Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 12 (1.5.1893)
- Date
- 1893-05-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Oesterreichisch-ungarische ^antoren-Aertung. Nr. 12. Serie 4. ihrem Uebermut ungestraft die Zügel schießen zu lassen. Wenn sich die Verhältniße in einigen, namentlich höheren Schulen auch weit besser gestalten, so dürfte doch das oben entworfene Bild, was die Mchrzahl der Volksschulen betrifft, nicht in allzu düsteren Farben gemalt sein. Ganz anderer Art müsste aber der Gesangsunterricht sein, der einen guten Grund für eine wirklich künstlerische und ästhetische Erziehung abgeben sollte. Einige Familien vereinigen sich, um 6 bis höchstens 12 Kinder daran theilnehmen zu lassen. Der Unterricht soll sich in zwei anfangs getrennten, später zusammenlaufenden Linien bewegen: die eine bezeichnet die Entwickelung der Reinheit und des Wohlklanges der Stimme, sowie des geschmackvollen Vortrags; die andere das Ertheilm von Kenntnißen und Fertigkeiten, die zu musikalischer Selbständigkeit führen. Was den erstgenanten Theil des Unterrichtes betrifft, bedarf es nicht weiterer Anweisungen; jeder tüchtige Lehrer wird hier das Richtige wohl zu treffen wissen. Ueber das, was am Gesänge schön und hässlich ist, gibt es keine größeren Meinungsverschiedenheiten. Nur dürfte daran erinnert werden, dass der reine, weiche, rührende Klang eines Kinderchors, welcher durch einen Chor von Erwachsenen nie erreicht werden kann, nur erzeugt wird, wenn die Kinder niemals über p und mf hinaus ihre Stimmkraft steigern. Nur die allertiefsten Töne dürfen mit Bruststimme gesungen werden, und namentlich den Knaben muß eS mergisch verwehrt werden, auch noch höhere Töne mit der Brust hervorzuschreien, wozu sie in der Regel geneigt sind. Zn Bezug auf den anderen Theil des Unterrichtes, das bewusste Singen nach Tonzeichen, mag es dem Verfasser dieses Aufsatzes gestattet sein, einige Anschauungen darzulegen. Er glaubt dazu einige Berechtigung zu haben, weil er den größten Theil seines Lebens der vorliegenden Frage ausschließlich und liebevoll gewidniet Hst und reiche Gelegenheit fand, Erfahrungen zu sammeln und die Anschauungen Anderer kennen zu lernen. Vorerst muß er es als seine feste Ueberzeugung aussprechen, dass der erste Gesangsunterricht den Schülern die Fähigkeit beibriugen muß, ihre Lieder vom Blatte, ohne die Hilfe eines Vorsingens oder Vorspielens, singen zu können; femer, dass dieses Resultat unter gewissen, weiterhin anzuführenden Bedingungen erreichbar ist. Eine Grundlage, auf welcher sich eine rationelle künstlerische Erziehung später fortsetzen lässt, ist ohne Kenntnis der Tonzeichen und dadurch auch des Tonwesens undenkbar. Ohne eine solche wird der Gesangsunterricht einfach nur ein Nachplappern, ein Memorieren von ״eingepaukten" Melodien, wodurch wohl das Gehör und der Geschmack einige Ausbildung erhalten kann, eine bewusste Auffassung der Tonverhältniße, welch« dann künftig eine Weiterausbildung in der Kunst ermöglichen sollte, nimmer erreicht wird. Ohne eine solche Kenntnis wird ein großer Theil der Schüler nicht befähigt werden, eine zweite oder dritte Stimme zu singen: sie haben in den Tonzeichen keinen Anhalt und werden deshalb von der melodieführenden Stimme immer widerstandslos angezogen. Die der Musikschrift unkundigen Schüler werden nur in der Singstunde Musik ausüben können. Im Heim, wo der vorspielende Lehrer fehlt, werden sie höchstens dasselbe nochmals singen, was sie schon auswendig gelernt haben; aber die rechte und größte Freude an der Tonkunst genießt nur derjenige, der sie nicht blos instinktiv, sondern mit vollem Bcwusstsein ausübt. Wir sehen ja aber fast niemals die Kinder der Familie sich vereinigen, um ein neues mehrstimniiges Lied auf eigene Hand einzuüben, und doch kann und muß es dazu kommen. Wir müssen die Ursachen erforschen, die es bisher unmöglich gemacht haben, dieses