Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 10 (1.4.1893)
- Date
- 1893-04-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/1304829-3453273-3453283--3705-3458089- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Iestuirg. Seite 2. Nr. 10. Willen ist überall, und sei es auch die kleinste und ärmste Vereinigung die Möglichkeit geboten, in bescheidenem Rahmen wenigstens etwas zu thun. Von diesem Gesichtspunkte ausgehend, hat der Vorstand des österr.-ungar. Cantorcn-Vereines vor einigen Jahren an sämmtliche Cultusgemeinden der Monarchie ein Circular ergehen lassen und darin das Ersuchen gestellt, jene Bestrebungen des Vereines, welche auf die Unterstützung der Mitglieder, resp. deren Angehöriger im Falle des Ablebens oder der Berufsunsähigkeit abzielen, durch Gewährung von Jahresbeiträgen zu unterstützen. Hierdurch würden namentlich jene Gemeinden, welche feinen Pensionsfond besitzen, ihrer Pflicht, für die Angestellten Sorge zu tragen, einigermaßen enthoben, und der Cantonn-Verein kätne bei ausgiebiger Theilnahme seitens der Gemeinden in die erfreuliche Lage, den Mitgliedern im gegebenen Falle eine viel wirksaniere Unterstützung als jetzt angedeihen zu lassen. Aber leider nur wenige Gemeinden haben diesen Appell beherzigt und die Zahl dieser wenigen ist bis heute auf zwei zusammengeschrumpft; alle übrigen haben schon im nächsten Jahre ihre Versprechungen nicht erfüllt. Allein noch viel betrübender als die Theilnahmslosigkeitz der Gemeinden ist die Indolenz unserer eigenen Berufsgenossen, deren Aufgabe es gewesen wäre, die zugesagten Beiträge einzusammeln und an die Vereinscasse zu senden. Nun denn, Collegen und Berufsgenossen, das traurige Los jenes alten Cantors, der nach langjähriger Dienstzeit von seiner Gemeinde schnöde verlassen wurde, diene Euch zur Warnung! Sein Schicksal wird auch das Eurige, wenn Jbr nicht endlich aus der unheilvollen Apathie und Theilnahmslosigkeit erwachet! Vertrauet nicht allein auf die Hilfe des Cantoren-Vereines, denn auch seine Mittel müssen endlich versiegen, wenn sie nicht durch Euer Zuthun auf die angedeutete Weise gestärkt werden! j Dr. Adolf Fischhof. | In einer bescheidenen Bauernstube zu Emmersdorf bei Klagenfurt hat am 23. März der große Volks- und Freiheitsmann Dr. Adolf Fisch Hof, dem in den denkwürdigen Tagen des Jahres 1848 zum erstenmale aus voller Brust das erlösende Wort ״Freiheit" begeisternd und hinreißend hervorgequollen war, die Augen für immer geschlossen. Auf dem Sterbebette hat Fischhof dein Wunsche Ausdruck gegeben, dass er sofort nach seinem Tode nach Klagenfurt geführt, dort im israelitischen Bethause aufgebahrt und von da nach Wien gebracht und in Wien begraben werde. Auch in seinem Testamente vom Jahre 1883 heißt es: ״Wo immer ich sterbe, wünsche ich in Wien begraben zu werden. Der Vorstand der Wiener Cultusgemeinde hat in pietätvoller Weise diesen Wunsch durch Veranstaltung einer imposanten Leichenfeier erfüllt, und auch die Wiener Bevölkerung hat durch ihre großartige Theilnahme bewiesen, dass ihr trotz aller Verhetzungen das Andenkeu des großen Freiheitsmannes heilig ist. Montag Früh langte die Leiche aus Klagenfurt hier an und wurde in dem zum Trauergemache umgestalteten kleinen Betsale des Leopoldstädter Tempels ausgebahrt. Im Laufe dieses und des folgenden Tages wurden unzählige Kränze auf die Bahre niedergelegt und Tausende von Menschen warfen noch einen letzten Blick auf die sterbliche Hülle des großen Freiheitshelden. Dienstag Mittag versammelte sich vor 1 Uhr im׳ linken Seitenhofe des israelitischen Gotteshauses in der Tempelgasse eine zahlreiche Trauergemeinde. Die