Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 11 (15.4.1893)
- Date
- 1893-04-15
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Desterreichisch-uttgc,rische Lantoren-Zeituilg, nr. 11. Serie 4. ift dic Gesinnung der Canaille. Er ist wie eine schauerliche Epidemie, wie dic Cholera — man kann ihn weder erklären noch Heilert. Man muß geduldig warten, bis sich das Gift von selber oustobt und seine Kraft verliert. Und das kann doch jetzt nicht mehr so fern sein. Endlich muß sich die Pest ja doch einmal erschöpfen, und über Ählwardt hinaus, noch weiter, kann sie doch nicht mehr steigen. Vielleicht kommt jetzt langsam die Wendling zur allmäligen Besserung, Befreiung und Gesundung. Vielleicht verschwindet der Wahn, der so viele Gemüther bethört und unsere ganze Enlttir um 100 Jahre zurückgeworfen hat. Aber alle Gründe und die besten Argumente helfen da nichts. Wer Gründen und Argumenten zugänglich ist,. der kann ja überhaupt gar nicht Antisemit sein. Wer aber nur seinem wilden Hasse gegen Bildung, Freiheit und Menschlichkeit folgt, den werden Beweise nicht bekehren. Der Antisemiriomus ist nicht zu widerlegen, wie keine Krankheit zu widerlegen ist. Man muß geduldig warten, bis die im Grunde doch gesunde Natur des Volkes sich von selber aufrasft und den faulen Stoff aus sich'wirft. Freilich kann man die Gesundung vielleicht beschleunigen und fördern, wenn man ihr die Unterstützung moralischer Kräfte gewährt. Und da habe ich lange schon einen Gedanken, der mir wirksamer als Ihre Enquete erscheint. Was soll man Jbnen Neues gegen den Antisemitismus sagen? Und wenn man etwas fände, was würde es nützen? Alle Mittel der Vernunft wirken da nichts, aber das Gewicht großer Namen, die Autorilät würde vielleicht wirken. Den Einzelnen hört man gar nicht an, aber eine internationale Erklärung könnte sich doch Achtung erzwingen. Wenn matt einett kurzen Protest gegen deti Antisemitismus verfassen würde, der in ein paar Sätzen die bekannten Gründe wiederholte und von allen irgendwie bedeutenden Männern Europas unterschrieben wäre, ob sie nun zur Wissenschaft; oder zur Kunst oder zur Politik, gehören, von den geistigen Edelleinen aller Länder und Völker — das, denke ich,׳ könnte seine Wirkung nicht verfehlen. Da wäre ich mit voller Begeisterung dabei. Gerade Sie, als Oesterreicher, könnten es mit׳ Erfolg .beginnen: Sie baben ja das Glück, eine unverdorbene, an Gesinnung und Sitten vornehme Aristokratie zu besitzen, welche ihren Namen verdient und ihre Traditionen ehrt tind allen Versuchungen des Antisemitismus tapfer widerstanden, ja nicht gezögert hat, sich in das erste Treffen des großen Kampfes für die Freiheit zu stellen. Sie könnten so füdiesen Protest manchen stolzen Namen gewinnen, von dem niemals seit Jahrhunderten der Ruhm gewichen ist. Das brächte am Ende vielleicht dcch einen oder den anderen zur Besinnung, und wenigstens wäre tmsere Ehre vor den Enkeln gerettet, wenn wir ihnen ein Deeument lassen könnten, das alle Guten aller Völker im Bunde gegen die schimpfliche Krankheit der ^eit zeigt." Das Moschol. 