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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1893-04-01 · Heft 10 (1.4.1893) · p. Seite 3

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
13 (1893)
Issue
Heft 10 (1.4.1893)
Date
1893-04-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 10. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitun g. Seite 3. Park- und Kolowratring und erwies überall den Manen des tobten! Volksmannes durch Lüsten des Hutes seine Verehrung. Auch die! Fenster und Balcone der Ringstraßenhäuscr waren dicht besetzt. Auf dem Schwarzenbergplatze bestieg der ganze Corröge, der bis dahin dem Zuge gefolgt war, die Wagen. Über den Schwarzenbergplatz und den Nennweg bewegte sich nun der Conduct, immer an dichten Menschenmassen vorbei, deren Ansammlung das herrliche Frühlingswetter begünstigt hatte, nach dem Centralfriedhofe. Eine unabsehbare Wagenreihe schloß sich auf dem Schwarzenbergplatze dem Leichenzug an, Hunderte von Gefährten folgten dem Sarge des großen To dien. Um halb drei Uhr war der Zug vor dem Friedhofthore angelangt, der Sarg wurde vom Wagen gehoben und in die Ceremonienhalle gebracht. In diese hatten nur jene Trauergäste Zutritt, die mit eigens ausgegebenen Karten versehen waren. Die Halle war schon gegen zwei Uhr vom Publicum gefüllt. Mit dem Zuge kamen die meisten Trauergäste aus den! Tempelgebäude. Die Ceremonie hatte schon lange begonnen, und noch immer war das Ende der vorfahrenden Wagenreihe nicht abzusehen. Die Personen, die nicht im Besitze von Eintrittskarten waren, strömten durch Nebenalleen auf den israelitischen Friedhof und gruppirten sich im weiten Umkreise um das offene Grab. Begleitet von einer nach Hunderten zählenden Menge war der Sarg unterdessen in die Ceremonienhalle getragen und auf das Trauergerüste gestellt worden. Zu Häupten standen die unmittelbaren Berwandten des Todten. In der Trauergemeinde bemerkte man: die Vorstandsmitglieder der vereinigten deutschen Linken Dr. Edler v. P len er und Se. Ercellenz den Senatspräsidenten Graf K-uenbürg mit den Reichsrathsabgeordneten A u sp i tz, Hofrath Beer, I a k s ch, Dr. Jacques, Dr. Kronawetter, Dr. Bloch, Professor Marchet, Baron Somaruga und Graf Stürgkh; Vicebürgermeister Dr. Grübl, die Stadträthe Matzenauer und No ske, die Gemeinderäthe Gfrorner, Lang, Schlecht«, Vaugoin, Nöhrl Seiler und Simon, den Präsidenten des Journalisten- und Schriftsteller-Vereines ״Concordia" Professor Warhanek mit den Vorstandsmitgliedern Negierungsrath Winternitz und Wilhelm Frey, Professor Dr. Georg Jellinek, den Componisten Carl G o l d m a r k, Professor G o m p e r;, Adolf Ritter von N a s s a u, Landesgerichtsrath B e r a n e k, Director P o r g e s, den Generaldirektor der Westbahn, Böhm, ׳Regierungsrath Niter von Kuh, den Polizeibezirksleiter von Simmering Obercommissär Rathay, den Präsidenten der Productenbörse kaiserl. Rath 4t a s ch a u e r und ' den General-Secretär L e i n k a u f, Dr. Hermann Rollet aus Baden, Frau Regine Friedländer, Frau Kitschelt, Architekt Fränkl, Deputationen des deutsch-liberalen Vereines in Rudolfsheim, des politischen Vereines ״Gewerbebund" im 18. Bezirke, des politischen Volksvereines im 19. Bezirke, des Fachvereines der Wiener Wochenpresse, des Erportvereines, den gcsammten Ausschuss des demokratischen Centralvereines, den Wiener Wählerverein, Dr. Alfred S k r e i n in Vertretung des israelitischen Wählervereines, die demokratischen Vereine der Leopoldstadt, Mariabilf, Neubau, Josefstadt, Alsergrund, den demokratischen Wählerverein Margarethen, den politischen Volksverein Mariahilf, rc. rc. Obercantor Goldstein intonirte mit dem Chore das ״Unrrur tomim” und hierauf trat Rabbiner Dr. Güdemann vor und hielt folgende tiefempfundene Rede: ״Wir gedenken vor Gott, dem Vater des Erbarmens, unseres dahingeschiedenen Glaubensbruders, des Herrn Dr. Adolf Fischhof, den Er nach seinem unerforschlichen Rathschluße hat abberufen aus dieser Welt, als seine Stunde war gekommen. Es ist wenigen! Menschen beschieden, in einem bedeutsamen geschichtlichen Augen-! blicke für das, was Alle bewegt, das rechte Wort zu finden und; dadurch mit einem Schlage bekannt, ja berühmt zu werden. Vollends aber den wenigsten Menschen ist es beschieden, eine große