kleine Gasse war von Wachen abgesperrt und nur Trauergäste hatten Zutritt. Durch ein schwarz ausspal'rtes Seitenportal trat das Publicum in das Trauergemach. Man bemerkte unter den Anwesenden: Se. Ercellenz den Präsidenten des Reichsgerichtes, Dr. Josef Unger, Neichsrathsabgeordneten Baron Suttner, den Bezirksleiter der Leopoldstadt Polizeirath Wachler, Negierungsrath P i e s l i n g, Sanitätsrath Dr. Hopfgartner, Generaldirector Ritter von Hahn, den Präsidenten der Staatseisenbahngesellschaft Ritter von T a u ß i g, die Achtundvierziger Engelbert Keßler Namens des Schulz-Straßnitzky- Vereines und Dr. W o ssa k, Professor Politzer, Stadtrath Ritter von Goldschmidt, die Gemeinderäthe Dr. Friedjung, Tagleicht, Baurath Stiaßny und Dr. Stern, den Chefredakteur der ״Österreichischen Volkszeitung" Krawani, kaiserl. Rath Dr. W ö l f l e r, Professor Oser, die Schriftsteller Dr. Theodor H e r tz k a, Fritz Singer und Lukesch, eine Deputation der Ärzte des 2. Bezirkes, Deputationen des slavischen Vereines, des politischen Vereines ״Gewerbebund" und aller Tempelvereine, eine Deputation des deutsch-fortschrittlichen Vereines im 13. Bezirke, bestehend aus dem Obmanne Bezirksausschüsse Jedliczka, Bezirksausschuß Vogelreuthe r, Bezirksschulrath Beer, dem Obmanne des Ortsschulrathes K r e i b i g und Oberlehrer M e i ß l, eine Deputation der Cultusgemeinde Lehndorf bei Emmersdorf, geführt von I. K övesdy, Dr. Josef Groß aus Klagenfurt, Deputationen ärztlicher Vereine, die Großindustriellen David Ritter von Guttmann und Dr. Ludwig Ritter von Gutt mann, Stadtbaümeister Donat Z i f f e r er, Commercialrath Stiaßny, Kammerath Vogel, sämmtliche Mitglieder des Cultusvorstandes, sowie zahlreiche Schriftsteller. Der Hof war von Trauergästen ganz gefüllt. Im Hintergründe harrte ein Blumenwagen, auf den noch in der letzten Minute Kränze gelegt wurden. Gegen 1 Nhr bildete sich in der gedrängt stehenden Versammlung ein Spalier und zugleich wurden die Klänge eines Trauerchorales,intonirt von Obercantor G o l d st e in, hörbar. Durch das Spalier wird der vom schwarzen Bahrtuch überdeckte Sarg zu dem vor dem Mauerthor wartenden vierspännigen Leichenwagen getragen. Lebhafte Bewegung geht durch die Menge. Die Zurückbleibenden lüften zum letzten Gruße den Hut. Doch der bei weitem größere Tbeil der Trauergäste folgt zu Fuße dem Wagen. Zwei Blumenwägen fahren dem Sarge voran. Unmittelbar hinter dem Trauerwagen gehen, ׳vom Schmerze übermannt, die nächsten Angehörigen, darunter Fischhofs Pfleger und Bruder Simon und Dr. Jacques Fischer; ihnen folgten in langem, unabsehbarem Zuge die übrigen Trauergäste. Wie eine Erinnerung an die schönste Zeit seines Lebens strahlte die warme und kräftige Frühlingssonne herab/ als der ״Weise von Emmersdorf" seinen letzten Weg antrat; ihn grüßte noch einmal das Helle und volle Licht, das er zeitlebens so geliebt hatte. Der Conduct nimmt seinen Weg durch ein dichtes Menschenspalier die Tempelgasse entlang, bis zur Unteren Donaustraße und durch diese über die Aspern brücke zur Ringstraße. Längs des ganzen Weges brennen die Gaslaternen. Von Fenstern und Balkonen sehen die Wiener dem langen Zuge nach, dem imposantesten, der sich se׳t Langem über die Ringstraße bewegte. Die Aspernbrücke war von Neugierigen ganz besetzt und auf dem Ring stockten Tramway- und Wagenverkehr durch lange Zeit. Vor der Nadetzkybrücke hatten die Abordnungen der demokratischen Vereine Aufstellung genommen, und schlossen sich hier mit ihrem übervollen Blumenwagen dem Zuge an. Zu Tausenden stand das Publicum in mehlsacher Kette zu beiden Seiten der Straße auf dem Stuben-