Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 8 (11.3.1893)
- Date
- 1893-03-11
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Sekte 2. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Zektung. Nr. 8. dem Bereiche seines eigenen Muskelsystems." So macht der Bläser Lippenbewegungen und der unmusikalische Sänger singt dann richtig, wenn von ihm durch Uebung die Muskelempfindungen im Kehlköpfe beherrscht werden. Der Unmusikalische muß, wenn er beim Auswendigspielen in einem Stücke stecken bleibt, wieder von vorne anfangen, um den Faden des musikalischen Gedankens wieder aufzunehmen, während der Musikalische eine beliebige Passage aus einem Stücke herausgreift und sie leicht vorzuführen vermag. Bei dem Unmusikalischen läuft eben im Bewusstsein eine Reihe von Bewegungsvorstellungen ab, die ihm die Muskeln des Kehlkopfes oder der Finger geliefert haben; dem Musikalischen kommt jedoch eine Reihe logisch untereinander verbundener Tonvorstellungen zu statten. Das musikalische Denken geht bei dem günstig Veranlagten leicht vor sich, während der Tontaube, welcher nur mit Hilfe von Vorstellungen aus anderen Sinnesgebieten musikalisch denken kann, einen qualvollen Zwang zu bestehen hat. Würde man bei Schulkindern und Soldaten, meint Kunn, systematische Prüfungen ihres Gehörs vornehmen, so würden sich die Mängel dieses Sinnes geradeso Herausstellen, wie bei der Prüfung der Farbenblinden. Es gibt gewiss mehr Tontaube, als man annimmt. Praktisch ist die Frage von der Tontaubheit von großer Bedeutung, da man es unterlassen sollte, tontaube Personen in der Musik zu unterrichten. Ist das Ohr mangelhaft organisirt, so müssen alle Versuche, zum musikalischen Denken anzuleiten, als nutzlos angesehen werden. Während es Niemandem einfallen würde, einen Farbenblinden in der Malerei zu unterrichten, werden Tontaube zum Musikmachen thkrichterweise angeleitet. Dieses Vorgehen trägt in ungezählten Fällen zum frühzeitigen Dahinwelken und znr : unvollkommenenkörperlichen Entwickelung der armen Jugend'׳ bei:, Statt nach mehrstündigem Schulunterricht/'nach völliger Abspannung das zermarterte Gehirn eines Kindes ruhen zu lassen, das sich wie eine junge Pflanze nach dem Lichte der Sonne sehnt, werden die armen tontauben Wesen noch gezwungen, einem Folterinstrumente der musikalischen Erziehung eine bis zwei Stünden scheußliche Töne zu entlocken. Wer sich über die Natur der Tontaubheit des näheren unterrichten will, greife nach gediegenen Ab- Handlung des Dr. Kunn. Besonders sollte dieselbe bei Schulbehörden Beachtung., finden.. Gi» Md des israelitische« Staates vor dessen Anflösung. Nach talmudischen Quellen bearbeitet von Dr. Abraham Löwy, Rabbiner und Prediger in Neu - Bidschow (Böhmen). (Fortsetzung.) Es hier nicht unsere Aufgabe, auch liegt es nicht in unseren Intentionen, den Hadrianischen Krieg ausführlich zu beschreiben, sondern nur die Ideen zu kennzeichnen, die damals die Volksseele beherrschten und sie zur Wiedererlangung staatlicher Selbstständigkeit animirten, sowie im Allgemeinen die verschiedenartigen religiösen und politischen Grundsätze der einander im Schoße der Judenheit bekämpfenden Parteien zu beleuchten. Daher übergehen wir jetzt die Schilderung der einzelnen wichtigen historischen Scenen, die sich in diesem Hadrianischen Kriege abspieltcn, und begnügen uns nur mit der Erwähmmg des Factums, dass Israel nach demselben nicht mehr den Versuch wagte, sich gegen eine erdrückende Uebermacht zu erheben. Um jedoch das Bild des israelitischen Staates vor dessen Auflösung vollends zu zeichnen, ist es noch nöthig, unser geistiges Augenmerk auf eine