Idee, welche Plötzlich' eines Zeitalters sich bemächtigt, in der eigenen Persönlichkeit auszugestalten und gleichsam zu verkörpern. Beides ist dem Manne vergönnt gewese.i, an dessen Bahre wir stehen. Ec war unbekannt, als er in jenem denkwürdigen Jahre, in welchem die Begeistening für Freiheit und Recht einen Völkerfrühling hervorzauberte, das zündende Wort in die Menge schleuderte: ״Wer in diesen Tagen keinen Muth besitzt, der gehört in die Kinderstube!" Durch dieses Wort, das aus Kindern Männer machte, ward ec mit einem Schlage zu einem gefeierten Freiheitstzelden. Dennoch dürfen wir ihm diesen glücklichen Einfall nicht allzuhoch anschlagen. Ein Wort löst sich gar leicht von der Persönlichkeit ab, wie die Schale vom Kern; es' ist trotz des augenblicklichen Erfolges oft nur oberflächlich gedacht und empfunden, denn nicht immer ist ein Wort ein Mann, und schon mancher Urheber des treffendsten, glücklichsten Ausspruches hat denselben hinterher verleugnet und verrathen. Bei ihm aber war es anders. Was er damals sprach, das zeigt bereits den ganzen Mann, wie er nachmals sich entfaltete, das Wort war er selbst, es kam ihm vom Herzen, und was er Anderen damit empfahl, die mannhafte Bethätigung und Vertheidigung der Freiheit und des Rechtes, das hat er selbst in seinem langen Leben auf das Glänzendste verwirklicht. Er war ein Märtyrer seiner Neberzeugung, ohne jedoch den betrübenden Eindruck eines Märtyrers zu machen. Wie er die letzten fünsundzwanzig Jahre seines Lebens still und zurückgezogen auf einer Anhöhe zubrachte, so blickte er von der Höhe seiner unerschütterlichen Neberzeugung und seiner gereiften Erkenntnis ohne Groll "auf die Gegenwart, die doch in so vielen Dingen die glorreiche Vergangenheit verleugnet. Er sah den Baum der Freiheit, den er mitgepflanzt, welken und sich abblättern, ohne dass ihn diese Wahrnehmung verbittert hätte. Als ein Weiser und Menschenfreund, Allen zugänglich und Vielen ein stets bereiter Helfer, uneigennützig, und von seltener Enthaltsamkeit, ohne Anspruch an die Menschheit und dennoch immer in ihrem Dienste thätig, ist er sich selbst treu geblieben, hat er an seinen Idealen festgehalten und in Wort und Schrift dafür gekämpft, bis an sein Lebensende, ohne dass die Fahnenflucht so vieler ihn hätte beirren, noch seine Heiterkeit trüben können. So fest war sein Vertrauen, sein Glaube an den endlichen Sieg der Freiheit und des Rechtes. In der'Geschichte von der Befreiung Israels aus Egypten berichtet die heilige Schrift, dass Gott die siebzig Aeltesten aufforderte, zu Pharao zu gehen und die Entlassung des Volkes von ihm zu heischen. Es fand sich aber nur Moses und Aaron ein. Unsere alten Lehrer fragen deshalb: ״Wo waren denn die siebzig Aeltesten geblieben?" Und sie antworten: ״Die hatten sich unterwegs Einer nach dem Andern davongeschlichen." So ist^es immer gewesen, wenn es sich darum handelte, die Sache der Freiheit zu vertreten. Auch Adolf'Fischhof hat viele sich davonschleichen gesehen, die einst in der Zeit des Völkerfrühlings das Panier der Freiheit und des Rechtes' hochgeschwungen, jene Kostgänger an der Tafel fremder Ideen, für deren Verwirklichung sie keinen Muth, und fremder' Gefühle, für die sie kein Herz haben, die es vorziehen, sich jederzeit an eine frischgedeckte Tafel zu halten, mag aufgetragen werden, was da wolle. Fifchhof war kein Schmarotzer an der Tafel der Freiheit und des Rechtes, er hielt nicht die Hände auf, um die Ehren und Auszeichnungen aufzufangen, die etwa herunterfielen, und dann ernüchtert, wie von einem Rausche, hinterher das Geschehene zu verleugnen und einer anderen Tafelrunde Platz zu nehmen. Für ihn besaßen Freiheit und Recht die Heiligkeit eines Altars, an welchem er nicht genießen, sondern blos dienen wollte. Und so können wir ihn mit dem hohen Priester Aaron vergleichen, dem der Herr seinen Beruf mit folgenden Worten vorzeichnet: ״Durch die, welche mir nahe sind, will ich geheiligt und vor allem Volke geehrt ^werden." Auch der Hohepriester der Freiheit darf nicht an sich, an die eigene Ehre und den eigenen Vortheil denken, sondern er soll den Namen Gottes heiligen und zu Ehren bringen, indem er das Volk durch feine Lehre und sein Beispiel emporhebt

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