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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1893-04-15 · Heft 11 (15.4.1893) · p. Seite 3

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
13 (1893)
Issue
Heft 11 (15.4.1893)
Date
1893-04-15
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 11. Vesterreichisch-ungarische Lantoren-Zettung. Sette 3. stützung Ew. Ercellenz werden lheilhaftig werden. Wir wollen, wie gesagt, aus diesem Anlasse blos unseren Dank ausdrücken dafür, dass Ew. Ercellenz für die Gleichberechtigung unserer Confession entschieden Stellung genommen haben. Wir beruhigen uns dabei, dass die Weisheit der hoben ׳Negierung den geeigneten Zeitpunkt bestimmen wird, in welchem die auf religionspolitischem Gebiete in Aussicht gestellten Gesetzentwürfe werden eingereicht und verhandelt werden können. Wollen daher Ew. Ercellenz es unsererseits nicht als Urgenz ansehen, wenn wir uns gleichwohl erlauben, der Hoffnung Ausdruck zu geben, dass der Gesetzentwurf ״über die israelitische Religion" noch vor den Sommerferien dem Abgeordneten- Hause vorgelegt werden wird, da ja dieser unsere Confession interessirende Gesetzentwurf, wie verlautet, besonders und früher verhandelt werden könnte, als jener, der die freie Religionsübung regeln soll. Es erübrigt uns nur noch, die Vorsehung zu bitten, sie möge Ew. Ercellenz Kraft zur Verwirklichung Ihres religionspolitischen Programms leihen und sie lasse Ew. Ercellenz nach der Schaffung dieser hochwichtigen Gesetze in Freude ob der wohlthatigen Folgen derselben noch lange glücklich leben." Stürmische Eljenrufe folgten dieser Rede, welche Minister Graf Csäky folgendermaßen beantwortete: ״Meine geehrten Herren! Empfangen sie meinen wärmsten Dank für Ihr freundliches Erscheinen: sehe ich ja doch in demselben einen Beweis dessen, dass Sie Vertrauen hegen zu meiner Person, beziehungsweise ju meinem Vorgehen. (Zustimmung.) Ich hoffe, dass Sie sich in diesem Vertrauen nicht getäuscht haben werden, denn meinerseits entschließe ich mich nicht leicht zu einem wichtigen Schritte, doch habe ich mich dazu entschlossen, habe ich die Situation erkannt, habe ich inich von der Nothwendigkeit einer Verfügung üherzeugt, dann pflege ich nicht mehr zu wanken noch zu weichen. (Eljenrufe.) Ich weiß nicht, was die Zukunft in ihrem Schoße birgt: Kein.r von uns kann bestimmen, wohin seine Eontemplationen, seine Entschlüsse, seine Ansichten führen werden, oder ob ׳denselben ein Erfolg bevorsteht. Doch vertraue ich in die Gerechtigkeit meiner Sache, in die Reinheit meiner Ueberzeugung und in die Kraft meines Willens. (Eljenrufe.) Ich bin überzeugt, dass unser kirchenpolitisches Programm, was für Hinderniße bei der Durchführung desselben auch dazwischenkommen mögen, von der Tagesordnung nicht mehr verschwinden wird. Was den speciellen konkreten Fall anbelangt, nehme ich Ihre Erklärung mit Dank an, dass Sie nicht drängend auftreten. Dies beweist nur, dass Sie Vertrauen zur Negierunghaben: die Regierung weiß auch am besten, wann sie mit diesen Vorlagen hervortreten kann. Jetzt kann ich nur noch hinzufügen, dass all das, was ich über die Reception der jüdischen Religion im vorigen Jahre in der Gesetzgebung und anderswo gesagt habe, auch heute unverändert aufrechtsteht und dass keinerlei Abweichung von diesen meinen Erklärnngen sich ergeben hat, doch ist auch gar keine ׳Nothwendigkeit, von denselben abzuweichen, vorhanden. Ich hoffe daher, dass die Gesetzgebung sich nicht in ferner, sondern in naher Zukunft mit diesen Vorlagen beschäftigen wird. Behalten Sie mich auch bis dahin in freundlichem Angedenken. (Begeisterte Eljenrufe.) Die Mitglieder der Deputation, mit denen der Minister freundliche Worte und Händedrücke gewechselt, entfernten sich Hierauf in gehobener Stimmung. Theodor Mommsen «der den Antisemitismus. In der ״Deutschen Zeitung" erscheint eine Interview-Serie ״ Der A n t i se m i t i s m u s" von Hermann Bahr, welche die Stellung hervorragender Männer der Politik, Wissenschaft und Kunst in den verschiedenen Ländern