Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 12 (1.5.1893)
- Date
- 1893-05-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Oesterrerchisch-ungarische Eantoren-Zeitung. Nr. 12. Seite 2. konnte, die Poesie seiner Jugendeindrücke, all' die herrlichen Klänge, die er bei seinen Meisterchasanim gehört nnd bei denen er als trefflicher Meschorer mitgeholfen, wie unnöthigen Ballast über Bord zu werfen und eine fremde, ihm vollständig fern liegende Kunstrichtung ans Herz zu schließen, die ihm bis in die tiefste Seele durchschauern musste. Zuförderst beim Recitativ und freien Vortrag des Cantors. Der Freitagabend-Gottesdienst mit seinem charakteristischen adonoj rnolock-Tongefüge; mit der weihevollen, in dem Jntervallenverhältniße begründeten interessanten Melodie des Abendgebetes; mit der mogen-owaus- und wajchullu-SBeij’e, die wegen ihrer Eigenartigkeit sogar von Operncomponisten verwendet wurde, um dort ähnliche heilige Stimmung zu vermitteln; selbst der haschkiwenu, diese allbeliebte stegestätte altchasanischer Phantasiegebilde — von alldem finden wir bei Abrass nicht einmal eine Reminiszenz. Die Melodie für das Freitag Abendgebet erscheint in freiwillkührlicher Weise erfunden; die charakteristische kleine Septime der adonoj-moloch-^onart, die ja auch beim Ehorsatze interessante Verwendung fände, ist ganz außer Acht gelassen; sogar die im Judeuthume allgemein übliche wajechulüh- und mogsn-onans-Molltonart erscheint eliminirl und in unbegreiflicher Weise durch Our-Tonarten ersetzt. Wir würdigen sicherlich jede subjective Anschauung, wenn dieselbe eine fachmännische Absicht verräth, demnach eine Tendenz zum Untergründe aufweist, doch einer Neuerung, die gedankenlos einer momentanen Hingebung entstammt, können wir uns keineswegs zuneigen. Da nun die letztere Annahme bei Abrass ausgeschlossen erscheint, so wollen wir unsere individuelle Ansicht zurückdrängen und zur Klärung der hochwichtigrn Angelegenheit den Abrass'schen Standpunkt der tendenziellen Arbeit einnehmen. Wir fragen, was würde oder was wäre geschehen, wenn unsere Altvordern die von ihren Vätern ererbten Melodien insgesammt abgelehnt und zu einer radikalen Neugestaltung, resp. Neuschaffung der Gesänge ihre Zuflucht genommen hätten? Zur erschöpfenden Beantwortung dieser Frage auf kurzen! Wege könnnen wir auf den Gottesdienst der Berliner öreformgemeinde Hinweisen, wo der Samstag auf den Sonntag verlegt, wo die Vorschrift des Kopfbedeckens beim Gebete außer Kraft gesetzt und statt der althergebrachten Gesäuge protestantische Choräle und langathmige moderne Nezitative zur Andacht stimmen sollen. Hier ist man gewiss möglichst radikal vorgegangen, und wo sind die Erfolge dieser nun feit Jahrzehnten ein geführten Neugestaltungen? — Nicht eine einzige Synagoge der ganzen großen Welt fühlte sich zur Nachahmung bewogen und, wenn es nicht vor Jahrzehnten einein reichen Mitgliede der Berliner Neformgemeinde eingefallen wäre, sein großes Vermögen dieser Synagoge zuzuwenden, so w re auch diese einzige Reformsynagoge längst von der Tagesfläche verschwunden. Wir können uns hiebei des Vergleiches nicht erwehren, was mit der synagogalen Predigt geschehen wäre, wenn die Herren Rabbiner sich der Anschauung zugeneigt hätten, Vibelcitate und Midraschim zu verwerfen und Aussprüche bedeutender nichtjüdischer Philosophen zu den Thenren ihrer Predigten zu wählen. Die Form mussten wir von Anderen lernen, weil uns im Laufe der vielen Jahr- Hunderte der Bedrückung und Verfolgung der Sinn für Formschönheit abhanden gekommen, aber der Inhalt — doch wozu der weiteren Ausführung? Die allgemeine Rückkehr zur traditionellen Melodie beweist eö ja am deutlichsten, wo die unverfälschte Wahrheit zu suchen sei. (Fortsetzung folgt.) Ei« jüdisches Landesrentrum Mr Mähren. Von L. Riefen selb, Ung.