Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 10 (1.4.1893)
- Date
- 1893-04-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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u H H H H M Ä N U M -H IM Nr. 10. Dann warf Professor W a r h a n e k die ersten Schollen auf j den Sarg des Freiheitsmannes. Tief ergriffen verließen die Theil- J nehmer an der erhebenden Feier den Friedhof. Gin Tranergattesdienst ohne Cantor. Prag, 23. Mär; 1893. Vor ungefähr einem Jahre lasen wir in diesem geschätzten Blatte einen Bericht über eine hier im großen Tempel, Geistgasse, abgehaltene 50jährige Jubiläumsfeier des ״Nächstenliebe-Vereines", wobei der Cantor, der doch bei Abhaltung solcher imb ähnlicher Veranstaltungen, insbesondere wenn selbe in einem Gotteshause stattfinden, unstreitig als erste hiezu berufene Person zu betrachten ist, ausgeschlossen wurde. Ich bin nicht mehr im Besitze jenes Blattes, welchem den angeführten Bericht enthält, jedoch wenn mich mein Gedächtnis nicht im Stiche lässt, hat die löbliche Redaction diese? geschätzten Blattes seinerzeit dieses Vorgehen seitens der Vorstände wie des Chormeisters gebührend gerügt, wofür sie nicht nur den Dank des Cantorenstandes, sondern auch den Dank aller ehrlich denkenden und von Wahrheit beseelten Menschen verdient. Leider aber ist diese Intervention der löblichen Redaction ohne Erfolg geblieben, wie folgender Act beweist: Der Vorstand des ״Kreuzer-Vereines zur Unterstützung israel. Waisenmädchen im Königreiche Böhmen" veranstaltete Sonntag, den 19. d. M., um 12 Uhr Mittags in demselben israelitischen großen Tempel in der Geistgasse einen sogenannten ״solennen Trauergottesdienst" mit einer ״Gedächtnisfeier" zum ehrenden Andenken an die verstorbenen Stifter, Gründer und Mitglieder dieses Vereines, wobei zu unser Aller Staunen der Cantor als der eigentliche gottesdienstliche Functionär, ohne welchen ein Gottesdienst überhaupt nicht denkbar ist, abermals vermisst wurde. Der Altar, allwo der Cantor in Ausübung seines Amtes die Gebete zu Gott emporsendet, war statt dessen mit Traueremblemen und erotischen Gewächsen geschmückt) und viele Candelaber, mit brennenden Kerzen versehen, füllten den übrigen Raum aus, damit das Fehlen des Functionärs nicht so sehr auffalle. Mit dem Bibeltexte Deuteron), cap. IV. V. 12 wird das Bild der Feier sehr treffend geschildert: "״קול דברים אתם שומעים Ihr höret wohl verne'hmliche Gesänge von ״Mendelsohn," ״Beethoven" und ״D. Rubin" "לתמונה אניכם רלאים דלתי קלל" wurdet aber außer dem Schalle keine Gestalt gewahr." Es ist höchst bedauerlich, wie sehr der jüdisch-religiöse Sinn und die jüdisch-religiöse Sitte bei öffentlichen Gelegenheiten verpönt wird. Bei allen Neuerungen, bei allen Einrichtungen ist man in erster Reihe bestrebt. Allem einen modernen Anstrich zu verleihen, und in den meisten Fällen wird der ״Moderne Geschmack" so weit ausgedehnt, dass der jüdische Nahmen willkürlich oder unwillkürlich überschritten wird. Der Gegenstand wird dem religiösen Boden entrückt und statt 'dessen ihm eine von fremde Basis unterschoben. Unwillkürlich erinnern wir uns an die Worte; מהרםיך״ ומחריביך ממך יצאל Jesajah Cap. XLIX V. 17. Deinen Ruin Israel in der Zeit des heiligen Tempels hast Du Dir selbst herauf beschworen, und ebenso holst Du Dir jetzt Deine Verfolgungen herbei. Die Antisemiten werden von Dir großgezogen und Dü merkst es nicht. Doch kehren wir zu unserer Feier zurück. Um derselben dennoch einen jüdischen