Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 9 (21.3.1893)
- Date
- 1893-03-21
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 9. Vesterreichisch-rmgarische Lantoren-Zeitung. Seite 5. sogar, es möge in England das jüdische Gesetz eingeführt werden. Nun beeilte sich Manasse, diesem judenfreundlichen Parlamente sein Gesuch von Neuem zu unterbreiten und die Judenfrage wurde auf die Tagesordnung gesetzt. Das Parlament sandte Manasse einen Pass zu, dass er nach London komme und seine Angelegenheit hier persönlich betreibe. Allein die Reise musste wieder aufgeschoben werden, da der Krieg zwischen England und Holland wieder fortgesetzt wurde. Endlich 1654 kam es zwischen England und Holland zum Frieden, Cromwell berief ein zweites Parlament, das aber nur kurze Zeit beisammen blieb. Obgleich Manasse auch diesem sein Gesuch unterbreitete und der Amsterdamer Gemeindevorsteher, David Abrabanel Dormido, ein Gleiches that, kam doch vorläufig nichts zustande. Cromwell überwies die Gesuche dem Staatsrathe zur dringenden Erledigung. Manasse erhielt auch von diesem zweiten Parlamente eine Einladung nach London, allein da dasselbe mittlerweile aufgelöst wurde, konnte er die Reise nicht eher antreten, bevor er vom Protector selbst berufen wurde. Inzwischen erschienen neue Schriften zu Gunsten der Juden. Manasse schwelgte in einem wahren Freudentaumel ob der herannahenden Glanzzeit für Israel. Er betrachtete sich als ein von der göttlichen Vorsehung auserkorenes Werkzeug, die Erlösung Israels zu vollsühren. Hatte er ja eine Urenkelin Jsak Abrabanels, Rachel Soeira, zur Frau. Da Abrabanel aus königlich David'schem Geblüte stammte, glaubte Manasse die Bestimmung zu haben, für das David'sche Haus Nachkommen zu erhalten. Gewiss ein sehr verführerischer Gedanke für ein solch fromm-schwärmerisches Gemüth. Wirklich erfolgte eine Einladung Cromwells an Manasse. Ende October 1655 unternahm Manasse endlich die lang geplante Reise'nach London in Gesellschaft des gelehrten Jakob Sasportas, der-später sogar Rabbiner Zu London wurde. Manasse wurde von ' Cromwell aufs freundlichste empfangen; er überreichte ihm eine sorgfältig ausgearbeitete Btitschrift, nebst zahlreichen Vollmachten von den Juden der verschiedensten Länder Europas. Gleichzeitig ließ er eine Denkschrift durch den Druck veröffentlichen, in welcher er die Gründe für die Zulassung der Juden auseinandersetzte, die Gegengründe aber entkräftete. Namentlich wurden in dieser Schrift die falschen Beschuldigungen gegen die Juden, wie Mord von Christenkindern, Wncher u. s. w. gründlich widerlegt. Im December 1655 kam die Angelegenheit zur parlamentarischen Verhandlung. Die Geistlichkeit bekämpfte das Gesuch vom theologischen Gesichtspunkte. Manasse widerlegte alle Angriffe mit Muth und Gewandtheit. Cromwell trat für die Zulassung der Juden mit ungewöhnlichem Eifer ein — Alles vergebens. Die Judenfeinde traten auch hier mit den absurdesten Verdächtigungen auf. Sie verbreiteten das Gerücht, die Juden wollen die Bibliothek von Oxford durch Kauf an sich bringen und die Paulskirche in eine Synagoge verwandeln. Ein gewisser Wilhelm Prynne wärmte das Märchen vom Morde der Christenkinder wieder auf. Manasse trat in einer sehr warm gehaltenen Vertheidigungsschrist dagegen auf und erzählte unter Anderem folgende ergötzliche Geschichte: Der Arzt eines portugiesischen Grande wurde von der Jnquifitton als judaisirender Christ angeklagt und eingekerkert. Der Grande schützte eine Krankheit vor und ließ den Inquisitor zu sich rufen; dieser erschien. Der Grande sperrte die Thüre ab und befahl dem Inquisitor unter Drohungen, schriftlich einzugestehen, dass er Jude sei. Der Inquisitor weigerte