Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 8 (11.3.1893)
- Date
- 1893-03-11
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr: 8. Vestorreichisch-ungarifche Lantoren-Zoitung. Seile 5. Gin neues Kluimärchen. In Holleschau in Mähren ist jüngst durch die gerichtliche Untersuchung ein Fall böswilliger Mordbeschuldigung gegen Juden zum Abschlüsse gelangt, der gerade durch die Ergebniße der gerichtlichen Untersuchung geeignet erscheint, die Gefährlichkeit des durch die antisemitische Agitation unter der ungebildeten Bevölkerung geweckten blinden Fanatismus recht deutlich zu beweisen. Wieder handelte es sich um ein mit gehässiger Verlogenheit erfundenes 1111b verbreitetes Gerücht, das trotz seiner plumpen und Handgreiflichen Unwahrheit doch die Bevölkerung von Holleschau und der Umgebung wochenlang in Aufregung erhielt und die fälschlich Beschuldigten in die gefährlichste Lage versetzt hat. Nachdem die gerichtliche Untersuchung die völlige Grundlosigkeit der ausgesprengten Gerüchte ergeben hat und deshalb eingestellt worden ist, erfahren wir über den in seiner Art höchst bezeichnenden Fall Folgendes: Am 19. November v. I. verbreitete sich in Holleschau das Gerücht, dass in dem Hause des Häute- und Schnittwarenhändlers David Tandler eine drei Tage vorher daselbst in den Dienst getretene Magd Namens Caroline Staniek Nachts in ihrem Bette von mehreren, den jüdischen Jargon sprechenden unbekannten Männern überfallen, gebunden und in den Hof des Hauses geschleift worden sei, wo es ihr aber gelungen sei, zu entwischen. Die von der Behörde alsbald eingeleiteten Erhebungen ergaben, dass die Magd allerdings in der betreffenden Nacht gegen 1 Uhr mit gebundenen und etwas zerkratzten Händen zu einer Dienst- Vermittlerin gekommen war und derselben die Geschichte von dem angeblichen Ueberfalle erzählt hatte; aber es stellten sich zugleich Umstände heraus, welche bewiesen, dass die ganze blöde Attentatsgeschichte erlogen und zu bestimmten Zwecken erfunden worden sei. Trotzdem wurde die Mär in der nächsten Zeit von antisemitischen czechischen Blättern als angeblich wahr und mit verschiedenen gehässigen und aufreizenden Beisätzen weiter verbreitet. So erzählte z. B. der ״Velehrad" das Märchen unter dem Titel: ״Xanten in Holleschau". Die ״Moravska Orlice" brachte in einem aus Holleschau datirten Artikel eine dem ״Czech" entnommene Geschichte, dass im Jahre 1774 ein Dienstmädchen Namens Trnka von einem Juden zu rituellen Zwecken gemordet und der Mörder hingerichtet worden sei. Auch in dem antisemitischen ״Znaimer Volksboten" wurde eine angeblich unaufgeklärte Geschichte erzählt, die sich vor zehn Jahren mit einer Victoria Blumenstein bei einer Frau Hertzka ereignet haben sollte, aber in diesem Falle musste das Znaimer Antisemitenblatt von Frau Hertzka die Berichtigung aufnehmen, dass die Victoria Blumenstein nach Verübung eines großen Diebstahls flüchtig geworden, sich nach fünf Jahren freiwillig dem Holleschauer Gerichte gestellt hat und im Jnquisiten-Spitale in Ungarisch- Hradisch gestorben ist. Aber durch diese fortgesetzten Agitationen wurde in der Bevölkerung die Aufregung gegen David Tandler erhalten und genährt, und sieben bis acht Wochen nach dem 19. November kamen aus einem benachbarten Orte zwei Knechte eines als jungczechischen Agitator bekannten Brauers eines Morgens nach Holleschau und stießen vor dem Hause des Tandler gefährliche Drohungen gegen denselben aus. Ja, obwohl die behördliche Untersuchung die Un- Wahrheit der von der lügnerischen Magd erfundenen Geschichte klar dargethan hatte, wurde zu Ende Jänner dieses Jahres gegen den bedauernswerthen Mann eine zweite ähnliche Beschuldigung erhoben, welche womöglich noch ungeheuerlicher als die erste war, aber trotzdem eine erneute Aufregung unter der Bevölkerung hervorrief. In den letzten Tagen des Jänner, etwa am 27., gienz ein Weib aus Buchlowitz bei Ungarisch-Hradisch in Holleschau betteln, und kurz darauf erzählte sie bck dem Gemeindevorsteher in Wschetul, sie habe in einem Hause in Holleschau gebettelt, wo man sie habe abschlachten wollen, und diesem Schicksale sei sie nur durch schleunige Flucht entronnen. Diese Erzählung der Bettlerin wurde nun der Gendarmerie mitgetheilt, welche die Anzeige bei Gericht erstattete, und es wurde nach der Frauensperson geforscht, welche erst nach längerer Zeit eruirt und zu Stande gebracht werden konnte. Dieses Weib richtete