Anstrich zu verleihen, enthielt das Programm zum Schluffe auch das rituelle Trauergebet ׳קדיש welches statt Seite 8. des Cantorü vom Herrn Rabbiner Dr. Gelbhaus gesprochen wurde. Man erwartete, Herr Dr. Gelbhaus werde das קדיש Gebet mit dem Bemerken abweisen, dass es nicht seine, sondern ausschließlich des Cantors Funktion ist: allein diese Cr Wartung hat sich leider nicht erfüllt. Wahrlich, weiland Professor Kämpf ל"! hätte nicht so gehandelt. Er hat stets Functionen, die die cantorale Sphärr berührten, dankend abgelehnt. Zum Schluffe angelangt, habe ich noch zu bemerken, dass die Ausschließung des Cantors bei solchen Feierlichkeiten theilwcise auch Herrn Rubin zur Last gelegt wird, denn jeder Gottesdienst, aus dessen Programm die cantorale Function eliminirt ist, wird, wie allgemein heißt, vom Herrn Chormeister inscenirt. En kaul anaus gewuroh, ween kaul anaus chaluschoh kaul anaus onauchi schaumea. (Ex. 22, 18). ״Es ist noch kein Auörusungsgeschrei des Sieges, auch nicht des Unterliegens, die Stimme eines Wettgesanges höre ich." Herr Rubin möchte gerne über dem Cantor stehen, eventuell ihn ganz entbehrlich machen. V6ru8. * * * Wir möchten nicht so direct den Anschauungen des geehrten Artikelschreibers betreffs des Herrn Chordirector Rubin beitreten, aber die Wahrnehmung haben wir wol schon gemacht, dass Chor dirigenten, die de facto oder auch nur in ihrer Einbildung atts einem höheren musikalischen Standpunkte als der betreffende Cantor stehen, den letzteren immer noch auf ein niedrigeres Niveau 511 drücken ' suchen und ihre Persönlichkeit allzusehr in den Vordergrund schieben. Mögen sie bedenken, dass der Cantor im jüdischen Gottesdienste immer die erste und wichtigste Person ist, und dass bei den Differenzen zwischen Cantor und Chordirigent die sunagogalen Verhältniße leiden müssen, was für keinen von beiden vortheilhast sein kann. Ein Gottesdienst ohne Cantor ist kann, denkbar, noch weniger aber ein jüdischer Chordirigent ohne einen jüdischen Cantor. Jeder hat in seiner eigenen Sphäre genug zu thun, und darum muß ein Uebergriff des Einen in den Wirkungskreis des 'Andern immer von jedem aufrichtigen Freunde des jüdischert Gottesdienstes verurtheilt werden. (Die Red.) Von Ernst Fischer. Wenn bis zu dem Beginne unseres Jahrhunderts die Theo logie überhaupt die vorherrschende Rolle auf den! Gebiete der Wissenschaft und Kunst behauptet hat und es unserer Zeit erst möglich war, die Naturwissenschaften zur Geltung zu bringen, so kann dennoch nicht geleugnet werden, dass die Bibel in ihrer er habenen Einfachheit und ihrer lebendigen, anschaulichen Schilderung, welche beide Eigenschaften der wirklichen Dichtkunst unentbehrlich sind, von maßgebendem Einflüße auf unsere Dichter ist gewesen und es auch in Zukunft bleiben müsse, da das Wahre, unabhängig von Zeit und Ort stets wahr bleibt. Selbst der nüchterne Göthe sagte, dass die Bibel eine der Hauptquellen seiner Schöpfungen geworden sei. In noch höherem Grade sehen wir dies in der englischen Litteratur, von welcher wiederum die amerikanische reichlich entlehnt hat und noch immer entlehnt. Und wie sehr in Böhmen schon vor der Zeit der Böhmischen Brüder das Sutdium der Bibel blühte, erhellt aus dem bekannten Ausspruche des Papstes Aeneas Sylvius, welcher jedem alten Weibe in Böhmen mehr Bibelkennt- > niße zumuthete, als so manchem Pfarrer in Rom. Defterreichisch-ungarische Lantoren-Aeitung. Weder das Verhältnis der Dichtungen I. D. Slsdek's zur Kidel. .