Ziel zu erreichen, um sie dann zu beseitigen. Offm gestanden ist die Notenschrift in ihrem vollen Umfang für kleine Kinder schwierig zum Erlemen, namentlich wenn sie Lohne Beihilfe eines Instrumentes begriffen werden soll, welches die mü- «sikalischen Thatsachen handgreiflich machen könnte. Die Ursache zu dieser allzu großen Schwierigkeit der Notenschrift ist ihre Weitläufigkeit dem Sänger gegenüber. Diese Schrift entspricht vortrefflich den Anforderungen der Instrumenteaber gerade deshalb muß sie der viel einfacher konstmirten Singstimme gegenüber manche Erleichterungen enthalten. Das Kind, sowie den Sänger aus dem Volke interessiert nur das Verhältnis jedes Tons zu dem Grundton des Liedes; die wirkliche Tonhöhe ist ihnen gleichgiltig. Auswendig singt das Kind ein Lied mit gleicher Leichtigkeit, ob es in C oder Des dur steht. In der Notenschrift aber bekommen in diesen beiden Tonarten gleiche Tonverhältniße ein durchaus verschiedenes Aussehen. Dem Sänger will es nun gar nicht einleuchten, dass die ein klein wenig geänderte Lage notwendig eine ihm so fatale Aenderung in der Bezeichnung mit sich führen muß; die Lage ist ihm ja etwas Nebensächliches; und!in der That ist auch wirklich gar keine zwingende Notwendigkeit dazu vorhanden. Anders ist es mit dem Pianisten; ihm ist es recht Und gut, dass er aus den Noten erfährt, welche schwarze und weiße Tasten er in den den verschiedenen Tonarten anschlagen soll! die Mechanik der Singstimme kennt aber keine schwarze und weiße Tasten. Wenn alle Lieder mit einem und demselben Musikalphabet geschrieben wären, z. B. mit den Zeichen von C dur (Ä mollj, ohne Rücksicht aus die absolute Höhe des Grundtons, dann würte die zu bewältigende Aufgabe so bedeutend vereinfacht sein, dass ihre Lösung gar nicht über die Grenzen der Möglichkeit hiuausgienge. Die Kinder würden dann das Singen nach Noten auf die aller- - musikalischeste Weise erlernen, nämlich alle Töne als Verhältniße zu C (a) auffassen; und weil die Tonleiter nur sieben verschiedene Töne umfasst, wäre der Lehrstoff gewiss nicht allzu schwer zu überwinden. Alle Lieder müssen also für den Anfangsunterricht, wovon hier allein die Rede ist, in C dur!ungeschrieben, aber selbstverstündlich dennoch in der vom Componisten: geforderten Tonhöhe gesungen werden. Auch in der rhythmischen Bezeichnung muß die Vereinfachung stattfinden, dass alles in ׳/!, und a/4 Takt init einfacher Zwei- und Dreitheilung der Viertelnoten umgeschrieben wird. Durch solche Vereinfachungen wird es den Kindern möglich gemacht, das selbständige Singen nach Nisten zu erlernen. An! Schluss des zweijährigen Curses werden sie im Stande sein, ihre einfachen niehrftimmigen Lieder selbst einzuübtn, ohne die Hilfe des Lehrers oder eines Instrumentes zu benöthigdn. Dass dieses nicht eine leere Behauptung ist, beweisen, abgesehen von den׳ persönlichen Erfahrungen des Verfassers, die Erfolge der englischen sogenannten 301-5a-Sänger (f. Helmholtz: Theorie der Tonempsindungen) und der französischen Ziffer-Sänger, welche letztere auch in Deutschland, namentlich in den Rheingegenden, zahlreiche Nachahmer gefunden. Diese beiden, auf den gleichen Prinzipien beruhenden Schulen gehen noch weiter als der obige Vorschlag: sie geben für den Elementarunterricht die Notenschrift gänzlich auf und benutzen dafür sieben Buchstaben oder Ziffern als TonzeicheN, ein Verfahren, das allerdings das radikalste und am schnellsten zum Ziele führende ist. Aber die bisher gemachten Erfahrungen geben nur geringe Aussicht zu einer allgemeinen Annahme dieser Schristsysteme. Ihnen. gegenüber hat die C dur-Notenschrift u. öi den Nachlheil, lass sie die Tonverhältniße auf dreierlei Weise bezeichnet, indem jede der drei zu verwendenden Oktaven anders geschrieben wird, während die Buchstaben- und Zifferschrist immer die gleichen Zeichen, mi PumL oder Strich oben und unten, benutzen können. : ׳. ־,