dritte in Israel herrschende Partei zu richten, nämlich auf die Chassidäer oder Essäer. Lange bevor Nom den Fuß auf Israels Nacken gesetzt und seiner Freiheit und seinem Königthum ein Ende gemacht hatte, zog in einem großen Theil der'israelitischen Völker die Verzweiflung mit ihrem fürchterlichen Gefolge, dem Schrecken und der Angst, ein. Ein bedeutender Theil Israels sah nicht seinen Rettungsanker in den politischen Thaten der Kannoim auch vermochten nicht die von den Pharisäern eingeführten religiösen Institutionen und zurNorm erhobenenen religiösen Satzungen dieNiedergedrückten aus ihrer verzweifelten Gemüthstimmung zu erheben. Das Unrecht und die Unterdrückung, die sie von allen Seiten umgaben, die Ungerechtigkeit und Gewaltthätigkeit, die damals so viele Triuiuphe feierten, vornehmlich zur Zeit des Herodes, erzeugte bei den Essäern einen tiefen Unmuth. Sie glaubten daher, dass die Weltordnung unterbrochen wurde, und es gab nur die eine Hoffnung bei ihnen, dass ״der Tag des Ewigen" nahe sei, dass ein neuer Himmel und eine neue Erde werde erschaffen werden, d. h., dass eine neue Ordnung in die irdische und religiöse Welt einziehen werde. Es ist selbstredend, dass in einer solchen Zeit, in der die Phantasie so mächtig bei einem großen Theile des Volkes sich ausbildete, der günstige Zeitpunkt eintrat für einen geistig hervorragenden Mann, der auf dem Grunde dieser herrschenden Volksgesinnungen weiter baute und tröstend und ermunternd dem Volke predigte, dass das erlösende Messiasreich bald im Anzuge sei. Die Essäer waren keine politische Partei, sie strebten nie nach staatlicher Selbstständigkeit, empörten sich auch nie gegen die römische Macht und hüteten sich sehr, den Römern in irgend welcher Weise Gelegenheit zur Unzufriedenheit zu geben. Sie kämpften nur gegen die pharisäische Lehre und nannten dieselbe ״den Sauerteig im Teige", richteten sich nicht nach ihren Satzungen, sondern stellten antipharisäische Grundsätze auf und gaben ihrer Partei andere Gesetze, die wir später besprechen werden. Nur in dem einen Punkte stimmten sie mit den Sadducäern überein, nämlich in der Antipathie gegen die Pharisäer und Kannoim, indem auch die Essäer behaupteten, die Frömmigkeit der.Pharisäer sei keine wahrhafte, aus dem innern Herzensgründe hervorgehende, sondern eine heuchlerische, sie vernachlässigen und verachten die wichtigsten und heiligsten Satzungen und räumen, den von ihnen selbst gemachten rein menschlichen Satzungen das Vorrecht ein. Sie laden ein großes, nicht, zu ertragendes Joch den Israeliten auf, während sie selbst nicht dasjenige thun, was sie ihre Glaubensbrüder lehren, ihre eigenen Satzungen gelten nur als Norm und als bindende Kraft für andere, nicht aber für sie selbst, und wenn sie hie und da ihre eigenen Gesetze befolgen, geschehe es nur, um vor den Augen der Volksmasse als fromm zu gelten. Ob diese Vorwürfe berechtigt waren oder nicht, siehe das jüngst von meinem Schwager Dr. Braun, Breslau erschienene Werk: Geschichte der Juden S. 88, welcher nachweist, dass es eine Fälchung der geschichtlichen Wahrheit ist, pharisäisch und scheinheilig für gleichbedeutend zu erachten.' Im Gegentheile, die Frömmler fielen zu jeder Zeit der allgemeinen Verachtung anheim. Aber jemehr die Zahl der Unzufriedenen mit den pharisäischen Lehren stieg, desto mehr vermehrten die Pharisäer die Zahl der Umzäunungen des Gesetzes und hielten an dem Bestreben zäh und fest, den Kern der Thora durch große, harte Schalen für die Zukunft zu schützen. Infolgedessen wird nun die Erscheinung klar, dass gerade zur Zeit, der heißesten Kämpfe der inneren Parteien,