sich, da brachte ein Diener einen glühenden Helm und sollte denselben dem Inquisitor aufs Haupt drücken. Eilends ergriff der geängstigte Inquisitor die Feder und bestätigte schriftlich seine Zugehörigkeit zum Judenthume. In dieser Weise führte der aufgeklärte Grande das Verfahren der Inquisition ad absurdum, die den unglücklichen Opfern durch Folterqualen Geständniße erpresst, die natürlich jeder wirklichen Grundlage entbehrten. Manasse betheuerte überdies die Grundlosigkeit der Blutbeschuldigung mit einem feierlichen Eide, indem er schreibt: ״Ich beschwöre, dass ich nie einen solchen Gebrauch bei dem Volke Israel gesehen und dass es nie eine solche schändliche That begangen oder auch nur versucht hat." Diese Schrift machte einen günstigen Eindruck. Cromwell war wohl nicht im Stande, die gesetzliche Zulassung der Juden zu erzielen, allein er hat dazu den Weg geebnet. Noch im selben Jahre gestattete er einzelnen Juden den Aufenthalt in London und schenkte ihnen ein Grundstück zu einem Begräbnisplatze. Im Februar 1657 wurde Manasse mit Auszeichnungen entlassen. Cromwell setzte ihm aus der Staatscasse einen Jahresgehalt aus. Leider war es dem frommen Manne nicht gegönnt, auch die Früchte seiner Bemühungen zu sehen, da er auf der Heimreise im März 1657 in Middelburg starb. Seine Leiche wurde später nach Amsterdam geführt, wo ihm ein Monument gesetzt wurde. Nach einem Decennium gestattete England die Ansiedlung der Juden. Alsbald bildete sich eine Gemeinde, die Jacob Sasportas, den Freund Manasses, zu ihrem ersten Rabbiner wählte Wie einst Moses, so sollte auch Manasse es nicht erleben, zu sehen, wie sich die Juden in dem Lande niederließen, das er mit den Waffen des Geistes erobert hatte. Er war wohl ein Schwärmer, aber Schwärmerei war eine zu dieser Zeit stark verbreitete Krankheit, von der Juden und Christen ergriffen wurden. Ihm kann man die; Schwärmerei , verzeihen, ihn hat sie sittlich gehoben. Unsterbliche Verdienste hat er sich um die Wiederansiedlung der Juden in England erworben. Und wenn im Jahre 1858 die Judenemancipation in England ausgesprochen wurde und heute Juden in allen Stellungen und Ämtem in England zu finden sind, so ist jener Same aufgegangen, den Manasse vor 200 Jahren ausgestreut. Würde doch die Gegenwart auch einen solchen Schwärmer finden, der den Kampf mit der vieltausendköpfigen Hydra — Antisemitismus — aufnehmen wollte. Kleine Chronik. Wien. Der Herausgeber dieses Blattes, Herr Obercantvr Jacob Bauer, feiert am 15. April d. I. שבת פ' שמיבי sein 25jähriges Cantorjubiläum. Wien. Die Lehrer sämmtlicher Schulen der Baron Hirsch- Stiftung in Galizien haben im vorigen Monate eine Conferenz zu Stanislau abgehalten und beschlossen, die Resultate dieser Conserenz durch Absendung einer Deputation nach Wien dem Curatorium zur geneigten Kenntnisnahme zu unterbreiten. Diese Deputation, bestehend aus den Leitern der Schulen von Kolomea und Boryslav und des theoretischen Unterrichtes der Gewerbeschule von Krakau, erschienen vorige Woche in Wien und wurden von dem Präsidium des Curatoriums eingeladen, in zwei hiezu berufenen Sitzungen über ihre bisher gemachten Erfahrungen und Wahrnehmungen Bericht zu erstatten. Die Deputation erklärte sich von dem Nefultäte ihrer Mission außerordentlich hefriedigt und reiste in gehobenster Stimmung in ihre Heimat. Wien. Montag den 20. März fand im Tempel der israel. Cultusgemeinde XVI. Bezirk Ottakring ein Requiem für den edlen Wolthäter und Förderer der jüdischen und christlichen Gemeinde Ottakring, Herm Ignaz Ritter v. K u f f n er, statt. Die Feier wurde mit Ps. 43 Schim'u sos eröffnet, worauf das Seelenlicht angezündet wurde. Nachdem Rabbiner Dr. Deutsch die Trauer-