- Hymne, die von allen Anwesenden begeistert mitgesungen rvurde. Nach beendigtem Gottesdienste kamen Deputationen, so der CultuS- Vorstand, die Chewra Kadischa, die Frauenvereine!nit ihren Präsidenten und Präsidentinen, die Schuljugend mit ihrem Lehrer lind eine große Anzahl von sonstigen Freunden ltnb Verehrern, deren der Jubilar viele zählt. Es wurden auch sinnige Geschenke überreicht. Wir stimmen in den allgemeinen Wunsch ein: Rabbi Josef Schüller möge noch eine große Zahl von Jahren in glücklicher Wirksamkeit beschieden sein. Rabbi Josef Schüller, ein immenser Talmudgelehrter, der jede Stelle dieses großen theologischen Wissens aus dem Gedächtniße zu zitieren weiß, da sein Augenlicht sehr geschwächt, stammt aus Schaffa in Mähren, war viele Jahre in Preßburg auf der Jeschiwa, ftubtrfe daun in Wien unter dem sel. I. N. Mannheimer und wirkt etwa 30 Jahre als Rabbiner in Böhmen. Rühmend müssen wir hier hervvlheben sein mildes Urtheil über die gegenwärtig in Böhmen entstandenen sogenannten neuen Rabbiner, die er, wenn auch nicht gutheißt, doch nicht so irr Bausch und Bogen verdammt, wie dies die anderen Rabbiner, insbesondere die sogenannten Breslauer, thun, denen die Neuen ein Gräuel vor dem Herrn sind. — n Budapest, 26. April. Im ungarischen Abgeordnetenhaus sind heute von der Negierung die beiden Gesetzentwürfe über die Einführung der staatlichen Matrikeln und die Ncception devJuden eingebracht worden. Das letztere Gesetz besteht nur aus zwei Paragraphen mit folgendem Wortlaut:. 1 §״. Die israelitische Religion wird zur gesetzlich recipirten Religion declarirt. § 2. Die Verfügungen der §§ 1 bis 8 des Gesetzartitels 53 vom Jahre 1868, sowie die Bestimmungen des § 14 desselben Gesetzes werden in ihrer Wirksamkeit auf den Uebertritt von der israelitischen Nelson zum christlichen Glauben und umgekehrt auch auf den Uebertritt zur israelitischen Religion ausgedehnt." — Von ter Führung der staatlichen Matrikeln sind zur Verhütung von Collisionen die Seelsorger der einzelnen Confessionen ausgeschlossen, da die confessioncllen Matrikeln auch weiterhin beibehalten bleiben. — Den hochinteressanten und culturhistorisch bedeutsamen Motivenbericht der beiden Gesetzentwürfe werden wir in nächster Nummer nachholeu. Budapest. Der ״Nemzet" meldet aus Nom: Einundvierzig Schüler zweier Budapester Gymnasien waren Unter der Leitung ihrer Professoren beim Papste; unter den Schülern befanden sich sieben Juden. Der Papst fragte den die Schüler׳begleitenden Priester ,33Uni confessionis mosaicae?“ (״Sind sie [bie Schülerj mosaischen Bekenntnißes?") Der Papst sprach sodann mit H?n Oesterreichisch-ungarische (Lantoren-Aeitung.