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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1893-03-21 · Heft 9 (21.3.1893) · p. Seite 3

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
13 (1893)
Issue
Heft 9 (21.3.1893)
Date
1893-03-21
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Jli. 9. Desterreichisch-ungarische Cantoren-Aeittmg. Seite 3. gewaltigen Einfluß auf das Gemüth und so unmittelbar auch auf den-Humor ausgeübt hat. Es ist nun von großer Wichtigkeit für uns — fuhr der Vortragende fort — zu erfahren, ob denn der Humor in der That ein ursprünglich jüdisches Gewächs, oder nur eine künstliche, eine Treibhauspflanze ist. Geistreiche, grundgelehrte Herren nichtjüdischer Abkunft haben neulich die Behauptung aufgestellt, dass den Juden die Fähigkeit zu lachen vollkommen abgehe. So sagt z. B. der jüngst verstorbene Ernst Renan in seiner ״Histoire des langiies semitiques'’: ״den semitischen Völkern fehlt fast ganz die Neugierde und die Fähigkeit zu lachen." Nun, was die Neugierde betrifft, bemerkte Dr. Grünwald humoristisch, so sieht man wohl, dass Renan zur Zeit der Abfassung seines Werkes, das seinen Ruhm begründete, mit Juden nicht verkehrte; denn Mangel an Neugierde konnte man den Juden mit Recht wohl niemals zum Vorwurfe machen. Die Neugierde ist aber die Grundlage der Wissbegierde und so auch des Wissens, welch letzteres im Judenthume ja stets als Macht verherrlicht ward. Was aber die Fähigkeit zu lachen betrifft, so braucht man nur des eben verstrichenen Purimfestes zu gedenken, und Renan hätte gut gethan, in den vierziger Jahren, zur Zeit der Abhaltung des genannten Festes, in die Prager Judenstadt zu gehen; da hätte er gefunden, dass seine aus Büchern geschöpfte Ansicht nicht die richtige war. Auch ein anderer Forscher, der Engländer Carlyle, hat den bekannten Ausspruch gethan: ״Der Hebräer hat keinen Sinn für Humor." Carlyle wiederum hat die Bibel nicht richtig erfasst und nicht mit dem nöthigen Verständnis gelesen. Da nun aber zwei Männer wie Dienan und Carlyle der jüdischen Nasse den Humor und die Fähigkeit zu lachen absprechen, ist es eine Ehrenpflicht der Gelehrten, diesen Gegenstand des Näheren zu untersuchen. Denn schon der Talmud sagt: ״Wenn Einer Dir sagt, dass Du Eselsohren hast, so kümmere Dich nicht darum, denn eines Mannes Rede ist keines Mannes Rede. Wenn es Dir jedoch zwei Personen sagen, dann versieh Deinen Rücken mit einem Sattel." Wenn es nun nach talmudischer Anschauung keine so große Schande ist/ ein Esel oder ׳eine Eselin genannt zu werden, so will der Vortragende dennoch den dem Judenthume ungerechterweise Die ״Uachtigal Im schlesischen Dichterwalde". Friederike Kempner fühlt sich gedrungen, einen poetischen Feldzug gegen den Antisemitismus zu unternehmen. Zu diesem Zwecke hat sie im Jnseratentheil der ״Breslauer Zeitung" ein Gedicht veröffentlicht, das wir seiner unfreiwillig erheiternden Wirkung wegen unseren Lesern nicht vorenthalten wollen. Schon das Motto ist im höchsten Grade bezeichnend: Antisemitismus: Motto: Antisemitismus, AntihumaniSmuS, AmikatechiSmuS und Anachronismus. Ewig lebt die Wahrheit, Ewig lebt das Recht, Menschlichkeit ist Klarheit, Haffen, es ist schlecht. Antisemitismus, Aufgewühltes Meer, Neueste Influenza, Uebermüthig sehr. zugesprochenen Gemüthsfehler zurückweisen und in einer großen Anzahl trefflich gewählter Exempel straft er die gethanen Aussprüche Lügen. In der Bibel sindet sich das Wort lachen 15mal und ein anderer Wortstamm in derselben Bedeutung nicht weniger als 57mal, was bei dem Umstande, als ja die Bibel lediglich der Belehrung gewidmet ist, eine verhältnismäßig große Ziffer ist. Schon der zweite Patriarch, Abrahams Sohn, führt den Flamen ״Jizchak", d. h. er wird lachen, und Sarah, die erste Patriarchenmutter, sagt: ״Eine Freude, ein großes Lachen hat mir Gott bereitet." Die bekannte Fabel Jothamö ist voll feinen, Herrlichen Humors und ebenso die Scene im zweiten Buche der Könige, wo Elijahu, der große Eiferer, den falschen Propheten des Götzen Baals zuruft: ״Rufet lauter, er ist ja ein Gott, vielleicht unterhält er sich oder geht spazieren, vielleicht ist er auf Reisen oder schläft er!" Oder vermag man des Propheten Jesaia Schilderungen bei der Verfertigung der Götzenbilder anders zu lesen als mit innerer Befriedigung über den milden, gemüthvollen Humor, der in dieser Rede waltet? ״Und das Holz der Esche dient dem Menschen zum verbrennen und er nimmt davon und wärmt sich; auch heizt er und backt er sein Brod und macht anch einen Gott daraus. Die Hälfte davon hat er im Feuer verbrannt, bei der anderen Hälfte will er Fleisch essen, brät einen Braten und den Rest davon macht er zum Gotte und kniet davor." Und selbst die Psalmen, dieser blumenreichste Garten der Poesie, dieser Jungbrunnen des Gemüthes, entbehren sie etwa des Humors? Freilich ist dieser hier religiös durchweht; aber auch in weltlicher Hinsicht ist der Humor echt jüdischen Gepräges. In der Megillath Esther, in der der Gottesname nicht ein einzigesmal vorkommt, ist die Erzählung von dem gedehmütigten Haman ein humoristisches Prachtstück. Die Fastnachtsspiele und Fastnachtsschwänke verdanken der Megillath Esther ihren Ursprung und die Rolle des Haman war der leitende Stern, der in das Land des Humors führte. In der römischen und griechischen Litteratur findet sich nämlich kein echter Humor, was mit der Theologie und Mythologie dieser Völker in Zusammenhang steht. Wohl konnten auch sie lachen und ihre Götter selbst boten durch ihr zügelloses Leben der Motive genug, sich lustig zu machen; aber echten, wirklichen Humor besaßen Antisemitismus, Antibrüderlich, Senkt die morsche Fahne, Sie wird lächerlich. Antisemitismus, Wisst ihr, wie das klingt, Als wenn unter Psalmen Einen Fluch man singt. Psalmen sind semitisch, Zehn Gebote auch, Schöne Sonntagsfeier Ursemit'scher Brauch. Doch die Hasser täuschen Heuchlerisch die Welt, Meinen nicht Semiten, Meinen nur ihr Geld. Wenn sie vieles hätten, Gäben sie's dem Zar, Kauften sich Gatschina Schön und wunderbar.

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