-Brod. Wir haben seit kurzer Zeit ein Neichsgesetz zur Regelung der äußeren Rechtsverhältniße der Israeliten. Bereits werden in den einzelnen Gemeind.n Statuten ausgearbeitet, welche binnen kurzem in Rechtskraft treten werden. Es lässt sich jedoch nicht leugnen, dass fast jede Gemeinde ein anderes Gesicht hat und dass wi ein sehr Zersplittertes Judenthum nach Außen repräsentieren. Die, enormen Nachtheile dieser Situation werden bald dahin drängen, Landesmittelpunkte zu schaffen, und mit der Zeit werden wir auch ein Centrum f. r alle Gemeinden des Reiches erhalten. Sehr interessant ist es, die Vorgänge in Mähren zu beobachten. Hier sind fast alle Bedingungen für ein Landescentrum vorhanden, das p-attische Leben drängt förmlich dazu, und doch hat noch niemand das einzig Nichti e bei!! Namen genannt. Hier ist seit mehr denn 20 Jahren eine Notabeln-Versammlung, zusammengesetzt aus den Delegierten sämmtlicher Gemeinden des Landes," die jährlich einmal iu Brünn zur Berathung Zusammentritt, ein geschäftsführendes Curatorium, das das Jahr hindurch mit den einzelnen Gemeinden des Landes correspondirt; hier ist auch ein Hauptartikel, ein geme nsamer Landesfond, der die Gemeinden vielfach subventioniert und Darlehen verleiht; endlich besteht, wie eins Säule hervorragend aus altem, verfallenen Gemäuer, das Landes- Nabbinat, isoliert, ohne gesetzlich fixierte Competenzgrenzen. Das sind die Bausteine, die der kundigen Hand des Meisters harren, um zum Ruhmestempel für die mährische Judenheit verwendet zu werden. Ob ein solcher Bau nöthig ist? Wie oben bei׳, erkt, werden oder wurden bereits Gemeindestatuten ausgearbeitet, welche zur Genehmigung den Behörden unterbreitet werden. Diese Statuten enthalten Bestimmungen über die Rechtsverhältniße der 'Rabbiner in den Gemeiden. Die Rabbiner sehen, dass sie isoliert mit wenig Macht auftreten können. Sie fühlen, dass vereinte Kraft ihnen eine bessere Position verschaffen würbe. Sie sind auch bereits vor einigen Monaten in Brünn zusammengekommen und — haben nichts Brauchbares ersonnen. Die ehrwürdigen Herren, die meine Aufsätze ü er die Stellung des Rabbiners, die ich in verschiedenen jüdischen Zeitschriften geschrieben, gewiss noch im Gedächtniße haben werden, wissen, dass ich es ehrlich meine, und wenn ich ein offenes Work rede, so glaube ich, dass es nützlich sein soll. Warum trachten die Rabbiner nicht, in diöciplinarer Hinsicht ein anderes Forum als die Localgemeinden, in denen sie fungieren, zu erhalten? Mir schweben die mährischen Schulverhältniße vor, und ich denke, was dem Lehrer gut gethan, kann dem Rabbiner nicht schlecht bekommen. Früher, vor 20 Jahren, war in vielen mährischen Schulen Zank, und Hader, ein großer Theil der Lehrer galt als zänkisch, unverträglich. Da erschien ein Gesetz und übernahm die jüdischen Schulen in die Landesverwaltung. In diöciplinarer Hinsicht verblieb den Gemeinden die Anklage gegen pflichtwidriges Verhalten der Lehrer, dem k. k. Bezirks-Schulrathe wurde die Untersuchung der Klage überwiesen, und dem Landesschulrathe wurde das Urtheil und dessen Vollziehung zugetheilt. Seitdem sind diese Schulen außerordentlich gediehen, die Lehrer sind charaktervoll und empfindlich geworden, sehen es als Ehrensache an, geachtet in der Gemeinde zu werden, die Schulen sind Gegenstand der zärtlichen Fürsorge der Gemeinden und von einer Bestrafung eines jüdischen Lehrers hört inan in Mhren sehr selten.