1 kl IUI ׳Bedeutung und Anwendung in biblischen nnd nachbiblischen Schriften. XXXII. Der Neid und die Lüsternheit. Beide Laster sind verwerstich Gegenseitig sich verderblich. Die Lüsternbeit und der Neid, die Eine hasst den Andern, kamen einmal in Streit. Sie empörten sich beide gegen den Schöpfer. Die Lüstelnbeit sprach: Die Handlungsweise des Schöpfers ist höchst tadclnswcrth, der Eine wird erhöht, der Andere erniedrigt. Warum bin ich so arm, kann mein Gelüste nicht nach Wunsch befriedigen, und mein Feind, mein Nachbar, der Neid, besitzt Alles, was die Lust befriedigen kann. Da antwortete der Neid hasserfüllt :-Gott wird deine Stimme nicht hören, deinen Lasterreden sich nicht zmbenden. Dich reich machen, könnte ich nicht überleben, dass du mir gleich sein sollst. Als sie so stritten, gesellte sich ein Engel Gottes zu ihnen und sprach: Was streitet ibr, was wollet ihr,eigentlich, ihr empört euch gegen Gott, o! er ist so. gut, er erfüllt Jedem seine Wünsche, fordert nur, er wird ׳ euch gewahren. Was der Eine verlangt, wird der Andere doppelt erhalten. Sie sprachen: Wir sind deine Diener und du unser Herr, , möge deine Gnade sich weiter, über uns erstrecken, du hast uns Trost gebracht. Als sie so sprachen, verschwand der.Engel, denn er war wirklich ein Bote Gottes. Da sprach die Lüsternheit - zum Neid, fordere du zneist, ich räume dir den Vorzug ein. Darauf entgegnete der Neid: Wie kann ich etwas verlangen, und wenn noch so groß, du wirst dann das Doppelte erhalten und mich übertreffen. Da sprach die Lüsternheit: Beneidest du mich so wähle etwas, was nicht zu übertresseu ist, du bist ja ohnehin schon reich genug, wozu dieser übertriebene Neid. Aber der Neid bestand hartnäckig darauf, die Lüsternheit trage zuerst vor ihr Begehr, damit Gott dem Neid ein doppeltes bescheer. Da erzürnte die Lüsternheit sehr, schlug den Neid mit ihrer ganzen Kraft zll Boden, bewarf ihn mit Steinen, schlug ihn erbärmlich nieder: denn die Lüsternheit ist noch stärker als der Neid. Sie׳ sprach zornentbrannt, wenn du nicht erst wünschest, so tödte ich dich. Als der Neid sich in solcher'Gefahr sah, gab er nach und sprach: Lass ab, mein Herr, ich ergebe mich, ich werde zuerst ׳fordern,׳.-möge Gott das doppelte dir gewähren. Nacherfüllt betete der Neid: , Ich wünsche auf einen! Auge zu erblinden, , Mein Gefährte soll das doppelte finden.׳ Mir soll eine Hand fehlen, Mein Gefährte soll das doppelte wählen. Ein Fuß werde mir genominen, Mein Feind soll das doppelte bekommen. Kaum batte der -)leid geschlossen, da entstand Plötzlich eine dichte Finsternis, und der Wunsch gieng in Erfüllung. Beid wurden verkrüpplt an Händen und Füßen, die Lüsternheit erhielt einen zweifachen Antheil. Sie wollte sich dem Neide zuwenden, aber blind aus beiden Augen, ohne Hände und Füße wünschte sie sich den Tod. 'Nun war Friede zwischen den Beiden, die Lüsternheit hatte mehr keine Begierde und der entstellte Neid sah Niemanden mehr mit scheelen Augen an. Die Moral -. Möge dein Hei; nickt beneiden die Sünder — vor Lüsternheit sich hüten Israels Kinder. — Gottesfurcht erfülle dein Herz — die Worte am Sinai stillen jeden Schmerz. — Unschuldig, wie ein Lamm — sei Israels Stamm. — Gott erhaben Oben und Hiernieden — segne sein Volk mit Seelenfrieden! Das ist das LZ. Moschol des Berachja Natronai, es bildet den Schluß. Wir baben diese Fabel, die sehr umfangreich ist, nur im Auszuge, dem Inhalte, nach gegeben, jedoch meist wortgetreu übersetzt und wenden uns jetzt zur fünften, und letzten Abtheilung. V. Das Moschol in Anwendung der j üd. Drascha h. Die alle Draschah, welche die moderne Predigt verdrängt bat, bestand eigentlich aus drei Abschnitten: ״Drusch" war ein Gemisch von Agava und Halacha, ein geistiges Kunstproduct-, das als Einleitung diente. Daran schloß sich ein halachischer Vortrag ״Charifus", an diesem betheiligten sich nur die Lamdonim, die Schriftgelehrten, Bachurim, Talmudjünger; da gieng es oft sehr heiß zu, wie ül einer Schlacht, oder sagen wir, wie in unserem Par-