Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 10 (1.4.1893)
- Date
- 1893-04-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Aeitung. Nr. 10. Josef V. Sladek nun, einer der besten lyrischen Dichter! Böhmens, ein vorzüglicher Kenner der englischen Sprache und! Litteratur, der im Lande der Freiheit Jahre lang gelebt hat, und des großen englischen Dichters Byron Hebräische Melodien (Hebrexv Melodies) in ein klassisches Böhmisch übertragen hat, lässt nicht mit Unrecht vermuthen, dass die Bibel von nachhaltigem Einflüsse auf ihn gewesen ist. Und wenn auch die Stellen, die wir seinen Dichtungen entnehmen, nicht gerade sehr zahlreich sind, so kommt es bekanntlich nicht auf die Menge, sondern auf die Art der Entlehnungen an. Hier ganz besonders gilt das Wort: Non numerando. sed ponderando. ■ . Wir wollen nun einige treffende Beispiele herausheben, welche von dem Einflüsse der Bibel auf die neueren Dichtungen des genannten Autors zeugen, um bei günstiger Gelegenheit sämmtliche Werke Sladek's auch nach dieser Richtung hin zu unterziehen. Diese Beispiele schöpfen wir aus den Sammlungen: Bauernlieder (selke pisne) 1890. Allerlei (Smejska) 1891 und Böhmische Lieder (deske pisne) 1892. Der Vers ״jede Seele preise den Herrn (Allerld p. 58) ist die genaue Uebersetzung des Psalmenverses ״kol han’schomoh tehallel Jo“, ׳»el$er den Schluss der Psalmen bildet, wo der königliche Dichter das ganze Weltall in Liebe umfasst und es auffordert, die allwaltende Liebe Gottes in millionenfache Hallelujah dankend' widerhallen zu lassen. Auch hier gilt das alte römische Wort: simplex veri sigillnm (das Einfache ist das Siegel des Wahren). Eine größere Anzahl von Stellen, welche die große Belesenheit des Dichters in der Bibel und dessen Vorliebe zum Bibelstudium bekunden, liefert die Sammlung der Bauernlieder. In'dem Verse (daselbst p. 40): ״Es sind gezählt ihre Jahre" erkennen wir den Psalmvers (90 12). Selbstverständlich ist hier die Zählung der Tage sinnbildlich zu nehmen, auch dass wir feinen Tag verlieren, und am Schluffe unseres Lebens nicht ausrufen wie der römische Kaiser Titus, von seinen Zeitgenossen amor et deliciae generis humani genannt, reumütig, nachdem u einen Tag keine Wohlthaten ausgeübt, rief: ^mici dien! perdidi. Einen ähnlichen Gedanken drücken die Verse (p. 45): ״Es ist gezählt die'Reihe meiner Tage, und es ist Zeit, von hier zu gehen" aus, die an die Bibelverse (Ps. 39 v. 6 und Hiob 14 o) auklhigen. Die Verse: ״Geschlechter sind da und schwinden, und neue Zeiten fliehen (daselbst p. 49) ״Geschlechter kommen und schwinden" (daselbst p. 40) drücken wiederum den Gedanken aus, den wir im Prediger 1 4 finden in den Worten: dor holech wedor bo. Der Vers, ״Wie sind wir dem Staube gleich" (p. 47) ist dem Psalm 144, 4 entnommen, wo es heißt Odom lahewel dömoh. Da wir dem Staube und dem wankendem Halme (Ps. 35 5 und Hiob 21 18) gleich sind, ist es kein Wunder, dass sie uns gebrochen haben, wie der Wind das Rohr bricht." Das Rohr ,und der Halm sind oft in der Bibel als Symbol der Schwäche, die einer mächtigeren Kraft unterliegen muß, wie dies aus den Worten (Ps. 90, 5, 83, 14 und Hiob 21 18) hervorgeht. ״Schwach sind wir, wie der Halm vor fcem mögen wir doch, nach Hilfe strebend nicht vergebens ausrufen: Wo ist unser Heil, Schild und unsere Erlösung (p. 58). Diese Worte finden wir im Ps. 144 2 Chadi umzodossi missgabi umfaltili mogini uwau chosissi und I. B. M. 15,1 onauchi mögen loch. Gott ist unser Schild, unser Hort und deshalb sollen wir auf ihn vertrauen. Dazu fordert auch Sladek sein Volk auf, im. festen Glauben