Europas zu dieser Frage behandelt. Nach dem Schriftsteller Friedrich Spiel Hagen und den Reichsrathsabgeordneten Theodor Barth und August Bebel ist nunmehr der berühmte 'Professor Mommsen zum ׳ Worte gelangt, dessen Anschauungen über die modernste Krankheit des ‘ 19. Jahrhunderts die weiteste Verbreitung verdienen. Der Interviewer lässt sich über seinen Besuch bei dem hervorragenden deutschen Geschichtsforscher folgendermaßen vernehmen: In Charlottenburg draußen, hinter Hellen Gärten versteckt, da träumt die Marchstraße still vor sich: kaum dass es einmal leise aus den Glocken der Pferdebahn von drüben her verklingt. Da ist sein nachdenkliches enges Häuschen, das sich scheu von den anderen weg ein wenig seitwärts drückt. Ich werde in einen kleinen Salon geführt. Schwere, ernste, dunkle Möbel: milde, tiefe Farben; nirgends Tand. Eine feierliche . Freude kommt entgegen — wie wenn man in die Galerie des Grafen Schack tritt. Eine schöne volle Copie nach Tizian und rings in Stichen die edelsten Wunder der Italiener, vom hageren Adel der Prärafaeliten aufwärts und die klugen, wunderlichen, herb verführerischen Frauen des Leonardo und die reife Gnade der Tizian'schen Bella. So wandelt Schönheit hier vom ersten Wunsch zur reichlichsten Erfüllung. Das Alter beugt ihn, und wie er sich mühsam schleppt, ein bischen unbeholfen und steif, von einer gezierten Höflichkeit, die aus der Mode ist, mit einer verlegenen und rathlosen Güte in den zaudernden Gesten, das gibt ein unsäglich rührendes Bild. Der schlaffe Leib ist in einen tiefen schwarzen Rock, der sich mit weiten Falten bauscht, und das morsche Haupt in den Hellen Schein versunken, den der lichte Kranz der weißen Locken gibt. Ein Schädel, der an Voltaire gemahnt, mit der langen, scharfen, spitzen Nase, den erloschenen und verblichenen Wangen wie in Bronze, und den dürren,, fahlen, ohne Rast veränderlichen Lippen, die auf hämischen Spott zu lauern scheinen. So könnte das verdorrte, schiefe, runzelige, gravitätische und zerzauste Männchen wohl an so einen Professor der ״Fliegenden Blätter" von der Laune Oberländer's erinnern, und man möchte lächeln. Aber wenn er dann den Kopf hebt und dem Gaste seinen Blick gibt, da ist in den blauen Augen hinter der schmalen goldenen Brille ein solcher Zauber von Macht und Güte, dass man sich neigen muß. Er setzt sich und verharrt, wie er spricht, unbeweglich und starr. Nur die langen, schmalen und verschrumpften Finger rasten nicht, indem er die Hand bald an die Stirne presst, bald über die langen Strähne streift, bald unter das morsche Kinn schiebt und immer in zitterigen Griffen über seinen stillen Körper irren lässt, der sich nicht regt. Er spricht ganz leise, zischelt ein wenig und hat eine seltsame Art, gern die Lippen zu schnalzen und mit der Zunge über sie zu wischen, wenn wieder ein paar Worte gesagt sind. Ich bringe meinen Wunsch vor, und warum wir gerade auf sein Wort sehr vertrauen, dass es wirken und helfen und reinigen wird. Er lächelt traurig. ״Sie täuschen sich, wenn Sie glauben, dass ich da was richten kann. Sie täuschen sich, wenn Sie glauben, dass man da überhaupt mit Vernunft etwas machen kann. Ich habe das früher auch gemeint und immer und immer wieder gegen die ungeheure Schmach protestirt, welche Antisemitismus heißt. Aber es nützt nichts. Es ist Alles umsonst. Was ich Ihnen sagen könnte, was man überhaupt in dieser Sache sagen kann, das sind doch immer nur Gründe, logische und sittliche Argumente. Darauf hört doch kein Antisemit. Die hören nur auf den eigenen Hass und den eigenen ׳Neid, auf die schändlichsten Jnstincte. Alles Andere ist ihnen gleich. Gegen Vernunft, Recht und Sitte sind sie taub. Man kann nicht auf sie ipsrken. Was soll man auch Einem sagen, der dem ״Rector aller Deutschen" folgt? Der ist nicht mehr zu retten. Gegen den Pöbel ^iht es keinen Schutz — ob es nun der Pöbel auf der Straße ödes der Pöbel im Salon ist, das macht keinen Unterschied: Canaille bleibt Canaille, und der Antisemitismus

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