nun seine erlogene Beschuldigung gegen David Tandler, der dadurch neuen Anfeindungen und Verfolgungen ausgesetzt wurde. Bei der in der Bevölkerung herrschenden gereizten und! gehässigen Stimmung gegen David Tandler war es nur im In teresse seiner persönlichen Sicherheit, dass er, sowie sein Sohn Fcitz und der bei ihm bedienstete Taglöhner König am 24. Februar in Collusionshaft genommen wurden. Der vom Holleschauer Gerichte streng und sorgfältig geführten Untersuchung, sowie dem Eifer ihres gewissenhaften Nechtsbeistandes, des Holleschauer Advocaten Dr. Camillo Budik, hatten die des Mordversuches Beschuldigten es zu danken, dass sie schon nach drei Tagen, am 27. Februar, wieder aus der Haft entlassen wurden und die Untersuchung gegen sie in Anbetracht ihrer vollkommenen Schuldlosigkeit eingestellt wurde. Die Bettlerin konnte nämlich, nachdem sie vor Gericht gestellt worden war, anfangs gar nicht das Hans und nicht einmal die Gasse, wo der Mordversuch gegen sie verübt worden sei, angeben. Am 24. Februar wurde sie nun, von Gendarmen und Polizei begleitet, in die Judenstadt geführt, und dort fragte sie, ohne dass es die Gendarmen gleich bemerkten, einen Knecht, wo Tandler wohne. Hierauf bezeichnet sie das ihr von dem Knecht gezeigte Haus Tandler's als dasjenige, wo der Mordversuch gegen sie verübt worden sei; sie erzählte dann auch Einzelheiten des angeblichen Vorfalls und behauptete unter Anderem, Tandler, sein Sohn und der Taglöhner hätten Stricke gebracht und den Niegel an der Thür vorgeschoben. Als sie hierauf mit den drei Beschuldigten confrontirt wurde, wollte sie dieselben mit Bestimmtheit wieder erkennen und gab weiters an, der Vorfall habe sich am 27. Jänner zwischen II. und 12 Uhr Mittags ereignet. Die Lügenhaftigkeit dieser letzteren Angabe stellte sich allerdings bald heraus, indem Tandler nachzuweisen vermochte, dass er am genannten Tage sich in dem zwei Meilen entfernten Kremsier aufgehalten hatte. Doch die Bettlerin änderte alsbald ihre Aussage tind erklärte, es sei vielleicht am 23. Jänner gewesen. Glücklicherweise konnte aber Tandler auch dies widerlegen und durch Zeugen den Beweis erbringen, dass er auch an diesem Tage nicht in Holleschau, sondern in dem mehr als zehn Kilometer entfernten Orte Freistadt gewesen. Um alle Umstände der von der Bettlerin vorgebrachten Beschuldigung aufzuklären, begab sich am 27. Februar die Gerichtscommission in das Haus des Tandler und ließ daselbst eine Diele des Fußbodens aufreißen, welche in den Erzählungen der Bettlerin ein: Nolle gespielt hatte. Unter dieser Diele befand sich ein etwa 60 Centimeter langes und 40 Centimeter tiefes Loch, das zu einem früher darüber besindlichen Backofen gehört haben soll, und die Gerichtskommission stellte fest, dass dieses Loch nach seinem Zustande offenbar seit vielen Jahren leer und überdielt war. In Anbetracht dieser Ergebniße der Untersuchung wurden David Tandler, sein Sohn und der Taglöhner noch am selben Tage aus der Haft entlassen. Trotzdem wurde aber die Aufreizung des Pöbels gegen den schuldlosen Mann und dessen Familie fortgesetzt. Am 26. Februar, Abends, als sich Tandler noch in Haft befand, wurde sein ׳Haus mit Steinen beworfen. Am 27. Februar, Vormittags kam ein Fleischhauergehilfe in das Haus und forderte die gegenwärtig dort dienende Magd auf, das Haus zu verlassen; als die Magd sich weigerte, mißhandelte der Fleischhauer sie und drohte, sie und den Tandler zu erschlagen. Ja, durch die Freilassung der drei Ver hafteten wurde der Pöbel sogar gereizt, und am Abend rotteten sich 60 bis 80 Bursche vor dem Hause Tandlers zusammen, wurden aber durch Gendarmen auseinandergetrieben. Als die Ergebniße der Untersuchung bekannt wurden, legte sich endlich die in so unverantwortlicher Weise unter der Bevölkerung hervorgerufene Aufregung. Welch' verwerflicher Mittel sich aber die Agitation bediente, um der Gehässigkeit gegen die Juden immer neue Nahrung zu geben, beweist ein anderer Vorfall, der sich während der gegen Tandler geführten Untersuchung ereignete. Sonntag den 26. Februar, Morgens, wurde in Holleschau das Gerücht verbreitet, dass die Tochter eines Eisenbahn-Bediensteten verschwunden sei, und gleich war man wieder mit einem neuen Verdachte gegen die Juden bei der Hand, bis Abends ein an die Eltern des vermissten Mädchens gelangtes Telegramm anzeigte, dass dasselbe sich zu den Großeltern nach Ungarisch-Hradisch begeben habe.