begriffen, dass das Vertrauen auf Gott und dessen Beistand seinen Brüdern zu!n Heile sein wird. Er sagt: ״Liebet das Land, liebet Euch alle untereinander, denn Liebe ist alles, sie besiegt alle (p. 67). Dass die Liebe mächtiger ist als alles andere sagt auch der weise Prediger (8 6), denn Liebe ist mächtiger als der Tod selbst. Wenn man auf Gott vertraut und die Brüder und das Vaterland mit reiner Liebe umfasst, dann ist es nur es nur eitles Jagen und Haschen nach Schattengebilden, wenn man von anderswo als voll dem Ewigen Trost, Hilfe und Beistand erwartet. Sladek sagt (p. 64) Wir wollen anfstehen und uns niederlegen in Freudeil uns in Trauer, gehütet von Gott, der alles hütet. Unwillkürlich erinnern wir uils bei diesen Worten an die Verle (Ps. 124 v. 4—8) hineh lau jonum welau jischon sc Immer jisroel — adonai jischmor aff. Nun bleibt uns nochübrig, Beispiele ans der Sammlung der ״Böhmischen Lieder" mizuführen. p. 5 lesen wir: Hier thronte Wenzel, der Fürst des Friedens, herrschte Ottokar, der böhmische Löwe. Den Ausdruck ״Fürst des Friedens" gebraucht der Prophet Jesaia (,,sar scholaum"). Der Lew: ist da B.lo voll körperlicher Stärke und Tapferkeit, in welchem Sinne dieses Epirheton schon in der Genesis gebraucht wird. Inda, dem Sohne Jakobs wird nämlich das Attribut ״Löwe" beigelegt. Dieseilr Stainme eiltstammten die Könige Israels unb dem neuen Testamente zufolge ist auch Christus aus dem Stamme Juda und wird ihm in der That schon von den ältesten Kircheilväterli das Ephiteton ornans ״der Lowe" beigelegt, und daher ist der Name auf die katholischen Könige und sinnbildlich auch m Das Wappen übergeg-ingen. In den letzten- Versen eines Gedichtes auf p. 6 wünscht der Dichter, der Friede möge sich niederlassen über seinem Vaterlande, wie der königliche Dichter der herrlichen Psalmen (122 6—8) Frieden für seine Brüder und Frieden für Jerusalem erfleht. Eemaan achai wereai adabroh noh scholaum loch. P. 7 schließen die Strophen des Gedichtes ״der achte November" (der Erinnerungstag an die Schlacht am Weißen Berge) mit dem Refrain: ״Jedoch das Herz, das Herz ist eingedenk." Die böhmischen Heere sind gefallen, und es scheint, als ob der Ruhm Böhmens einschlafen wollte, aber das Herz, das von Voterlandslibe erfüllte Herz ist wach und eiirgedenk der ruhmvollen Vergangenheit. Hohelied 5, 2 ans jeschenoh w.elibbi er. Seite 10 beginnt ein Gedicht mit den Versen: ״O die Sonne wird wieder aufgehen, wo sie einst untergieng", welche fast . identisch .sind mit den Worten des Predigers (1 5) wesorach haschemesch uwo haschemesch. Weiter ruft der Dichter (p. 11): ״Wir sind nicht allein im Kampfe für das Recht und für die Wahrheit, denn ״Gott ist mit uns." Gott ist mit all' denen, welche ihn in ihrer Bedrängnis um Hilfe anflehen, und alle, welche sich gegerl diese rüsten, müssen unterliegen, wie es heißt (jesaia 8, 9—10.) Die ganze Sammlung der Bömischen Lieder schließt mit einem ״Gebet", das mit den Versen ״Großer Gott, Gott aller" eingeleitet ist, und mit den Versen, ״Großer, mächtiger Gott, der du im Frieden im Schwertgeklirr über Sieg und Segen entscheidest" an die Bibelworte (5 B. M. 32. 41—43.) hoel hagodaul hagibbaur wehanauroh ., . adonai isch milchomoh anklingt und endlich mir der Bitte schließt: ״Stärke uns im Kampfe, segne den Fleiß, sei uns ein Schild und in schwerer Zeit verbrüdere alle treuen Böhmen!" Ähnlich lesen wir Richter 16. 28., man vergleiche auch den Psalmvers ki schemesch umogen adonai zeboauth. Denn wenn Gott im Kampfe dem Krieger beisteht, dann, um mit Sladeck zu sprechen: Haucht der Held und weht mit